Tinos: Marmor in Pyrgos

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Kunstschule Pyrgos Tinos
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Blick in die Panormos-Kunstschule, Pyrgos, Tinos
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Aus „Reise durch alle Theile des Königreiches Griechenland in Auftrag der Königl. Griechischen Regierung in den Jahren 1834 bis 1837“ von Karl Gustav Fiedler, Leipzig 1841, hier Seite 243/244, Kapitel „Der Marmor auf Tino“:
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„Der Marmor, der hier gebrochen wird, besonders aus Pyrgos, Isternia, Kardiani u.s.w., bietet einen Hauptausfuhrartikel. Er ist feinkörnig, entweder ganz weiss oder weiss mit bläulichgrauen Streifen oder Wolken durchzogen, den man Turkino nennt.
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(…) Die Marmorbänke sind hier nur einige Fuss stark. Dass aber nicht so starke Blöcke gewonnen werden, als man bekommen könnte, liegt an dem unzweckmässigen Betrieb der Brüche.
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(…) Die sogenannten Mastóri (Meister), die hier arbeiten, legen nicht nur die zu gewinnende Bank nicht, wie es sich gehört, frei, sondern kennen auch ihr Gewerb nicht gehörig, dabei sind ihre Werkzeuge nicht zweckmässig und zu leicht an Gewicht und an Arbeit. Als sie, eben so wie die deutschen Steinhauer und Steinmetze, in den wieder eröffneten Pentelikon-Brüchen im Accord arbeiten sollten, kamen sie kaum auf das halbe Lohn, von der Güte der Arbeit nicht zu sprechen.
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Sie haben ferner keine Vorrichtung Platten zu schneiden, sondern alles geschieht durch Abhauen, bis das Stück zur Platte wird, wie viel diess Masse und Arbeit mehr kostet, bedarf keiner Auseinandersetzung. Eine Platte weisser Marmor, etwa 9 Zoll Quadrat, zu Fussböden, mit einiger Politur, kostet 5 Drachmen, während eine dergleichen grössere Platte von Carrara bis nach Athen für 1 Drachme geliefert wird.
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(…) Die Türken lieben den blaugestreiften Marmor sehr zu ihren Grabsteinen, aber nicht blos nach dem Orient, sondern im ganzen Mittelmeere werden gut und geschmackvoll gearbeitete Gegenstände von dem hiesigen Marmor, als Kamine, Tischblätter u.s.w. bedeutenden Absatz finden.“
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Marmor Museum Pyrgos
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Museum des Marmor-Handwerks, Pyrgos
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Der Geologe Karl Gustav Fiedler war in den ersten Jahren des griechischen Königreichs im Regierungsauftrag im ganzen Land unterwegs, um festzustellen, welche Bodenschätze vorhanden waren, die es zu fördern lohnte, welche handwerklichen Fertigkeiten darauf bereits aufbauten und welche industriellen Entwicklungsmöglichkeiten prognostiziert werden konnten. Am Ende der mehrjährigen Arbeit hatte er im Land kaum einen Stein nicht umgedreht und 1841 ein 1300 Seiten starkes zweibändiges Werk über seine Arbeit veröffentlicht. Ein großer Teil davon sind Laboranalysen von Mineralien, die er teils vor Ort vorgenommen hatte – die ein Laie wie ich nicht unbedingt versteht. Er hatte ein mobiles Chemie-Labor dabei, einen Dolmetscher, Hilfspersonal, Polizei-Gendarmen und einige vom Militär abgeordnete Pioniere, die u.a. die nötigen bergbaulichen Arbeiten vornahmen.
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Pyrgos werkstatt
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Werkstattbild, vorne Punktiergerät, hinten Pferdeköpfe in 2 Zuständen
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Ja, es gab viel zu finden, was Erze, Mineralien, Brennstoffe anging, aber oft war die Infrastruktur noch zu schwach, um überhaupt an eine Förderung und Vermarktung zu denken. Tinos hat in erster Linie weißen und grauen Marmor anzubieten. (Die weiße Qualität wird traditionell nicht ganz so hoch geschätzt wie die von Thassos oder vom Pentelikon.)
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Von Fiedlers regierungsamtlich-kritischer Beurteilung der Marmor-Produktion auf Tinos berichtet der Museumsführer der Museums des Marmor-Handwerks in Pyrgos heute nichts. Aber es geht in seinen historischen Aussagen in die gleiche Richtung: Die Kunst der Marmorbearbeitung entwickelte sich auf der Insel zeitverzögert. Marmor gibt es auf Tinos besonders im Norden, im Bezirk Exo Meria. Die Gewinnung und Verarbeitung des Marmors war dort schon in der Antike durchgeführt worden. Sie wurde unter venezianischer Herrschaft über die Insel (1204-1715) wieder gefördert.
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Aber bis zur Machtübernahme durch das Osmanische Reich auf der Insel (1715) hatte Venedig diesen Markt auch eng begrenzt, auf den speziellen Bedarf in ihrem eigenen Herrschaftsbereich. Und was auf den Standorten im östlichen Mittelmeerbereich, an der Adria, auf Kreta gebraucht wurde, das waren eher bescheidene Dinge: Wappen, Gedenktafeln, Baumaterialien wie Bodenplatten, Fenster- und Türrahmen. Für die bildhauerische „Kunst-an-sich“ gab es weniger Bedarf auf den venezianischen Inselfestungen, die den venezianischen Levante-Handel schützten.
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Pyrgos Tinos
