Kithnos 2: Und wo ist das Alleinstellungsmerkmal?

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Aghios Nektarios, bei Dryopis (privat, Zugang verboten)
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Vier Tage Fährenstreik. Nicht nur, daß keine neuen Gäste kommen, die alten können auch nicht weg (ist aber kaum jemand da), und im Café Maistrali ist schon Donnerstag die letzte Flasche Alpha-Bier geleert. Die Supermarktvorräte reichen noch.
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Wenigstens auf ein Bier wollte ich George Vadivoulis ja einladen, aber er hat ja überhaupt keine Zeit. Sagt seine Schwester, die ich jeden Tag irgendwo im Dorf treffe. Schließlich klopft er zur Frühstückszeit an meine Tür. Seinen Kaffee hat er mitgebracht. Nein, von meinem „traditional cheese pie“ vom Bäcker gegenüber will er nichts abhaben. Kann ich nach drei Eigenversuchen gut verstehen …
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Also er will sich kurz fassen: Zwischen Ende Mai und Ende September machen er und sein Bruder die Wanderführungen. Das Wandern sei auf dieser Insel unproblematisch, und gegebenenfalls würden Gruppen auch nach Leistungsfähigkeit geteilt. Und zwischendurch sei auch immer was Alternatives geplant, vielleicht ein gemeinsames Kocherlebnis, ein Nachmittag in einer Keramikwerkstatt, wo sich jeder mal als Tontopfkünstler austoben kann, oder Schwimmen oder Schnorcheln. Kithnos hätte so unglaublich viel zu bieten!
Auf dieser website sei alles erläutert, was unter Georges Leitung möglich ist:
http://www.trailsbeyond.gr/explorations/hiking-kythnos-island/
Aber jetzt müsse er wieder rauf auf seine Baustelle. An meinem Ankunftstag hätte die erste Gruppe dieser Saison schon starten müssen. (War wohl nix …) Und nächste Woche die zweite.
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Nachdem ich am Ende meiner Kithnos-Woche so einiges von der Insel gesehen habe, bin ich in Verlegenheit. Da leben hier so freundliche, hilfsbereite und umgängliche Leute … kann ich da nun einfach sagen, daß ihre Erwartungen in das zukünftige Tourismus-Geschäft wohl auf Dauer enttäuscht werden?
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Die Konkurrenz unter den Ägäis-Inseln ist groß. Organisierte Wandergruppen gibt es inzwischen überall, auf Karpathos, Sifnos, Naxos … in „meinem“ Hotel auf Tinos brauche ich Ende April/Anfang Mai gar nicht nach einem Zimmer fragen. Ist immer ein Jahr voraus komplett ausgebucht, von einem französischen Veranstalter.
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Chora, Kithnos, eine Zweitresidenz? Gestaltet im Zeitalter des Infantilismus …
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Und Kithnos fehlt das Alleinstellungsmerkmal, das die Leute auf die Insel aufmerksam machen könnte.
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Hier gibt es keine spektakulären Sandstrände, keine Bergtouren wie auf Karpathos, keine verwunschenen Klöster, keine Taubentürme, keine überragende Küche, keine spektakulären archäologischen Fundorte, kein Nachtleben … hier gibt es außer dem Fährhafen Mérichas (alles Neubauten) nur zwei bescheidene Dörfer, Chora und Driopis, ein kleines Heilbad im Norden (Loutra) und Dutzende übers Land verteilte Ferienhäuser von wohlhabenden Leuten aus Athen.
Zweimal am Tag verbindet der Schulbus die Dörfer, um 7 und 14 Uhr. Wer irgendwohin will, nimmt das Taxi (Tarife heute noch wie 2007). Für einen Mietwagen ist die Insel schon zu klein. Sie ist fast baumlos, sanft hügelig, und der Nordwind weht einen oft glatt vom Weg. Selbst bei mäßigem Seegang hat manche Mietjacht hier schon Schwierigkeiten, am Kai einzuparken.
