18 Zwölf Äpfel aus Miliés

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Äpfel Milies
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„Wer keine weiche Birne hat, kauft harte Äpfel aus Halberstadt.“
Dr. Erika Fuchs (Micky Maus 21/1957)
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Die Empfangsperson im Philippos-Hotel in Volos findet beim Einchecken meinen Namen im Computer: „You have been here before!“ Wann das war? Der Computer und ich haben einen anderen Termin in Erinnerung. Aber im Zweifelsfall hat die Maschine immer recht …
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Ein Jahr mehr oder weniger. Kommt nicht drauf an. „Kollissa edó“, also „kleben geblieben“ bin ich hier an der Pilion-Halbinsel schon seit etwa zwanzig Jahren. Und auch in diesem Spätsommer muß ich als erstes mal wieder in „mein“ Tal, das Tal der Apfelgärten zwischen Miliés, Vizitsa und Pinakates.
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Ende September, Sonntagmittag, der Regional-Bus ab Volos ist zu meiner Überraschung sogar halb voll. Fast nur Einheimische, und fast die Hälfte steigt aus in Miliés. Ich auch. Nachdem ich gehört hatte, wie leer die Übernachtungsbetten in der Vorsaison waren, hatte ich für die Nachsaison die gleiche erwartet. Da blieb man doch besser gleich im größten der drei Dörfer, in Miliés! Ein paar offene Pensionen und Hotels, und gleich sechs Tavernen und Cafés zur Auswahl. Außer am Sonntag war zwar fast alles immer leer, aber so schnell gibt der griechische Wirt ja nicht auf …
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Und das Ilióvolo, am Ortsausgang Richtung Vizitsa, hatte für mich das beste Zimmer reserviert, mit wunderbarem Golfblick, und das Frühstück ist vorbildlich und reichlich. (In Miliés gibt es einen guten Bäcker, aber der residiert am anderen Ende des Dorfes. Also ist so ein in der Pension serviertes Frühstück wichtig, wenn man anschließend den ganzen Tag zu Fuß unterwegs sein will. Und wenn es völlig unsicher ist, ob man irgendwo auf eine offene Küche trifft.)
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Milies Café
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Am Sonntagnachmittag sitze ich im „Anna, na ena milo“-Café. Ein Dutzend Gäste, Ausflügler aus Larissa, Louis Armstrong grummelt  „La vie en rose“, und ich möchte was trinken und eine Kleinigkeit essen. Jorgo, der Kellner, empfiehlt zum Bier den „grass pie“. Den was …? Den Grasauflauf? Klingt ja hochgesund. Wenn man ein Schaf ist. Gut, ich bestelle also den grass pie, und muß lachen, als der Teller kommt. Es ist eine Mischung aus Quiche und Spanakopita. Jorgo lacht auch, freut sich, daß ich das Wort „spanakopita“ schon mal gehört habe. Nenn es demnächst „spinach and cheese pie“, Jorgo!
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Zwei Tage war ich unterwegs, jetzt sitze ich in der Nachmittagssonne, der Polizeistation gegenüber (die vom Café aus mit helleniko-to-go versorgt wird), und fühle mich sauwohl. (Togo ist ja inzwischen die größte Kaffee-Exportnation der Welt …🙂 …)
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Es bleibt Hunger genug, um abends in der (kleinasiatisch geprägten) „To Tsalkimi“-Taverne Tsitsiravla (Pistaziensprossen-Salat, ja, kann man essen, muß man aber nicht …) und Soutsoukakia zu verputzen (frischbereitete Hackfleischbällchen mit hausgemachter Tomatensauce, mit einem schönen Bitter-Ton von Lorbeer und Wacholderbeeren). Nein, so werde ich nie zum Vegetarier …!