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Nur ein Dorf: Pyrgos, das Zentrum der Marmorverarbeitung von Tinos
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Das Osmanische Reich öffnete im 18. Jahrhundert den Marmorproduzenten und –handwerkern aus Tinos die komplette Ägäis, Thessaloniki, Smyrna, die Hauptstadt Istanbul, das ägyptische Alexandria.
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Aber erst die griechische Revolution und die Selbständigkeit des griechischen Staates brachten die Konjunktur in Schwung. Athen brauchte ein Königsschloß, eine Universität, ja, gleich Dutzende von repräsentativen Bauten. Die Kirche fing an, sich an ihre byzantinische Geschichte zu erinnern. Es galt, massiv Klöster und Kathedralen zu bauen. Quer durchs Land konnte jetzt offen repräsentiert werden, auch auf der Athos-Halbinsel im Norden. Alte Steinbrüche, die schon in der Antike existiert hatten, wurden neu erschlossen. Und der bayrische König Otto brachte gleich die Handwerker aus Bayern mit, an deren Leistungen sich die Einheimischen messen lassen mußten.
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Und die Konkurrenz wirkte belebend. Die Marmor-Handwerker aus Tinos hatten nun neue Binnen-Absatzmärkte, ganz in der Nähe, und gleichzeitig die Möglichkeit, ganz weit weg von zu Hause etwas Neues zu lernen. Man sah, was künstlerisch aus Marmor gefertigt werden konnte, und welche technischen Möglichkeiten es gab, den Rohstoff industriell zu bearbeiten. Etwa maschinell getriebene Drahtsägen, die Marmor gleich Block um Block in Platten zerteilen konnten – im Prinzip wie ein Eier-Schneider!
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In Fabrika im Insel-Norden gab es im 19. Jahrhundert eine wassergetriebene Säge. Der maschinelle Betrieb lohnte auf Tinos allerdings erst im 20. Jahrhundert. Am Steinbruch von Vathi gab es von 1932-1940 eine elektrische Säge, die die lokale Förderung und dazu Material aus ganz Griechenland verarbeitete. Das Museum in Pyrgos zeigt ein animiertes Video. (Danke, Günter!)
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Aber der Ehrgeiz war geweckt – egal, welche technischen Mittel man hatte. Plötzlich studierte man an Kunstakademien in München und Athen! Selbst am Schwarzen Meer, besonders in Rumänien, wurden die Fachkräfte aus Tinos nun gesucht. Jemand wie Ioannis Y. Halepas (1834-1900), der Vater des Bildhauers Giannoulis Halepas, hatte Werkstätten in Tinos, Syros, Athen, Piräus, Smyrna und Bukarest.
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Am Ende gab es kaum einen Produktbereich, in dem die Marmor-Industrie nicht mitmischte. Alles ließ sich aus Marmor fertigen … Säulen, Bodenplatten, Kanzeln und Ikonostasen in Kirchen, Brunnenfassaden, Oberlichter, Giebel, Balkonstützen an Privathäusern, Küchengeräte wie Mörser, Käsepressen, Becken oder Schalen, Walzen (kylindra), um die Schichten auf Flachdächern durch Druck abzudichten, Grabsteine, Denkmäler, Portraitbüsten usw. (Im Jahr 2004 exportierte Griechenland fast 400.000 Tonnen Marmor und Marmorprodukte in alle Welt.)
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Marmor Museum Tinos
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Ganz typische „Tinos-Produkte“ sind die durchbrochenen, im Relief ausgehobenen Oberlichter, die über Türen und Fenstern angebracht werden. Das „Marmor-Museum“ in Pyrgos zeigt auf einem Video, wie aus einer rohen Scheibe Marmor ein solches künstlerisch gestaltetes Produkt entsteht. Das Oberlicht selbst und die notwendigen Werkzeuge liegen dabei real vor Ihnen, damit sie die Dimensionen auch nachfühlen können. (Die Werkstatt-Einrichtung gehörte ursprünglich Michalis und Giorgos Kouskouris aus Pyrgos.)
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Marmor Museum Pyrgos
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Petros Dellatolas 1
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Im Video: Der Marmorkünstler Petros Dellatolas bei der Arbeit.
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Petros Dellatolas 2
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Beeindruckend, wie er das schwere Teil locker mit der Hand bewegt!
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Petros Dellatolas 3
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Fertig! Nach letzter Feinarbeit am Relief.
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Petros Dellatolas hatte eine Reihe von Schülern. Nicht nur solche, die auf der Insel geboren waren – auch Monika Brand zum Beispiel, die in Triantaros an ihren abstrakten Skulpturen arbeitet, hat bei ihm gelernt.
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Der Lehrauftrag ist wichtig. Das ganze Marmor-Museum kann quasi wie „das Hinterhaus“ der Kunstschule von Pyrgos wirken, obwohl es vom Volumen her viel größer ist!
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Wenn Sie nicht gerade mit dem Auto am Parkplatz vorfahren, sondern zu Fuß durch das Dorf hinaufkommen, dann begegnet Ihnen das Marmor-Museum so: Am bescheidenen Altbau der Kunstschule auf der Höhe geht es links vorbei …
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Kunstschule Pyrgos Tinos 2