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Der sprachgewandte Kellner vom „Fermina“ in Mérichas langweilt sich noch zu Tode.
(Er spricht fließend Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Englisch, jedoch kein Wort Deutsch …) An einem Abend führen er und seine beiden Gäste (einer bin ich) ein tiefschürfendes, nichtendenwollendes, kritisches Gespräch über Politik, Banken-Krisen und Inselprobleme.
Ich will das hier lieber gar nicht inhaltlich darstellen … auf dieser Insel sei man leider „narrowminded“, eben nicht weltoffen, und Kritik von einem Auswärtigen wie ihm könne man nicht gut vertragen, und Gerüchte fliegen hier schneller als die Möwen am Fischereihafen …
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IMG_9092_A300Er verfüttert die Reste meiner gegrillten Sardinen an die Katzen, hinter den beiden nebenan geparkten Mietwagen. Eine der Katzen hat ein gelähmtes Knie, sie läuft auf drei Beinen (hat meine volle Solidarität … 🙂 …).
Eine deutsche Touristin, die zu Hause 128 Katzen hat … Hilfe, wer hat die bloß gezählt … wollte die Katze letztes Jahr mitnehmen. Aber die Katze hatte eine gewisse Ahnung, und hatte sich vor ihr in den Hügeln versteckt. Also hat die Dame beim Wirt des Lokals einen Wintervorrat Trockenfutter zurückgelassen. Sie will dieses Jahr wiederkommen.
Gute Frau, lassen Sie die Katze in ihrer gewohnten Umgebung! Wenn Sie gesehen hätten, wie erfolgreich die Dreibeinige sich mit der vierbeinigen Konkurrenz um die Sardinen geschlagen hat … ja, gäbe es Katzen-Paralympics, Disziplin Kleinfisch-Erbeuten, hätte sie Medaillenchancen … großer Respekt!  🙂
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Chora, die Hauptstraße
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Mit dem Taxi nach Chora, dem Dorf auf der Hochfläche. Hier gibt es inzwischen sogar ein kleines Hotel (Messaria) und eine Pension (Filoxenia), und drei oder vier Cafés, die sich um Originalität bemühen. Jackson Pollocks Großneffe hat diesen Cafétisch gestaltet:
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Hier gibt es auch die Schule und die Inselverwaltung. Und am Horizont einige Windräder. Charakteristisch sei, lese ich, daß die Einwohner den Boden der Gassen mit volkstümlichen Motiven bemalen. Aha …
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Ein Schiff wird kommen …
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Naja, hier wird es nie so werden wie in der Altstadt von Barcelona, wo die Einwohner die nervigen Kreuzfahrttouristen mit feindseligen Sprüchen loswerden wollen:
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Dryopis (Driopida)
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IMG_9065_A300Gegen Touristen und andere Eindringlinge helfen auch die riesigen Kampfhunde der Insel, die nur mit schweren Ketten zurückgehalten werden können!
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Das Bergdorf Dryopis bemüht sich auch nur wenig um die touristische Infrastruktur. Ich laufe von da aus einfach hinaus ins Land, nach Süden. Hier stehen vor mancher Kirche (Agios Nektarios) sogar Verbotsschilder: Privat, Eintritt nicht erlaubt. Das Kloster Prodromos unterhalb der Kirche wird von zwei lärmenden Hunden bewacht. Ich wollte sowieso nicht rein.
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Und mitten im Nichts gibt es sogar einen Laden, der diese modischen Pseudo-Arme-Leute-Möbel verkauft. Möbel, wohl von dem Designer entworfen, der die Idee für die Jeans mit den ausgefrästen Löchern an den Knieen hatte:
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“Wohnst du noch oder leimst du schon?” Ja, Kithnos hat schon den Athener Vorortgeschmack übernommen …
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Auf der platia am Dorfeingang muß man Bierflasche und Bierglas mit beiden Händen festhalten. Der Wind bläst solchen Kleinkram nämlich einfach vom Tisch.
