Nur halb zurück aus Maryland

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Nikos Filippakis
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Das Parthenon in Olympos. Lassen Sie sich vom Touri-Pizza-Foto nicht gleich abschrecken …
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“Die Speisentafel im Cafeneion ‘Parthenonas’ offeriert ‘Today’s Special: Souflaki’ und läßt erkennen, daß man selbst hier auf die Touristen-Drachmen hofft. Filippakis, der Wirt, ist vor einem Jahr aus New Jersey zurückgekehrt; jetzt hofft er auf einen einträglichen Lebensabend im Heimatdorf: “Irgendwann kehren wir alle zurück, niemand will in der Fremde sterben.” (aus ‘Zeitenwende auf Karpathos’, Burkhard Kieker, Die Zeit, 26.05.1989)
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Als ich zum ersten Mal zum Bergdorf Olympos hinaufwanderte, nahm ich den Fußweg von Diafani aus. Er ist mit 5 Kilometern kürzer als die Straße (7 Kilometer) und wesentlich reizvoller. Beim Aufstieg kreuzt der Weg die Straße zwei Mal, einmal durch einen engen Tunnel, einmal schneidet man eine lange Asphalt-Serpentine ab, indem man eine Geröllhalde hinaufsteigt. Genau hier mußte ich anhalten. Von unten kam nämlich eine Autokarawane … Donnerstag, die Prevelis war vorhin aus Rhodos gekommen. Ganz vorne, ein Pick-Up, mit einem weißverkleideten und plastikblumengeschückten Sarg auf der Ladefläche. Ein Mann sitzt mit unbewegtem Gesicht auf der Kante der Seitenfläche. Dahinter vollbesetzte Autos, der Polizeistreifenwagen, der Schulbus, die Hotelkleinbusse, trauergekleidete Menschen, Priester. Eine Beerdigung auf Rädern.
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Ein schlechtes Omen für meinen ersten Besuch im Dorf. Als ich zu Fuß dort ankomme, ist die Beerdigung schon vorbei. Unterwegs habe ich in der nebligen Ferne nur die schrille Totenglocke gehört. Das wolkenumwehte Dorf ist menschenleer und still. Ja, totenstill. In den ersten beiden Cafés am Parkplatz sitzen sie, alle Frauen da drüben, alle Männer hier. Ich setze mich zu den Männern, auf einen Kaffee. Ihre Gesichter sind nicht finsterer als sonst, ihre Laune scheint auch nicht finsterer als sonst zu sein. Trotzdem ist mir so, als sollte ich meinen Wohnsitz nicht von Diafani nach Olympos verlegen …
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Ein merkwürdiger Moment: Kaum daß Olymbos in der Ferne aus den Wolkenschleiern auftaucht, schrillt die Glocke der Friedhofskirche. So mancher wäre da gleich umgekehrt …
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Ein paar Tage später. Die Beerdigungsstimmung hatte selbst in die Doppel-Kindertaufe am Samstag noch hineingespielt, aber jetzt weiß ich wenigstens, wer da beerdigt wurde: Nikos Filippakis Schwiegervater. Nikos hat inzwischen die Taverne von seinem in der Zeit zitierten Vater übernommen (samt dem Hotel Aphrodite eine Gasse weiter) und er hadert vorsichtig mit seinem Schicksal, wenn man ihm eine Gelegenheit dazu gibt. Die Filippakis sind ja eine Familie, die ständig zwischen den USA und Karpathos hin und her gezogen sind, er selbst ist als Kind in den 60er Jahren dort groß geworden … the american way … und jetzt sitzt er hier … ja, ja, schön ist es hier, aber weißt du, wie das hier im Winter ist?
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Schon 1904 und 1917 ist sein Urgroßvater zum ersten Mal in die USA gegangen, nach Baltimore. Man hatte am Ende einen General Store irgendwo in Maryland, und sein Vater, der gelernter Fotograf war … in einer italienischen Firma auf Rhodos hat er gelernt, für den war Olympos auch zu eng …
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Nikos fotografiert selbst auch gerne. Nur auf der Beerdigung seines Schwiegervaters, da durfte er nicht. Seine Frau hatte seine Kamera versteckt! Ob ich denn da war? Ob ich fotografiert hätte? Leider nicht, Nikos. Es war zu spät. Schade, verdammt. Da passiert mal was, was man unbedingt festhalten möchte, und … schließlich habe sein Vater doch auch auf Beerdigungen fotogafiert! Nikos wird so aufgeregt, daß ich lieber von dem Thema runterkomme. Ich erfahre also nicht, wann und wo sein Schwiegervater gestorben ist. Wenigstens habe ich inzwischen von der Witwe eine Tüte Koliva und einen großen Beerdigungs-Raki gekriegt, den ich auf das Wohl des Verstorbenen geleert habe. Die Tüte Koliva soll ich behalten. Das sei gut beim Wandern, als Imbiß, grinst Nikos. So eine Art Beerdigungs-Müsli, was …? (Wikipedia: Koliva) Der Link funktioniert auf der Wikipedia-Seite nicht richtig – da müssen Sie ‘Koliva’ noch einmal als Suchwort eingeben!
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Nikos pflegt das ausgeleierte US-Englisch seiner Kindheit und Jugend. Den Ton kann man gedruckt hier leider nicht wiedergeben, da kann ich es gleich übersetzen. Ob er mir mal ein paar Fotos von seinem Vater zeigen soll? Nikos sucht sowieso einen “publisher” für die Bilder. Und da Nikos sich hier den Winter lang langweilt, ist die Taverne mit Riesen-Flachbild-Fernseher, Internet-Rechner, Apple-MacBook etc. ausgestattet.