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… zu der gestalterisch gelungenen Glas-Alu-Marmor-Feldstein-Materialkombination des Neubaus in der Senke dahinter:
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Marmormuseum Teilansicht
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Das Museum deckt alle Aspekte der Marmorverarbeitung ab, von der Gewinnung im Steinbruch bis zur technischen und künstlerischen Verarbeitung der Produkte und ihrem kaufmännischen und gesellschaftlichen Hintergrund. (Und ja, ein Café und einen kleinen Museums-Shop gibt es natürlich auch. Geöffnet ist es täglich von 10-18 Uhr (im Winter 17 Uhr), außer dienstags, aber rufen Sie zur Sicherheit doch vorher an: 0030 22830 31290, denn an einem Tag außerhalb der Sommer-Saison können sie gut der einzige Besucher sein.)
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Hygeia Tinos
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Transfer von der Vorlage (Ton, Gips) mit der Punktier-Vorrichtung (macchinetta di punta) auf das Marmorobjekt (Kopf der Hygeia).
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Skizzenbuch Museum Pyrgos
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Studien-und Skizzenbücher (An den Wänden des Museums finden Sie zahlreiche farbige Entwurfsskizzen – das Museum besitzt die größte Sammlung von Entwurfszeichnungen für Marmor-Architektur in ganz Griechenland!)
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Museum Pyrgos
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Bestellungen und Quittungen
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Die Panormos-Schule des Marmor-Handwerks, die als Berufsschule staatlich anerkannt ist, nimmt (seit 1955) nur wenige Schüler auf, die drei Jahre lang in Bildhauerei, Malerei, technischem Zeichnen und Kunstgeschichte unterrichtet werden. Am Ende der Ausbildung gehen die beiden Jahrgangsbesten ohne weitere Prüfung zur Staatlichen Kunstakademie in Athen.
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Aber, wie gesagt, dem bearbeiteten Marmor begegnen sie auf der Insel überall. Ob da jemand mit dem Nagel seine Liebeserklärung in die Kirchentreppe geklopft hat …
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Kardiani Marmor Graffiti
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… oder auf der Dorfgasse, wo eine romantische Werkstattstudie zwischen den Bodenplatten recycelt wurde:
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Pyrgos Dorfgasse
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… bis zur überlebensgroßen „Studienarbeit“, die jemand an der Bucht von Parnormos in die Felsen gehauen hat (Fußweg an der Aghios Nikolaos Kapelle vorbei). Das Relief stellt den Windgott Aeolus dar:
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Tinos Panormos Aeolus
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Und hat mir nicht mal jemand gesagt: „Wenn ich wissen will, ob jemand Talent zum bildhauerischen Arbeiten hat, dann gebe ich ihm einen Steinklotz und lasse ihn daraus ein Ei fertigen. Entweder es gelingt, oder es treibt ihn in den Wahnsinn …“
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Dieses Ei stammt aus Katharina von Schoenaichs Kunstgewerbe-Laden in Pyrgos:
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Tinos Eier Ostern
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Warum ich den Namen der Laden-Eigentümerin erwähne? Ach, nur so aus Spaß, denn mein Hauswein, ein badischer Grauburgunder, stammt auch aus einem Winzerbetrieb mit dem Namen „von Schoenaich“. Ja, kleine Welt …🙂 …
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Und ich meine natürlich das linke Ei, das gestreifte, im XXL-Format! Das kleinere rote Ei rechts ist echt vom Huhn, es stammt vom österlichen Frühstücksbuffett im Hotel. Aber ich werde mir das Schoenaich-Ei im nächsten Jahr schön rot lackieren und damit zu den saisonalen Oster-Eierkick-Wettbewerben antreten! Ja, die Deutschen sind immer eine unfaire Konkurrenz für die Griechen …🙂 …
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Und in Tinos-Stadt, im Kulturzentrum, finden Sie das Bild „Mädchen mit dem Oster-Ei“, von Nikiforos Lytras. (Bei mir zu sehen auf „Tinos-Winter 1“, dort nach unten scrollen bitte.) Lytras wurde 1832 in Pyrgos geboren. Sein Vater Hadji-Antonis Lytras war im frühen 19. Jahrhundert ein bekannter Bildhauer.
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Als herausragende Bildhauer aus Tinos im 19. Jahrhundert stellt der Museumsführer übrigens vor: Dimitrios Philippotis (1834-1919), Georgios Vitalis (1838-1901; ihm hatte das Hotel Omiros in Hermoupolis/Syros früher als Wohnhaus gehört!), Giannoulis Halepas (1851-1938; hat ein eigenes Museum in Pyrgos!) und Lazaros Sochos (1857-1911).
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Alekos E. Florakis: „Museum of Marble Crafts“, 2009. Griechische oder englische Ausgabe, übersetzt von Alexandra Doumas (ISBN 978-960-244-140-4).
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> WEITER ZU  TINOS – MARMOR IN VATHY
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> WEITER ZU  TINOS – PANIGIRI IN VOLAX
> WEITER ZU  TINOS – NUR SO EIN WEG
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WEITER ZU  TINOS – NORDISCHE GEFÜHLE
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5 comments

