Bulgarien-Tour zur Wendezeit – 6

Kazanlak Tiefflieger
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Kazanlak, Rosen-Volksfest und der Rosen-Bomber
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02.06.1990. Kazanlak. Heute ist für den Morgen ein Besuch im Rosen-Institut angesagt, aber Joan muß alleine hin, denn ihr Begleiter, der Fotograf, ist noch fertig von gestern. Geweckt werde ich um 12 Uhr durch heulenden Sirenenalarm. Ein vorsichtiger Blick aus dem Fenster. Draußen ist alles zum Stillstand gekommen, Autos mitten auf der Kreuzung, Fußgänger auf dem Zebrastreifen, Radfahrer mit dem Fuß auf dem Boden. Als wäre der Film gerissen. Eine Minute absoluter Stillstand und Schweigen. Nichts bewegt sich, nicht einmal die Blätter an den Bäumen. Sieht so das Delirium aus …? 🙂
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Christo BotevErst am Nachmittag kriege ich es erklärt. Immer am 2. Juni um 12 Uhr gibt es diese Gedenkminute für Christo Botev (1848-1876), den führenden bulgarischen Befreiungskämpfer des 19. Jahrhunderts. Eine Minute lang erstarrt das ganze Land in Erinnerung an den Freiheitskampf.
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Das Mittagessen der Reisegruppe habe ich verpaßt, die Pressekonferenz auch. Balkantourist-Giurev leistet mir Gesellschaft bei einer heißen Suppe und einem starken Kaffee.
Vor der Preisverleihung um 16:30 bleibt noch Zeit für einen kleinen Spaziergang zu zweit ins Grüne. Ein Radfahrer, der uns in einer Gartenanlage entgegenkommt, greift in die Eimer an seiner Lenkstange und schenkt jedem von uns eine Handvoll Kirschen und Erdbeeren:
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Radfahrer
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Anfang Juni sieht das Tal der Rosen nicht sehr attraktiv aus. Im Frühsommer blüht da ja schon nichts mehr. Die Schmetterlinge haben die Pestizidattacken hinter sich und ruhen auf den Weinblättern. Auf die brachliegenden Flächen zwischen den Rosenplantagen treiben Hirten ihre Rinder:
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Rosental Bulgarien
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Rosental Tagfalter
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Das Tal der Rosen ist ein wichtiger Devisenbringer für Bulgarien. Bulgarien ist, nach der Türkei, der größte Rosenöl-Produzent der Welt. Um 1990 wurden pro Jahr bis zu 2,8 Tonnen Rosenöl produziert. (Durch den Klimawechsel ist die Produktion bis heute um 30% gesunken. Es ist heute zu trocken und zu warm, die Temperatur-Unterschiede zwischen Tag und Nacht sind geringer – es fehlt der Nachttau.) Aus vier Tonnen Rosenblättern läßt sich 1 Kilo Rosenöl destillieren. Der Preis ist entsprechend: Heute etwa 6.000 Euro pro Kilo.
10 Leva RückseiteMan sieht es an den Geldscheinen: Bulgariens Image sollte nicht von der Landwirtschaft geprägt sein, sondern von der Schwerindustrie. Bemerkenswert war, daß unsere Reisegruppe um die andere devisenbringende Industrie im Rosen-Tal elegant herumgeleitet wurde: Die Rüstungsindustrie. Im Rosental gab es einen großen volkseigenen Betrieb, der unter anderem das Schnellfeuergewehr AK-47, die Kalaschnikow, produzierte (der Betrieb ist heute privatisiert, beschäftigt angeblich 5000 Mitarbeiter).
Ja, Guns N‘ Roses … erinnern Sie sich? Die Hardrock-Band, deren Sänger Axl Rose hieß …
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Preisverteilung Kazanlak
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Kazanlak Chor
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Preisverleihung RosenfestVor der Eröffnung des Rosenfestes gibt es am Nachmittag zuerst die feierliche Preisverleihung im Museum der Stadt. Ein schwarzbefrackter Männerchor stimmt uns ein. Radio und Fernsehen sind da.
Offizielle wuseln herum.
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Preis für HollandJoan nimmt den Preis für den holländischen Reiseführer stellvertretend in Empfang, einer der Kellner übereicht ihr noch eine Flasche Sekt.
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Radio Sofia InterviewDie Pressekonferenz hatten wir ausgelassen, aber Joan muß sich noch vom Radio Sofia zum Stand der Dinge befragen lassen.
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Draußen wartet „das Volk“ auf die Eröffnung des Volksfestes. Rosenparfüm wird versprüht aus dem Pestizid-Zerstäuber. Erfrischend:
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Parfüm Zerstäuber
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Man freut sich, man tanzt spontan eine Runde (oder auch drei) auf der für den Autoverkehr gesperrten Zugangsstraße.
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Rosenfestival 1
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Rosenfestival 2
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Bulgare Pelzmütze
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Und die Dame, die wohl zur Rosenkönigin gewählt wurde (rotes Kleid), stellt sich den Medien vor:
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Rosenkönigin
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Tiefflieger KazanlakÜber der Menschenmenge kreist im Tiefflug ein Doppeldecker mit offener Seitentür. In der Tür steht jemand und schaufelt aus dem Sack zwischen seinen Beinen Rosenblätter, die über die Köpfe der Menschen dahinrieseln wie Schnee.
Nur, einmal verliert der Rosenwerfer die Konzentration, und er stößt aus Versehen gleich den vollen Sack aus dem Flieger. Unten zwei Sekunden Schockstarre. Doch wir haben Glück, der schwere Rosenblättersack trifft mit einem dumpfen Knall ausgerechnet das Ambulanz-Auto (!) mitten zwischen den Zuschauern. Nur eine Beule im Dach, niemand verletzt.
Dabei … „1990 von einer Rosenbombe tödlich getroffen“ … wäre das nicht eine schöne Inschrift auf einem Grabstein?
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Vielleicht hat den Rosenbomber auch der motorisierte Drachenflieger irritiert, der ständig in gleicher Höhe umherschwirrte:
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Drachenflieger
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Wir müssen nicht am Grillstand auf der Festivalmarkt essen. Ein festliches Dinner für die Ehrengäste folgt. (Nicht nur unsere Busladung und die regierungsoffizielle Brigade, es sind auch zahlreiche Rosenöl- und Parfüm-Großhändler im Saal. Models im schwarzen Leder-Outfit tanzen eine Produkt-Präsentation.)
Unser britischer Opernfreak sitzt am Tisch des Bürgermeisters und strahlt zufrieden. Was er wohl vom DJ und seiner überlauten Disko-Musik hält, die uns das Essen in den Magen stampft? Vielleicht: Keine Rose ist ohne Dornen …?
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a rose is a roseWas kann man an den Dingen auch ändern?
Es ist, wie es ist.
Oder wie Gertrude Stein es schon sagte, vor hundert Jahren:
„A rose is a rose is a rose“
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One comment