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Am nächsten Abend teile ich mir in der namenlosen Großtaverne an der Platia meine angebrannten Lammkoteletts mit einer weiß-gelb-braunen Hunde-Mutter. Wir sind draußen die beiden einzigen Gäste. Das Tsalkimi hat Ruhetag. Nicht so hundegesund, diese Lammknochen, die Hündin kaut auch sehr vorsichtig, würgt und hustet aber einmal heftig. Das arme Mutterviech scheint irgendwie verstört. Sie verteilt am nächsten Tag ihre jungen Welpen im Dorf, legt sie irgendwo hin und ignoriert sie dann. Laufen können sie noch gar nicht, nur ängstlich fiepen. Anfangs dachte ich, die Hündin hätte eine erbeutete Ratte in der Schnauze! Ist das jetzt Überlebenstraining oder mütterliche Not? Geboren sind sechs, überleben können den nächsten Winter höchstens zwei …? Ahnt sie sowas?
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Milies Bibliothek
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Sonntagabend in Miliés. Nachtleben? Natürlich nicht. In der Bibliothek (oben) gibt es auch keine Nachtlektüre …🙂 …
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Vizitsa Pilion
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Vizitsa, das “Zentrum” auf dem Dorfwegweiser
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Als ich am Montag (morgens regnet es) in mildem Sonnenschein über Vizitsa nach Pinakates spaziere, und auf einem Alternativweg durch den Wald zurück, merke ich, daß ich richtig gewählt hatte. In den beiden kleinen Dörfern ist alles dicht. Alles. Bis auf das Café „Erodios“ (24) und die Taverne „Balkonaki“ (34, seit Jahren in Familienbesitz) in Vizitsa. Gäste haben sie keine. Der Minimarkt in Vizitsa ist auf (und die Regale halbleer), zwei, drei ältere Leute sammeln sich um das Auto des fahrenden Gemüsehändlers. Das Hotel Stoikos hat bloß einen Zettel mit der Telefonnummer an der verschlossenen Tür. In den anderen traditionellen Häusern mit EOT-Zeichen ist es nicht anders. Im Erodios erfahre ich, daß „meine“ Matoula vor zwei Jahren ihre Taverne abgegeben hat (ist jetzt das „O Giorgaras“). Die Langeweile hat die arme Matoula wohl doch geschafft, oder war es die Insolvenz …? Echt schade. Ich hätte sie gerne wiedergesehen. Das ehemalige „Drosia“ an anderen Ende der Platia ist verrammelt und zu verkaufen. Die Tischdecken vom Sommer liegen noch auf den Tischen:
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Vizitsa Platia
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Vizitsa, die Platia
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Pinakates Platia
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Pinakates, die Platia
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In Pinakates sehe ich zwei Leute auf der Platia, ganz hinten, vor einer offenen Kafeneion-Tür! Schon stehe ich auch da. Signome, kafä …? Der Kafeneion-Wirt winkt ab. Er verkauft hier im Winter nur frisches Brot aus dem Nachbardorf, ich kann gerne eins haben … aber nein, Kaffee hat er überhaupt keinen.
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Pinakates Schieferdach
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Pinakates: Eins dieser wunderbaren traditionellen Schieferdächer.
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Pinakates Hundehütten
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Pinakates: Kein Denkmalschutz für die lokalen Hundehütten. Hier reichen auch monströse rote Plastikpfannen als Dach.
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Milies Wegweiser
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Jagdzeit-Spuren am Weg im Miliés-Tal …
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Dienstag gehe ich wieder los, auf dem Miliés-Tsangarada-Fußpfad. Aber oben an den Gherokonstandeiko-Höhen biege ich links ab. Durch Apfelfelder auf 800 Meter Höhe im langen Bogen Richtung Vizitsa. Schöne Strecke.
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Milies Tsangarada Weg
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Unterwegs treffe ich auch den Mann der Inhaberin vom Ilióvolo, er karrt im dicken Ford-Ranger-Pickup kistenweise Äpfel aus seinem Garten, talabwärts. Morgens serviert er sonst das Frühstück. Heute abend fegt er den Hof. Und drückt mir eine große Tüte mit einem Dutzend roter, knackig-harter Äpfel in die Hand, für meine nächsten Wanderungen. Lieb.