  1. Die “Griechenland Zeitung” meldet am 8.12.2015:

    Marmorbildhauerei von Tinos zum Immateriellen Kulturerbe erklärt

    “Die traditionelle Marmorbildhauerei und Steinmetzkunst von der Insel Tinos wurde von der UNESCO auf die sogenannte „Repräsentative Liste des immateriellen Erbes der Menschheit“ gesetzt. Wie das griechische Kulturministerium am Donnerstag mitteilte, fiel die Entscheidung am Vortag auf der Sitzung der Generalversammlung der „Konvention für die Bewahrung des immateriellen Kulturerbes“ im namibischen Windhuk. Die Aufnahme in die Liste würde die Gelegenheit bieten, diese wichtige Tradition in ihren verschiedenen Facetten einem breiteren Publikum bekanntzumachen….”

  2. Was steht eigentlich noch nicht auf der Liste? 🙂 Das deutsche Schützenvereinswesen steht doch auch drauf … ach nee, ist zurückgestellt: “In dem Schreiben der Kommission heißt es, dass “wegen der schroffen und ausgrenzenden Reaktionen” auf Schützenkönige, die nicht “biodeutschen Maßstäben” entsprechen würden, eine “zivilgesellschaftlich zugängliche und offene Traditionspflege zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt werden kann”. (zeit.de)

  3. Da sind ja auch die KLÖSTER Weltkulturerbe, nicht die MÖNCHE (die den Status der biodeutschen Schützenkönige haben). Wenn man die Mönche ausweisen oder enteignen würde, entfiele auch die “zivilgesellschaftliche Ausgrenzung” (von Frauen), dann dürftest du da auch rein …🙂 …

  4. Wenn Sie die Marmorgewinnung interessiert: Heute finden Sie in der Mediathek von arte die Doku “Wie das Land, so der Mensch – Italien – Carrara“. Der Film (tolle Bilder, HD-Qualität!) ist von 2014 und wohl in den letzten Tagen wiederholt worden. Keine Ahnung, wie lange er in der Mediathek bleibt. Ich habe ihn mir aufgezeichnet, mit MediathekView.

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