  1. Nachtrag – über Kazanlak und das Rosental schreibt Meyers Reisebuch “Orient” (1882):
    “Kesanlyk ist ein weltbekannter Mittelpunkt der Rosenölraffinerie (einer der ersten Fabrikanten ist Herr Papasoglu, ein gebildeter, sehr gastfreundlicher Bulgare), und zur Zeit der Rosenernte, Mai bis Mitte Juni, ist die Stadt wie mit Rosen überschwemmt.
    Kanitz schreibt in seinem Reisewerk (“Donau-Bulgarien und der Balkan”, 2. A., Leipzig 1880): ‘Mit uns zogen kleine Karawanen in die Stadt. Jedes ihrer zahllosen Grauthiere trug an beiden Seiten des Semers (Packsattel) riesige Körbe geschnallt, deren Inhalt die Atmosphäre mit lieblichem Duft erfüllte. Muntere Dorfschönen in blendend weissen Hemden und kleidsamen buntwollenen Vor- und Rückschürzen bildeten das Geleite des originellen, beinahe festlichen Zuges, denn alle waren mit Rosen geschmückt …’
    Und auch Moltke (1837) setzte der Anblick des ‘Kazanlik Tekne’ in Enthusiasmus. Er nennt es ‘das Kaschemir Europas, das türkische Güllestan, das Land der Rosen’. ‘Diese Blume wird hier nicht, wie bei uns in Töpfen und Gärten, sondern auf Feldern und in Furchen wie die Kartoffel gebaut. Nun lässt sich wirklich nichts Anmuthigeres denken, als solch ein Rosenacker; wenn ein Dekorationsmaler dergleichen malen wollte, so würde man ihn der Übertreibung anklagen. (…) Nach dem Koran entstanden die Rosen erst während der nächtlichen Himmelfahrt des Propheten, und zwar die weissen aus seinen Schweisstropfen, die gelben aus denen seines Thieres, die rothen aus denen des Gabriel, und man kommt in Kazanlik auf die Vermuthung, dass wenigstens für den Erzengel jene Fahrt sehr angreifend gewesen sein muß.’ ”
    Ja, so eine Himmelfahrt muß für einen Erz(!)engel ja auch schweißtreibend sein …🙂 …

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