Tinos: Panigiri in Volax

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Tinos Volax
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Panigiri in Volax, am Ende der Oster-Fastenzeit. Wird auch höchste Zeit, wieder zu feiern, zu tanzen und zu trinken und zu essen. Die Kinder sind vom Winter so ausgehungert, denen kann man schon bis auf die Knochen schauen.
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Im Januar war ich ja schon einmal hier. Da schlief das Tal und das Dorf Volax noch in der Wintersonne. Nirgendwo ein Mensch.
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Tinos Volax Tal
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Das Tal von Volax. Oben rechts das Dorf, links, am Ende der Schlangenlinie des Feldwegs, die Kirche Panagia Kalaman.
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Tinos Volax Felsen
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Man passiert gigantische Fels-Kugeln, die überall Tal und Hänge füllen. Sonst passiert hier nix, an gewöhnlichen Tagen …
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… es sei denn, Sie kommen zum Kirchweihfest, an der auswärts liegenden Panagia Kalaman, in diesem Jahr am 9. Mai, am Donnerstag nach Ostern. (Rechts ab an der Taverne Volax, der Feldweg.) Dann versperrt Ihnen nicht immobiler Fels, sondern mobiles Blech den Weg. Die Felder und Weiden sind heute völlig zugeparkt:
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Tinos Volax Parkplatz
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Wir, Günter und Monika aus Triantaros, Ron aus Arnados (ohne seine Frau Evi, die einen anderen Termin hat), und ich, aus Merkelland, kommen etwas später, verpassen die Messe (Krokodilsträne im Auge), finden aber kaum noch einen Platz für das Auto.
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Wir kommen auch gar nicht dazu, als erstes wenigstens mal die Kirche zu betreten, wie die letzten verspäteten Einheimischen, die flüchtig das Heiligenbild küssen und schnell eine Kerze anzünden. Die unscheinbare, aber legendenumwobene Kirche ist katholisch, also ohne die orthodoxe Ikonostase. An der Wand hinter dem Altartisch sind aber zahlreiche Blech-Amulette aus den sakralen Fachgeschäften von Tinos-Stadt aufgereiht. Das kleine Volax ist traditionell ein katholisches Dorf, aber heute feiert hier, im Schatten der Baumreihen, das Zehnfache seiner Einwohnerzahl. Nach Konfession wird nicht gefragt, gute Laune ist gewünscht. Jede Menge Kinder wuseln herum, es sind ja noch Osterferien:
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Tinos Volax Panagia Kalaman
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Panagia Kalaman
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Wir werden schon auf dem Vorplatz der Kirche abgefangen und abgefüttert. Und das ist nur der Anfang:
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Volax Panagia Kalaman
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An den mildsüßen tiropitakia, gefüllt mit Käse und geriebener Orangenschale (eigentlich noch eine Osterspezialität), könnte ich mich direkt sattessen! Aber ich erinnere mich an Rons Warnung, damals zu Beginn der Panigiri in Arnados: Nimm nur mit höflichem Dank ganz wenig von dem, was du angeboten kriegst, halte dich zurück, auch beim besten Häppchen, du mußt gleich noch SEHR VIEL essen, und du darfst nie ablehnen, das ist beleidigend …
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Volax Panagiri
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Ron, der ja scheinbar jeden hier kennt, sitzt schon mitten im Geschehen, auf einem Hohlblockstein, an einem der endlosen Tische.
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Wie damals in Arnados (und anderswo) haben hier alle etwas zur Feier mitgebracht. Taschen, Tüten und Kartons voll mit Getränken und selbstbereitetem Essen! Viel mehr, als irgendeine Familie selbst verzehren könnte. Und alles wird nun in alle Richtungen verschenkt. Und es gibt ja auch noch Lamm vom Grill dazu! Die Zubereitung der Lämmer fand schon am frühen Morgen statt. Als wir eintreffen, sind die Grillspieße schon abgeräumt, die Lämmer portioniert:
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Volax Panagiri Grillplatz
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Auf der glimmenden Asche des Grillfeuers stehen Metallschalen, in denen das Lammfleisch warm bleibt. Mit einem riesigen Tablett werden die Tische versorgt:
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Volax Pangiri Lamm
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Auch bei uns landet eine volle Schale. Feinstes Fleisch (für die Grillfreaks) … aber wir hatten doch schon so viel andere „Kleinigkeiten“ von den Leuten neben uns. Da fehlt mir nun der Appetit. Und ich habe schon so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil wir uns nicht revanchieren können, wenigstens aus einem mitgebrachten Wein-Kanister. Ich esse auch nicht gerne Fleisch mit den Fingern, muß meinen Plastik-Weinbecher festhalten, der immer von nebenan nachgefüllt wird, und ständig höflich Salat und Käse und sonstwas abwehren. Unfaßbar, wie viele Hände man auf griechischen Gartenparties so braucht …
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Volax Panagiri Lammportion
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Gegen die magenfüllenden Kalorien-Attacken hilft nur eins. Wieder Hunger erzeugen! Vielleicht, indem man sich bei den Tanzenden einreiht:
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Tinos Volax Panagiri Tanz
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Volax Panagiri Tanz 2
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Volax Panagiri Männertanz
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Erstaunlicherweise tanzen hier die Männer öfter und ausdauernder als die Frauen! Bevor Ron selbst mittanzt, schüttelt er noch sein weis(s)es Haupt: Diese Frau da drüben, die alleine Ze(m)bekiko tanzt. Und von der Zuschauer-Schar in ihrer Umgebung aufmunternd angeschaut wird. Ja, sie ist gut drauf, strahlt, sieht aber (im Ruhezustand) eigentlich eher unauffällig aus. Es sind ihre Bewegungen, ihre Posen, die wirken. Ron findet ihren Tanz … er überlegt … „obszön“. Wieso, Ron, sie zieht sich doch nicht aus …? Nein, nicht deswegen, es widerspricht dem Geist dieses Tanzes, das ist doch kein Bauchtanz …!