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Aber die Sonne strahlt, die Rundumsicht ist beachtlich, und ja, es war ein schöner Tagesausflug. Zweimal überholt mich unterwegs wieder der Schulbus (der heute angeblich überhaupt nicht fährt, so wie gestern).
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Noch ist der Fährenfahrplan nicht wieder im alten Stand. Die Adamantios Korais kommt am Samstag erst um 18:30 statt um 10:40. Oma Ostria überläßt mir das Zimmer bis zum Abend. Acht Leute gehen an Bord Richtung Süden, zwei sitzen früh auf der Wartebank am Anleger und verfolgen im Internet den letzten Spieltag der Bundesliga.
Der Steward, der meinen Rollkoffer verstaut, kennt mich noch von Montag, und er grüßt freundlich.
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NACHTRAG:
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Der Archäologe Ludwig Ross besucht im Dezember 1836 die Insel. Damals hieß Kithnos noch Thermia, wegen der heißen Quellen bei Loutra, und Chora, die Inselhauptstadt mit 1800 Einwohnern, hieß noch Messaria.
„Auffallend und eigenthümlich ist die Bauart der Steinwälle, in welchen die schmalen Pfade eingefaßt sind; um sich die Arbeit leichter zu machen und zugleich ihnen mehr Festigkeit zu geben, richtet man von je einem bis zu drei oder vier Schritten von einander eine große Schieferplatte senkrecht auf und füllt die Zwischenräume mit kleinen, horizontal übereinander geschichteten Bruchstücken aus.“
Solche Mauern sieht man dort noch heute – hier ein Beispiel (mir waren sie allerdings zuerst auf Ikaria aufgefallen):
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Ross, der im Auftrag der griechischen Regierung unterwegs ist, findet den wirtschaftlichen Nutzen der Insel in zukünftigen Besucherströmen zu den Thermen. Man hat schon ein einfaches Logierhaus für die Badegäste gebaut. Aber: „Möge nur mit dem gesteigerten Wohlstande und dem lebhaftern Verkehr mit Fremden nicht zugleich auch die glückliche Ruhe und die patriarchalische Einfachheit ihrer Sitten ihren Untergang finden.“
Keine Sorge, Herr Ross, 180 Jahre später ist die ‚glückliche Ruhe‘ immer noch da, jedenfalls in 10 von 12 Monaten des Jahres …
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Ross sieht in den Buchten von Mérichas (Merchas) bzw. Episkopi bessere Bootsanlegemöglichkeiten als in der Bucht von Loutra. Es gibt schon gewisse Überlegungen bei einigen Einheimischen, sich hier anzusiedeln. Aber Kithnos lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft (viel Gerste und Wein, wenig Oliven, kein Obst außer Feigen), und „es gibt nur drei oder vier Fischerbarken“. Wozu also einen Hafen bauen?
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Die Bucht von Episkopi
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Dryopis (Silakka) ist ein weiteres Ziel der Inselreise, aber „es hat keine andere Merkwürdigkeit, als eine große Höhle auf der Südseite des Dorfes“. Was den Erfolg der Landwirtschaft erschwert, ist, daß 90% der Einwohner in den beiden Großdörfern Messaria und Silakka leben und weite Wege zu ihren Feldern zurücklegen müssen. Und die Qualität der Wege ist miserabel.
Unbedeutende Spuren von Befestigungsanlagen aus alter Zeit und von alten Blei- und Eisenbergwerken findet Ross rund um die Insel.
Und die Zukunftsaussichten? Ross: „Die Industrie der Insel beschränkt sich auf Verfertigung grober baumwollener Tücher, Schlafmützen und Strümpfe.“
Die Nachfrage nach Schlafmützen geht immer weiter zurück, habe ich gehört …
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6 comments

  1. Loutra? Heiße Bäder/Quellen gibt es in Griechenland satt.
    Und eine handtuchbreite Sandbank, die eine Insel mit einem Inselchen verbindet …?
    Katharina, da war noch so ein Platz auf Kreta …….. irgendwas mit nissi am Ende. 🙂

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