Kleine Trinkgeldpredigt

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Damit ich nicht beim Servicepersonal von vornehein als mißgünstiger Geizkragen dastehe …🙂 … ich finde, jeder hat einen anständigen Lohn verdient, und dieser faire Anteil an der Chose soll auch schon im Endpreis bei eurem Chef drin sein – und deutlich auf der Karte zu sehen sein, wenn ich was bestelle! Daß ich dann meinetwegen 15% statt 10% Bedienung lese (und bezahle), das nehme ich dann hin.

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Euer Einkommen soll nicht am Ende davon abhängen, ob ich an dem Tag meine Spendierhosen anhabe oder nicht. Bei der Verkäuferin beim Bäcker muß ich ja auch kein Trinkgeld zahlen, damit sie mich freundlich anlächelt …! Äh, wo waren wir …?
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Ach so, ja, zuerst die Aussage einer Autorität zum Thema Trinkgeld in Griechenland: “Trinkgeld hat nicht denselben Stellenwert wie bei uns. Wenn man zufrieden war, sollte man ruhig die Rechnung aufrunden – jedoch nicht übermäßig, da dies nicht üblich ist und die Preise schnell in die Höhe treibt.” (Antje und Gunther Schwab im Kapitel “Essen und Trinken” eines Michael Müller Reiseführers von 2005)
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Aha. Dazu 4 Fallbeispiele aus dem gewöhnlichen Touristenleben:
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Navplio, Kakanarakis Restaurant: Sechs US-Amerikaner (“yacht people” nach Outfit und Gesprächsstoff) haben mittags gewaltig “seafood” verzehrt und mehr als ein halbes Dutzend Flaschen teuren Wein dazu geleert, sie hinterlassen ein so großes Trinkgeld, daß Chef und Kellner fassungslos dreimal den Stapel Scheine durchzählen. Ihr Lachen ist eher hämisch als dankbar …
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Cafeteria Ausgrabungsstätte Dion: Eine einzelreisende US-Amerikanerin hat ihre Postkarten selbst ausgesucht, sie hat die Cola selbst aus dem Kühlschrank geholt, und trägt alles selbst zur Kasse, wo die Pächterin sitzt.
Sie soll 5 Euro zahlen, gibt der Frau aber 6 … die Pächterin schiebt die Münze zurück. Die Touristin will sie nicht. Die Münze wird hin und her geschoben, bis die Pächterin aufgibt und das Ding in die Kasse schmeißt. Sie schaut mich kopfschüttelnd an mit dem sorry-ich-hab-es-hier-nur-mit- Verrückten-zu-tun Blick. Sie grinst nicht mal.
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(Ausgerechnet in Dion (!) taucht niemand auf, der zum ersten Mal in Griechenland ist, und daher unsicher ist und keinen Reiseführer lesen kann, niemand. Aber ja, OK, die Amerikaner sind von zu Hause solchen Trinkgeld-Schwachsinn ja gewohnt. Und die weltweite Reproduktionsrate von US-Schwachsinn ist unverhältnismäßig hoch …)
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Plomarion, Lesbos: Unser Vermieter hat gestern abend am Telefon wortgewaltig gehandelt … er hat es geschafft, den Taxipreis Mytilini- Plomarion von 35 auf 28 Euro runterzuhandeln und freut sich. Freundin M. gibt dem Taxifahrer 30 Euro und weigert sich, die 2 Euro Wechselgeld anzunehmen. (Der Mann ist selbständig, es ist sein Auto.) Er steckt das Geld ein, schaut uns an mit dem wofür-habt-ihr-eigentlich-gestern-so-mit-mir- rumgefeilscht Blick.
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Athen Flughafen – Rafina : Der Taxifahrer bescheißt seine Fahrgäste, nachdem er gemerkt hat, daß sie es eilig haben. Statt der üblichen 20 Euro kostet die Fahrt plötzlich 40. Autorin Katharina bezahlt zähneknirschend 40 an der Fähre. Aber der Clou ist: “Bloß dass ihm meine Begleiterin, die von der ganzen Diskussion nichts verstanden hat, noch 2 Euro Trinkgeld gegeben hat – das wäre nicht nötig gewesen!”
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(Das war Betrug, was der Fahrer gemacht hat. Aber sowas kommt überall in der Welt vor. Griechenland ist nicht das Land der Taxibetrüger. Wenn es auch oft in den Medien so dargestellt wird. Wenn überhaupt, dann fördern wir das selbst. Ich habe im Oktober einen Taxifahrer für einen ganzen Tag gebraucht. Am Ende hat er die ihm zustehenden Wartezeitenkosten von seiner computerisierten Rechnung abgezogen. Warum, habe ich ihn gefragt. “In der Zeit waren wir doch zusammen Kaffeetrinken, und das hat doch Spaß gemacht, dafür kann ich jetzt kein Geld nehmen!” Das ist Griechenland … und den Kaffee in Psarades, den hatte er ausgegeben!)
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Abgesehen vom Preisehochtreiben … Voraussetzung der Trinkgeldchose ist in der Regel doch eins: Der Arbeitgeber bezahlt seine Angestellten nicht vernünftig. Schließlich steht gerade das Friseur-Gehalt in Deutschland ja auch voll und ganz tief im Mindestlohnsektor. “Sei froh, daß du hier den Job kriegst, Mädchen! Ich zahl dir 4,95 die Stunde, und den Rest zum Leben baggerst du trinkgeldmäßig beim Kunden ab …”