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Ja, gerne, zeig mal. Nikos hat lange Winternächte damit verbracht, die Glasnegative und Kodak-Rollfilme seines Vaters einzuscannen. Irgendwann in den 50er Jahren ist das Archiv der Stadt Olympos vernichtet worden, und der Vater hat darum alle Bewohner der Stadt fotografiert, er hat bei der Eröffnung der Straße Diafani-Olympos die angereisten Politiker fotografiert, die Bauern beim Alltag auf dem Feld, überall war er. Und er hat gut beobachtet und technisch sorgfältig fotografiert. Friseur war er nebenbei auch. Gibt es einen Griechen, der weniger als fünf Berufe ausgeübt hat?
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Da sind auch die Familienfotos aus den USA. Klein-Nikos im Schnee. Klein-Nikos und diese Mad Men Straßenkreuzer. Vaters Laden. Die Überfahrt und große Kinderaugen, Ellis Island, wo die Familie zum ersten Mal registriert wurde.
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Nikos hat sich umgehört. Er ahnt, daß es teuer ist, ein Fotobuch zu produzieren. Ob ich Konstantinos Manos kenne? Ja, kenne ich. (Constantine Manos, der Magnum-Fotograf. Sein “A Greek Portfolio” enthält zahlreiche Bilder aus Olympos.) Manos habe sich irgendwann geweigert, nochmal nach Karpathos zurückzukommen. Er habe sich die Erinnerung nicht zerstören wollen.
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Von Nikos’ Vater: Fotoportraits aus Olympos aus der 1950er Jahren
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Ein Gruppen-Selbstportrait: Nikos’ Vater, in der Mitte, sitzend, im Foto-Labor auf Rhodos
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Das Qualifikations-Zeugnis von Nikos’ Vater
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Ich nenne Nikos ungefähre Zahlen und Produktionsumstände. Er schluckt. Das Benaki-Museum, Nikos, was ist mit denen, die sind reich? Die hat er sogar schon angesprochen, die wollten die Negative, aber nichts bezahlen. Na, dann brauchst du das Foto-Museum in Thessaloniki gar nicht erst fragen, die sind arm. Und Nikos stellt sich als Vertragsgrundlage vor, daß es eine Auflage von 1000 geben soll, und die Hälfte davon soll ihm gehören. Hm, ich denke, diese Vorstellung ist sicher verhandelbar. Interesse? Rufen Sie ihn an: Nikos Filippakis, 030 22450 51307
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Nein, keine Provision für mich. Aber vielleicht ein Belegexemplar …🙂 …!
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Das Parthenon, die Taverne mit den Touristen-Reinzieh-Fotos draußen und den kinderbadewannengroßen Aschenbechern drinnen, ist in den Tagen dort mein Olympos-Stammlokal geworden … Raki, Artischockensuppe, Thunfischsalat, Makkarounes. Ja, man war auch bei Lentaki, man hat im Tsambouna Raki getrunken, mit einer Pellkartoffel als Beilage, und man hat sich vorgenommen, das auch im Kriti zu tun, und … aber …
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Nikos mag das Ambiente im Parthenon nicht wirklich. Obwohl er manchen alten Kram ja irgendwie mag. Aber es sollte in einer Taverne sachlicher sein. Aber was soll er machen gegen die Familie? Wenn er zu Hause was Altes hinhängt, schmeißt es seine Frau auf den Müll. Erstaunlicherweise hat Nikos nicht einmal versucht, mir die Zimmer im Hotel Aphroditi zu zeigen. Obwohl die Zimmervermieter in Olymbos einem auf der Straße doch geradezu nachrennen mit ihren Angeboten … es war ja schließlich überall alles frei! Dafür konnte mir Nikos was anderes zeigen. Nämlich eine traditionelle Wohnung. “Just like those in the Melissa book!” Die Wohnung seiner Mutter.
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WEITER MIT  GANZ EUROPA IST VON IKEA BESETZT …
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Wir können aber nicht eher zu seiner Mutter gehen, ehe er seiner Schwiegermutter, die in der Taverne mitarbeitet, im Internet die Soap Opera eingestellt hat, die sie gestern im Fernsehen verpaßt hat. Wie, Sie haben gedacht, die Frauen, die hier tagtäglich in der traditionellen Tracht herumlaufen, die seien von gestern? Falsch. Die Neuzeit kommt nicht nur über die neue Straße ins Dorf …
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Nikos haßt diese Soap inbrünstig. “I hope we have a blackout again!” Er verdreht die Augen beim Hinausgehen. Aber dann hat sie wenigstens was zu tun, das Touristengeschäft läuft ja überhaupt nicht, no bookings at all, heute ist ein gerade mal halbvoller Bus aus Diafani raufgekommen. Da kann man pro Taverne einen Salat und zwei Kaffee loswerden und dann ist der Tag gelaufen.
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Ein schneller Blick aus dem Fenster des Parthenon ins Tal: Zeit zu gehen!
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Ja, wieder den Nachmittag am Tavernentisch verbracht. Ich sollte mich auf den Weg machen, damit ich noch in Diafani ankomme, solange es hell ist. Zwei Stunden, monopatia abwärts, Abendsonne. Herrlich. Zum ersten Mal kommt mir auf halber Strecke jemand entgegen! Eine junge Frau, einheimisch, die Richtung Olympos unterwegs ist. Reflexartig zieht sie den Kamm, der in ihren Haaren steckt, einmal durch die Frisur, als sie mich von unten entdeckt. Lieb. Ein Rotkäppchengesicht. Freundlichstrahlender Gruß im Vorbeigehen … ti kanete? Wie es mir geht? Natürlich kala!
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Nachtrag: Nikos ist übrigens in der Tracht der Männer von Olympos portraitiert im Michael Müller Reiseführer ‘Karpathos’ (Seite 211, 6. Auflage / 2010); vermutlich ist dieses Foto seitenverkehrt abgedruckt.