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Der Ze(m)bekiko ist traditionell nichts Heiteres: Ein Männertanz, der Trauer und Melancholie ausdrückt und nicht für eine Publikumswirkung konzipiert ist. (Und auch keine Reaktion erwartet, ganz im Gegenteil … denken Sie an „Sonntags nie“ (Ποτέ Την Κυριακή), wo Jules Dassin, der den US-amerikanischen Touristen Homer Thrace spielt, den Zebekiko-Tänzer in der Bar in Piräus mit Beifall verabschiedet, und sofort was aufs Auge kriegt. Applaus? Niemals. Die Tänzer durften früher sogar nie offen angestarrt werden.)
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In Tullia Magrinis Buch „Music and gender“ finden sich folgende Bemerkungen: „To the extend that the dance was seen as a genuine expression of a man’s pain, it was admired. The rebetes had no tolerance for the fighouradzis (poseur), either in the dance or among the knife-carrying manges.”
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Und am Ende steht der schöne Satz “(The zebekiko) could be admired not for being macho but almost the opposite: for the dancer’s willingness to weep silently in public.“ Ja, der Tanz als Ausdruck dessen, daß man mutig genug ist, in der Öffentlichkeit still zu weinen …
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(Zitate aus dem Kapitel von Gail Holst-Warhaft: The Female Dervish and Other Shady Ladies of the Rebetika. Und “manges” (Mangas), siehe Wikipedia .)
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Auf einem Kirchenfest sollte man grundsätzlich heiter sein, heiter, nicht traurig oder wehmütig, und dann tanzt man nicht alleine. Wenn man gesehen werden will, dann nur im Tanz mit der Gemeinschaft, der parea.
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Aber nein, im heutigen Inselleben sieht das niemand mehr so wissenschaftlich eng und moralisch sortiert. Heute wird gefeiert! Und in Krisenzeiten ist Feiern noch schöner als sonst! Und es gibt noch eine Lotterie dazu! Das Zicklein scheint eins der unabgeholten Gewinne zu sein, es kommt heute nicht mehr auf den Spieß:
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Volax Panagiri Lotterie
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Im Hintergrund das Panigiri-Orchester. (Ohne Geige, Katharina hätte die Band also gar nicht eingeladen …) Ab und zu kriegen die Musiker auch noch einen Fünfer (oder mehr) als Extra-Trinkgeld:
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Volax Panagiri Musik
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Panagiri Musik Trinkgeld
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Wir gehören zu den ersten, die gehen. Ich hatte ja schön befürchtet, Ron, der Tinos-Panigiri-Veteran, würde nach seinen verwegenen Tanzschritten am Ende vom Feld getragen werden müssen, aber nein, ihm passiert nichts. Nur ich … ich trete mal wieder in ein verstecktes Erdloch, beim Fotografieren … zum Glück verdrehe ich mir nicht den Knöchel. Laßt doch mal den vierbeinigen Lotterie-Gewinn los, zum Abweiden, empfiehlt die IKA …!
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Volax Panagiri Rollstuhl
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Volax Panagiri Ende
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Auch Günter hat Glück. Beziehungsweise sein Auto. Kein tückisches Erdloch im Acker, beim Ausparken und Zurücksetzen, und auch der Auspuff überlebt. Erst am Sonntag in Pirghos schrammen wir mal über den Boden, auf dem öffentlichen Parkplatz. Wahrscheinlich meine Schuld, ich habe nämlich hinten gesessen, und hatte mich vorher ausgiebig am Frühstücksbuffet bedient …
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Music and Gender – Perspectives from the Mediterranean
Hrsg. von Tullia Magrini
2003, The University of Chicago Press / Chicago und London
ISBN 0-226-50166-3
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WEITER MIT  TINOS: NUR SO EIN WEG
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WEITER MIT  TINOS: NORDISCHE GEFÜHLE

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WEITER MIT   TINOS: MARMOR IN PYRGOS
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RÜCKBLICK AUF:  TINOS IM WINTER – VOLAX
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