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In den vom Tourismus voll geprägten Orten Griechenlands ist es nicht mehr anders. Da stellt der Wirt oft schon gleich griechenland-romantisierende und fremdsprachenmächtige Ausländer ein, zum Minitarif, und verläßt sich drauf, daß die Gäste sein Personal durchfüttern. Mit Trinkgeld. Von Faliraki über Mykonos bis Santorini werden Sie als Tourist dann schräg angesehen, wenn Sie nur das Kleingeld im Restaurant liegenlassen und nicht die Scheine …
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Wissen Sie, was ich in den USA immer am meisten gehasst habe? Die so schleimige wie leere “freundliche” Art des Servicepersonals. Klar, sie müssen ja so sein, um zurechtzukommen. Würde hin, Würde her. Ich will aber in diesem Spiel am Ende nicht gnädig auftreten müssen. Das ist ätzend.
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OK. Wenn Sie in Mykonos demnächst jemand begrüßt mit: “Kalispeeeera, my name is Frank, and I will be your waiter tonight …”, dann wissen sie, wohin die Zeit gelaufen ist.  “Have a nice dayyy …”
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Was hast du gesagt … Trinkgeld? (Kafeneion in Komotini 1930)
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Übrigens, Griechenland hatte in den Euro-Jahren eine Inflationsrate von 3%, bei einer statistischen Auswahl von nur touristisch-relevanten Leistungen sind es jedoch fast 7% …
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NACHTRAG (04.01.09): “Ja, man will sich präsentieren, auch vor Einheimischen. Trinkgeld ist ein Mittel, sich sozial aufzuwerten. Bei Reisen in ein armes Land kann auch der Kleinverdiener mal den reichen Herrn spielen. Das ist auch der Grund, warum auf Reisen mehr Trinkgeld bezahlt wird als zu Hause im Stammrestaurant.” und “Sie sollten sich am landesüblichen Lohnniveau orientieren.” sagt Winfried Speitkamp (Die Zeit, 17.12.2008). Er lehrt Geschichte und Alltagsgeschichte an der Universität Gießen und hat im Jahr 2008 dieses Buch veröffentlicht:
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DER REST IST FÜR SIE! (Kleine Geschichte des Trinkgelds)
WINFRIED SPEITKAMP
Reclam, ISBN-10: 3150201705, 7,90 Euro
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UND NOCH EIN NACHTRAG (08.01.09): Zufällig finde ich im Baedeker LONDON von 1875 diesen Satz: “In allen Restaurants, mit Ausnahme derjenigen, wo weibliche Bedienung ist, wird dem Kellner 1 Penny Trinkgeld auf 1 Shilling Verzehr gegeben, doch nicht über 6 Pence pro Person.”
Gut, das war also maximal 12% für’s Personal … es gab übrigens meistens keinen Bedienungszuschlag auf der Rechnung … aber was ist mit den Kellnerinnen? Mehr geben? Weniger geben? Nix geben? Wird nicht erklärt.  In den wesentlichen Fragen lassen einen die Reiseführer immer im Stich …
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Ein ewiges Thema … hier noch ein Nachtrag / 05.07.2009:
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Für gerade einmal 4,75 Euro pro Stunde halten die Beschäftigten einer Gladbecker Reinigungsfirma die Toiletten im Einkaufzentrum „Centro“ in Oberhausen sauber. Das berichtet die für Reinigungskräfte zuständige Gewerkschaft Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Angeblich laut Tarif, wie die Reinigungsfirma behauptet. Tatsächlich drückt sich das Unternehmen offenbar um eine tarifgemäße Bezahlung, indem sie die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht als Reinigungskräfte, sondern als „Trinkgeldaufsicht“ beschäftigt. Putzen müssen sie trotzdem. Selbst das Trinkgeld geht vollständig an den Arbeitgeber. Samt Taschenkontrolle bei Schichtende.
aus:
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03.02.2014 – Zur Zeit wird von einer ehemaligen Angestellten gegen diese Trinkgeldregelung geklagt. Übrigens, an einem normalen Arbeitstag werden 200 bis 300 Euro Trinkgeld auf den WCs kassiert, an einem Vorweihnachts-Wochenende können bis zu 8.000 Euro anfallen (nein, da ist keine Null zuviel …)!
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Die Geschäftsführung von B+K Dienstleistung argumentiert, der Mindestlohn sei bei Zimmermädchen nicht anzuwenden, da diese überwiegend mit “Servicetätigkeiten” und nicht mit “Reinigungstätigkeiten” beschäftigt seien. Im Übrigen gestatte man ausdrücklich, dass die Zimmermädchen leere Flaschen aus den Hotelzimmern sammeln dürfen, um sich mit dem Pfand den Verdienst aufzubessern. Zudem gebe es
Trinkgeld.
aus:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,630324,00.html#ref=rss
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Ein Zimmermädchen erhält bei dieser Firma ca. 3,56 pro Stunde. Der ostdeutsche Mindestlohn für Zimmermädchen ist 6,58 Euro = also schon mit 20 bis 30 eingesammelten leeren Bierflaschen pro Stunde ist man gut dran. Pfandflaschen eintauschen bitte in der Freizeit.
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Na dann: Suche Stelle als Zimmermädchen, Trinker-Hotel bevorzugt

