Samos, der Operettenstaat

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Aristokratie im Wirtschaftswald auf Samos: Zum Lichte strebt, wen die Mächtigen auch lassen …
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Hier geht es zu Bildern aus der “Neuzeit” der Insel: Samos, Jahrzehnte später
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Die Inseln der Nördlichen Ägäis gehörten um 1900 noch zum Osmanischen Reich. In der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts ist diese Gegend terra incognita. Hin und wieder schrieb jemand was darüber, aber in den seltensten Fällen kamen die Beschreibungen aus eigener Anschauung.
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1898 war der Schriftsteller, Journalist, Filmdrehbuchschreiber (!) und Theaterintendant Paul Lindau (1839-1919) dort unterwegs. Mit zwei Freunden auf einer privaten Dampfyacht. Das Schiff war in Frankreich gebaut und sollte von der türkischen Regierung später als Küstenwachboot eingesetzt werden, zur Schmugglerbekämpfung. Die Fahrt ging von Konstantinopel bis Rhodos, mit 12 Personen Besatzung und zwei Dienern, alles nur zum Vergnügen, wie Lindau schreibt. Und man ging oft an Land.
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Paul Lindau: Vathy
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In Samos beschritt man allerdings ein fremdes, souveränes Territorium.
Wie das? Samos hatte auch am griechischen Befreiungskampf teilgenommen, war aber jedoch nicht, wie Chios oder Psara, am Ende von den osmanischen Truppen mit Massenmord und Vernichtung überzogen worden. Samos hatte der türkischen Belagerung erfolgreich widerstanden und hatte durch das Londoner Abkommen seit 1822 sogar einen besonderen Status, die Ijimonia (Hegemonie). Der Sultan in Konstantinopel ernannte einen selbständigen Fürsten auf der Insel, auf Zeit. Die Berufung in konntejederzeit widerrufen werden, und das passierte auch häufig. (Das Osmanische Reich organisierte sich weitgehend mit Beziehung und Bestechung …) In diesem Fall mußte aber umgehend ein neuer “souveräner” Insel-Fürst bestimmt werden.
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Paul Lindau: Die Burg von Tigani
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Samos hatte alles, was einen selbständigen Staat ausmachte, es war nur alles etwas kleiner, wie Lindau sagt. Und der quasi-souveräne Kleinstaat Samos hatte gar kein Interesse mehr daran, zum Königreich Griechenland zu gehören. Nicht zu vergessen: Samos hatte eine fast ausschließlich griechisch-orthodoxe Bevölkerung von 50.000 Personen.
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Lindau: “Die Begeisterung für Griechenland hat sich auf Samos indessen in den letzten Jahren abgekühlt.Von den türkischen Machthabern werden die Leute auf Samos nur wenig belästigt.”
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Nur zur Sicherheit, klar, gab es auch eine türkische Garnison auf der Insel: “Nach der Verfassung sollen eigentlich keine türkischen Truppen auf Samos stationieren. Es geschieht aber doch. Samos hat eine kleine türkische Besatzung von 160 Mann, die vollkommen ausreicht, um den Insulanern klar zu machen, wie es in Wahrheit um ihre sogenannte Unabhängigkeit bestellt ist.”
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Aber es gibt auf Samos auch ein eigenes “stehendes Heer” von 80 Männern! 80 harten Männern, die orthodoxen Glaubens sind und auf der Insel geboren wurden! Aus diesem Häuflein Uniformierter wird die Ehrenwache des Fürsten und die Landgendarmie gebildet. Lindau amüsierte sich köstlich über das Ländchen, denn auf Samos würde eine putzige kleine Politik inszeniert wie in Jacques Offenbachs Operette “Die Großherzogin von Gerolstein”.
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Aber “die Leute fühlen sich behaglich dabei”.
Immerhin, mal lebt demokratisch: “Der Rat oder die Deputirten-Kammer von Samos besteht aus 37 Mitgliedern, die jetzt durch das allgemeine Wahlrecht gewählt werden.”
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Paul Lindau: Tigani (Pythagorion)
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Samos ist also “eine Republik mit einem Fürsten an der Spitze”. Es gibt verschiedene Parteien im Staat, die als einziges politisches Prinzip das des Widerspruchs per se haben: Immer exakt das Gegenteil von dem vertreten, was die Gegner verlangen. “Kein Mensch kann sagen, was die Konservativen und was die Opposition eigentlich wollen.”
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Beispiel:
“Der Hafen (von Karlovathy) kostet den Samiern sehr viel Geld, die erste Anlage verschlang mehr als zwei Millionen Francs. Weshalb er eigentlich angelegt ist und welchen Zwecken er dienen soll, hat bis jetzt noch nicht ergründet werden können. Bei den letzten Wahlen wurde er das große Stichwort der Parteien. Die Hafenpartei siegte, die Gelder wurden bewilligt. Neuerdings ist auf Samos aber eine Hafenversandungspartei hervorgetreten, die fordert, daß man mit den unnützen Opfern für die Instandhaltung des überflüssigen und unnützen Hafens nun endlich aufhören sollte. Schon zur Zeit unseres Aufenthaltes rechneten die Versander bei den nächsten Wahlen auf die Majorität.”
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Samos hat zwar keine Straßen, aber dafür ein richtiges Telefon-Netz. Samos hat eine Hauptstadt mit nur 6000 Einwohnern, aber drei Zeitungen“das Regierungsblatt und zwei Parteiblätter, die sich ständig in den Haaren liegen”. Samos hat nur ein einziges Fahrzeug, nämlich eine Pferdekutsche in Karlovathy (weil da der Fürst wohnt, und weil es dort ein tatsächlich befahrbares Stück innerstädtischer Straße gibt).
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In der Hauptstadt Vathy geht man zu Fuß: “Bis jetzt gibt es in Vathy noch keinen Wagen, der bei den engen, steilen Wegen übrigens auch ein sehr überflüssiges Möbel wäre. Sobald aber fahrbare Straßen da sein werden, will eine kleine Aktien-Gesellschaft es mit dem ersten Einspänner versuchen.”
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Samos hat eigene Briefmarken (die stammen aus Frankreich und sind überdruckt), und sogar eigene Ansichtskarten! (Das war damals bemerkenswert!) Ich habe zufällig eine davon:
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Und am Hafen in Vathy gibt es schließlich sogar einen Eiffelturm “der genau nach dem Muster des Originals in dem Champ de Mars hergestellt worden ist”.
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Samos neuester Staatshaushalt verbucht 3.111.622 Piaster Einnahmen und 3.111.452 Piaster Ausgaben. Das ist ein solider Überschuß von 170 Piastern bzw. 30 Mark. Und dabei gibt es “keine direkten Steuern”.
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Und das Fürstentum hat seine eigene Justiz: zwei Zivilkammern erster Instanz, ein Appellationsgericht, ein Kriminalgericht. Das letztere hat sich im Jahre durchschnittlich mit sechs oder acht verbrecherischen Fällen zu beschäftigen.”
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Seine Hoheit Stefanos Musurus aus Karlovathy, der gewöhnlich in der Verniedlichungsform Stefanaky Bey (in etwa: “Fürst Klein-Stephan”) bekannt ist, empfängt die europäischen Besucher in seineVorzimmer auf landestypisch harten Stühlen zu einem Täßchen Kaffee. Den Kaffee rückt er allerdings nur ungerne heraus, nachdem er erfahren hat, daß mit den Gästen gar keine lohnenden Geschäfte zu machen sind.
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Genau deswegen wollte er die Besucher eigentlich kennenlernen, denn “nur zum Gucken” kam ja niemand auf die Insel! “Es ist ihm völlig unfaßbar, daß man sich nach Karlovathy verirrt haben sollte, ohne den Fürsten für irgendein kaufmännisches Unternehmen gewinnen zu wollen.”
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Was zu Essen hat der französisch parlierende Fürst für seine Gäste ohnehin nicht organisiert (obwohl die Gäste darauf spekuliert hatten). Und nachdem er erfährt, daß ihr Schiff unter türkischer Flagge verkehrt, was sie sehr verdächtig macht, werden sie anschließend bei Landgängen “zur Sicherheit” von zwei Gendarmen begleitet! (Was die Außenpolitik angeht, Samos hat übrigens auch ein diplomatisches Leben mit verschiedenen Konsuln und Generalkonsuln …)
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Paul Lindau hat drei Bücher über seine Reisen im Orient geschrieben:
Aus dem Orient. Flüchtige Aufzeichnungen, 1890
Ferien im Morgenlande. Tagebuchblätter aus Griechenland, der europäischen Türkei und Kleinasien, 1899
An der Westküste Klein-Asiens. Eine Sommerfahrt auf dem Ägäischen Meere, 1900
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2 comments

