Skyros – 1 – Soula

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Skyros, Chora

Skyros, die größte und abgelegenste Insel der Sporaden, besteht aus dem grünen Nordteil und dem wasserlosen kahlen Südteil. Die 3000 Einwohner der Insel wohnen ausschließlich im Norden, und dort größtenteils im Hauptort Skyros. Der Hauptort ist ein wahres Labyrinth aus schlichten weißen Häusern im Kykladen-Stil. Er ist halbmondförmig angelegt, meerverborgen hinter einem steilen Berg an der Ostküste, mit Burgresten und dem Kloster Agios Georgios oben drauf. Der kleine Hafenort Linaria liegt auf der Westseite der Insel.

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Skyros, Blick aus dem Kloster

Innerhalb der geometrisch schlichten Rechteck-Architektur pflegen die Skyrioten eine ganz liebenswürdig verschrobene Wohnkultur. Die klassische Wohnung ist gefüllt mit “Rumstehchen”. Aus aller Welt herbeigeschaffte Arrangements von Tellern, Kannen, Tassen und Glas füllen ganzflächig die Wände und Ablageborde der Kamine. Ich hatte Bilder davon im Band “Skyros: Traditionelle Griechische Architektur” des Melissa-Verlages gesehen und war fasziniert. Dazu gibt es extrem kurzbeinige Sitzmöbel und Tischchen, die man wunderbar ganz leicht auf die Gasse raustragen kann, um sich hinzuhocken und bei der Handarbeit mit der Nachbarin zu quatschen.

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Der kleine Fischerhafen nördlich vom Hauptort

Als wir zum ersten Mal dorthin wollten (1995), wurden wir gleich mit der bitteren Realität dieser so “romantischen” Inselexistenz konfrontiert, schon im Hafen von Kimi auf Evia: Wo ist die Skyros-Fähre? Hat es uns denn keiner gesagt …? Es kommt keine Fähre, die Insel ist im Generalstreik. Drei Tage haben wir gewartet, Evia war Anfang April noch eiskalt, mit Gewittern und Schneeschauern bis zum Strand hinunter.

Mit dem Generalstreik sollte endlich eine vernünftige Ärzteversorgung auf der Insel erzwungen werden. Gewöhnlich wurden griechische Ärzte nach ihrem Studium für ein Jahr in die spärlich versorgte Provinz verpflichtet, und gewöhnlich taten sie alles, um sich möglichst bald der Verpflichtung zu entziehen. (Sehr viele griechische Ärztinnen werden in ihrem ersten Berufsjahr schwanger …) Bis dann Ersatz besorgt war, mußte die Bevölkerung der Bergdörfer und abgelegenen Inseln zusehen, wie sie zurechtkamen. Mal zum Zahnarzt? Zwei Tage Reise auf’s Festland …

Und Skyros hatte gerade einen lebensgefährlichen Unfall hinter sich, wo schieres Glück im Unglück dem glaszerschnittenen Unfallopfer einen Arzt auf Strandurlaub bescherte, der mit Taschenmesser und Haushalts-Nähzeug eine mutige Notfall-Erstversorgung zustande gebracht hatte. Die Mutter des schwer verletzten Jungen, die bei der Operation assistierten mußte, wurde anschließend gleich mitausgeflogen, mit einen Nervenzusammenbruch. (Siehe Skyros 2)

Ich wollte unbedingt in einem traditionellen Haus wohnen, aber es wurde noch nichts vermietet. Die im Winter unbeheizten Wohnungen waren noch klamm und kalt. Also bot sich das Hotel Nefeli am Ortsrand an, das gerade auf dem Nebengrundstück einen kleinen Komplex Suiten errichtet hatte, mit mehrstufig ineinandergebauten Zimmern, wie kleine Inselhäuschen. Jede Suite mit Kamin und zwei Terrassen. Auch die Einrichtung war aus der Tradition heraus inspiriert, aber alles war eben zweckmäßig (sehr schön) und brandneu (nicht so schön, es fehlte die “Seele”). Und das Hotel liegt am Ortsrand, wo auch noch die Autos hinkommen …

Wir hatten ohnehin einen Termin im Rathaus, also fragen wir doch mal: Kann man eine solche alte Wohnung wenigstens irgendwo besichtigen? Soula, die Sekretärin des Bürgermeisters bedauert, nein, aber … wir könnten sie selbst ja mal zu Hause besuchen. Sie hätten zwar keine fotografierwürdigen Antiquitäten in der Wohnung, aber klassisch eingerichtet wäre sie schon …

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Cherete!

Es dauerte etwas, unter den vielen weißen Würfelhäusern des Dorfes den Würfel zu finden, wo schon das Tablett mit den Begrüßungshäppchen auf uns wartet. Soula freut sich, und ihre Mutter auch. Gewöhnlich wären auch noch ihr Mann und ihr Sohn zu Hause, zu viert auf einem Raum, der kaum größer als ein 1-Zimmer-Großstadt-Appartement mit angebauter Küche ist.

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Wohnzimmer mit Kamin, Wandschmuck und Durchblick zur Küche

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Wohnzimmer mit dem traditionellen zweistöckigen Schlafzimmereinbau

Oben schläft das Ehepaar, unten in der Holzstruktur liegt das Kinderzimmerchen, die Oma schläft auf der Couch in der Küche. Die Wohnung ist trotzdem tadellos sortiert und aufgeräumt. Man muß zusätzlich bedenken, daß die Zinn- und Keramik-Ordnung an der Wand nicht nach “Schönheit”, sondern immer nach bestimmten traditionellen Kriterien arrangiert ist.

Hier hatte Kristina aus Australien, die ein paar Jahre vorher einen Fischer dieser Insel geheiratet hatte, schon einiges Mißvergnügen erlebt, weil sie sich nicht an diesen “hierarchischen Krampf” halten wollte. (“Meine Teller hängen da, wo ich sie haben will, und nicht da, wo sie meiner Schwiegermutter gefallen!”) Kristina bewirtschaftete inzwischen eine kleine Taverne am Ortsrand, und arbeitete gleichzeitig nebenbei als lokale Korrespondentin für die “Greek News”.

WEITER MIT SKYROS 2

Etwas später hat es doch geklappt mit einer RICHTIGEN traditionellen Wohnung. Siehe:
SKYROS 4

2 comments

  1. Hallo Richi, natürlich hab ich absolut nix dagegen. Ich hatte die Verlinkung auch schon gesehen, weil ich deine Skyros-Seiten schon gelesen hatte!
    Theo
    PS. Was den Busschaffner angeht, schade, daß diese Hirschgeweih-Tattoos wieder aus der Mode sind …🙂 …

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