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5 comments

  1. Noch ein Nachtrag zum Text oben: Als gestern die Kellnerin (im Studentenalter) beim Vortort-Italiener von uns 10% Trinkgeld einstrich, entfuhr ihr plötzlich ein spontanes: “Oh, das ist aber ungewöhnlich.”
    Nein, sie meinte nicht unser persönliches Zahlungsverhalten, sie kannte uns gar nicht, sie war ganz allgemein ein Zehntel nicht gewohnt …
    (… vielleicht wären die Gäste ja auch großzügiger, wenn ihnen der Chef weniger als 4,50 für eine Flasche Wasser abknöpfen würde.)

    Da fiel mir die nichtendenwollende Krise in Griechenland ein. Im Sommer 2012 wird (bei einer Jugendarbeitslosigkeit von etwa 50%) wohl keiner der Tavernenwirte seine Saisonkräfte oberhalb des aktuellen Mindestlohns bezahlen, schätze ich (jetzt nur noch 590 Euro brutto, für Personal unter 25 Jahren noch weniger), also da muß schon was zusätzlich über das Trinkgeld hereinkommen …😉 …

  2. Bei meinem letzten Griechenland-Urlaub hat der Betreiber meiner Pension energisch protestiert, als ich die Rechnung von 151 auf 160 Euro aufrunden wollte. Dabei hätte er vermutlich sogar noch mehr Trinkgeld verdient, so zahlreich waren die kleinen Aufmerksamkeiten, die mir als Kunde zuteil wurden (zum Beispiel immer mal wieder ein Kaffee oder ein Kaltgetränk auf’s Haus, massenweise gute Tipps für den Aufenthalt und am Abreisetag eine kostenlose Fahrt zur Fähre). Seine Reaktion würde ich interpretieren als: “Aber lieber Kunde, diese Dinge sind doch selbstverständlich”.

    Vielleicht gibt es da auch einen Unterschied zwischen Betrieben, die auf Massentourismus spezialisiert sind, und kleinen Familienunternehmen, bei denen die Zufriedenheit der Gäste quasi zum Berufsethos gehört. Letztere scheinen durch ein nachträgliches Aufrunden des vereinbarten Preises eher beleidigt zu sein und freuen sich offenbar mehr über ein herzliches Dankeschön, eine Dankespostkarte aus Deutschland und ein Wiedersehen im nächsten Sommer.

  3. Hmmm, sag ich auch mal was dazu.
    Wenn ich keine angeforderte Rechnung kriege, dann gibt es auch kein Trinkgeld, weil da 100 Prozent am Fiskus vorbei eingestrichen werden.
    Bei korrektem fiskalischem Verhältnis zwischen Gewinnorientierung und Gemeinschaftsanliegen gibt es die üblichen 10 Prozent.
    Ich betrachte das als einen erzieherisch notwendigen Eingriff.

  4. Wer sich um ein angemessenes Trinkgeld im Reiseland sorgt, sorgt sich auch im eigenen Interesse: Man will in kein “Fettnäpfchen” treten. In Griechenland gibt es viele Gelegenheiten dazu.
    Bereits 2012 ist der “Fettnäpfchenführer Griechenland” erschienen (von Heidi Jovanovic, Conbook Medien/Meerbusch, ISBN 978-3-934918-82-5). Habe ich erst jetzt gelesen (danke, Katharina).

    Hier sind im Rahmen eines konstruierten Griechenlandaufenthalts dreier Deutscher solche typischen Gelegenheiten beschrieben – und es wird gezeigt, wie man um solche Peinlichkeiten mehr oder weniger elegant herumkommt.
    Die Lektüre lohnt sich nicht nur für “Griechenland-Anfänger”, da auch der Umgang mit offiziellen Stellen, mit Handwerkern und potentiellen Nachbarn aufgegriffen wird. Sie mögen ruhig schon Basiskenntnisse der griechischen Sprache haben, und auch die Mentalität der Leute kennen, gegen die Wand fahren können Sie immer noch, mit Worten, mit Gesten, mit unangemessenen Aktionen …

    PS: Die erzählten Szenen sind manchmal etwas schlicht dargestellt (und Anna und Connie sollten etwas weniger “Bauernsalat” essen …🙂 …), aber das Entscheidende steht immer am Ende der 34 Kapitel in den Rubriken “Was ist diesmal schiefgelaufen?” und “Was können Sie besser machen?”.

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