  1. Öffne gerade den “Guide to Constantinople and its environs” (A. Zellich sons, Constantinople, 1893): Siehe da, im Verzeichnis der Botschaften und Konsulate in der Stadt findet man (zwischen Russland und Serbien) das Konsulat von SAMOS (Ourbash Nomico Khan, Moom-Khane Street, Galata).
    Hier konnte der Individualreisende die Papiere für eine Reise zur Insel beantragen. Ein Khan ist eine Art Rasthaus für Reisende, ihre Begleitung, Reit- und Lasttiere.
    1905 war es schon “einfacher”, nach Samos zu kommen. Jede Woche lief ein Dampfer der Griechisch-Orientalischen Linie Vathy/Samos an (Baedeker: Konstantinopel und Kleinasien).
    Das Schiff verband Triest und Konstantinopel. Von Triest bis Samos brauchte man 8 Tage, das Schiff hatte folgende Haltepunkte:
    Korfu, Patras, Piräus, Vathy/Samos (=sonntags), Chios, Cesme, Smyrna, Cesme, Chios, noch einmal Vathy (=dienstags), dann Mytilini/Lesbos und am Ende Konstantinopel, und retour.
    Zwischen Sonntag und Dienstag hatte man also Zeit für einen kurzen Inselbesuch!
    Preisbeispiel: pro Person Piräus-Vathy ca. 80 Francs, was etwa dem Übernachtungspreis für 5 Nächte in einem Top-Hotel in Konstantinopel entsprach …
    Und nicht vergessen: Handfeuerwaffen und auch Reiseführer unbedingt in der Jackentasche verbergen! (Baedeker wie auch Meyers Reisebuch “Orient”, 1882) Sonst bestand die Gefahr, daß diese Dinge vom türkischen Zoll beschlagnahmt wurden. Es wurde jedoch nur das Reisegepäck, nie die Kleidung einer Person durchsucht.
    Meyers Orient von 1882 (Seite 56) über die Regierungsform auf Samos:
    “Samo, türk. Süsam Adassi, im Altertum Samos, nimmt, obwohl wie alle südlichen Sporaden zum türkischen Wilâjet Dschesairi-Bahr-i-Sefid gehörig, doch eine exceptionelle Stellung ein, insofern es der Pforte nur tributäres Fürstentum ist (laut Fermân des Sultans Mahmûd vom 11. Dez. 1832) und von einem Statthalter unter türkischer Oberherrschaft regiert wird; gegenwärtiger Herrscher ist der Fürst Konstantin Adossides (ernannt 4. März 1879).”
    Nebenbei: Samos exportiere “einen vortrefflichen weissen Muskatwein”, während Wein der Insel jedoch “im Altertum unbeliebt war”.

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