10 comments

  1. Hallo Theo –

    das hast Du wirklich schön geschrieben, Kompliment.

    Der immer etwas traurige Níkos, dessen Frau seit eh und je unter der Kuratel ihrer Mutter, der Touristenhäscherin Kalliópi steht, sehr zum Leidwesen von Níkos.
    Nur wenige Tage zuvor saß ich im Parthenó und hab mir eine kleine Auswahl der laut Níkos etwa 3.500 eingescannten Aufnahmen zeigen lassen. Lustig, bei vielen sieht man sogar noch die randliche Perforierung des Films. Es sind gestochen scharfe, herrliche SW-Fotos, richtige Meisterwerke.

    Theo – Als ich am Do., 7. Juni auf die Prévelis Richtung Santorin gestiegen bin, hat die Trauergemeinde auf das Ausladen des Sarges von der Fähre gewartet.
    Auf einem etwas angerosteten alten blassroten Laster wurde das bewerkstelligt. Dann ging es als Prozession erst einmal die Mole lang nach Diafáni, wo wohl alle in Autos umstiegen.

    Fast ein Treff also, unbekannterweise. Gewohnt hab ich 1 Wo. bei Níkos Orfanós fast am Ortsende von Diafáni in einem der oberen Zimmer.

    Gruß
    MartinPUC

  2. Hallo Martin, aus mysteriösen Gründen mußte ich deinen Beitrag erstmal aus dem SPAM-Ordner retten.
    Was das Datum der Beerdigung angeht, die war am Donnerstag, den 10.05. … du schreibst “Do., 7. Juni”? …
    Ich war seit dem 08.05. im Glaros … da hätten wir uns wirklich mal sehen können!
    Theo
    Ich habe übrigens nie so richtig erfahren, was Nikos’ Schwiegermutter in ihrer Zeit in München so alles erlebt hat …

  3. Hallo Theo –
    Danke fürs Einstellen meines Kommentars.
    Dann hab ich das missverstanden, falsches Datum – der von mir gesichtete Totentransport von der Fähre aus Rhodos war dann etwas ganz anderes, die Tränen der Einheimischen am Anleger in Diafáni flossen dennoch in Strömen an diesem 7. Juni 2012.
    Dein Bericht hat mir nichtsdestotrotz gut gefallen. Liest sich fast so, als ob Du ein alter dyed-in-the-wool Kárpathos-Hase wärst, wie auch die Katharina, neuerdings ein eingefleischter Fan dieser Insel ;-)) !

    Grüßle
    MartinPUC

  4. Oh. Also noch eine weitere Beerdigung. Scheint ja in diesem Frühsommer nicht viel Gutes aus Rhodos zu kommen …
    Ja, Katharina hatte sich in Köln nachdrücklich dafür eingesetzt, daß ich nach Karpathos fahre …

  5. Ich hab gerade wieder “A Greek Portfolio” von Constantine Manos in der Hand gehabt, mit den Bildern aus der Schule in Olymbos: Wenn das Kind auf Bild 106 nicht Nikos Filippakis ist …!?

    Bis zum 28.08.2013 läuft im Benaki-Museum in Athen noch eine Ausstellung mit allen Fotos aus diesem Buch von 1972, zusammen mit weiteren 219 Fotos aus den 1960er Jahren, die nicht ins Buch aufgenommen wurden. Manos hat sie dem Foto-Archiv des Museums jetzt geschenkt.

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