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Milies Äpfel
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Und der kleine grüne links im Bild? Den habe ich unterwegs … äh, rein zufällig auf einem Ast gefunden!
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Milies Apfelbaum
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Manche der Apfelbäume hier oben sind aufgepfropft auf uralte, schon rindenlose Stämme!
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Noch sind die Imker hier oben aktiv. Die junge Dame, die ich an ihren Bienenstöcken nach dem Weg frage, hätte ich gerne im Bild festgehalten! Breitrandiger Schutzhelm und schwarzer Imker-Schleier zum schneewittchenweißen Outfit! Keine high heels, aber immerhin modische Damenstiefeletten. Aber ich frage die Bienen-Femme-Fatale nicht einmal, ob ich sie fotografieren darf. Vielleicht hätte sie ja ihre Killer-Bienen auf mich gehetzt …🙂 …
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Abends. Wieder ins Tsalkimi. Die Fassoulada- und Kolokitho-Pita-Portionen liegen mir am Ende ein wenig im Magen. Also noch auf einen Ouzo ins „Ana na ena milo“. Mal wieder der einzige Gast. Schon zu kalt für die Terrasse. Kellner Jorgo freut sich, daß er ungestört englisch quatschen kann. Hier gäbe es einfach zu wenig internationale Gäste zum Üben. Ist dieses Jahr sein einziger Job, bringt ihm 600 Euro, früher hatte er drei Jobs in der Saison, gleichzeitig, aber er kommt noch gerade so zurecht. Scheißzeit eben …
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Milies Ana na ena milo
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Ob ich das Lokal mal fotografieren kann? Letta, die Wirtin, nickt. Ja, klar! Und … da kommen tatsächlich noch weitere Gäste. Zwei. Sie kommen nicht rein, packen auf der Terrasse ihre Zigaretten aus. Und Jorgo wird aktiv.
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Ich bin irritiert. Letta, wie kommt man an diesen ungriechischen Namen? Letta lacht. Nikoletta heißt sie (Nikoletta Liantzoura), aber ihr Partner hier heißt Nikolaos (Nikolaos Efthymiou). Zu viele Nikos im Haus, und da mußte einer auf sein „Niko“ eben verzichten.
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Und wie kommt der Laden an diesen Namen? („Anna na ena milo“ = “Anna, hier ist ein Apfel”.) Den hat Letta aus einem alten Grundschul-Lehrbuch. Sie kramt in einer Schublade. Sie hat das Buch noch, zeigt es mir. Blättert nach der Illustration, die dem Café den Namen und das Logo gab.
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Milies Ana na ena milo
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Milies Anna na ena milo
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Die Wände des Cafés sind vom Boden bis zur Decke mit Bilderrahmen bedeckt. Alte Fotos, vergilbte Zeitungsausschnitte, Kino-Postkarten, Illustrierten-Werbung und nostalgischer Kram. Alles ist tatsächlich nach Schwerpunkten geordnet. Fällt einem erst auf, wenn man lange genug hinschaut. Hier ein Blick in die „Apfel-Zone“:
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Ana na ena milo
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Hier die schöne alte Karelia-Werbung am Rand der „Nikotin-Zone“:
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Karelia Milies
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Woher die Ausstattungs-Idee? Sie wollten weg vom angestaubten Flair dieser Pilion-Dorfcafés. Ohne gleich eine coole Lounge-Bar zu werden. Nein, hier sollen sich alle wohlfühlen. Ob sie nun Ouzo wollen oder Cocktails.
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Den Mittwoch verbringe ich auf der Strecke der Schmalspurbahn, zu Fuß. Treffe auf den Gleisen ein deutsches Wanderer-Paar, das in Afissos an der Golfküste wohnt, und verquatsche mit ihnen eine Stunde in der Taverne am Bahnhof von Miliés. Am Bahnhof posiert ein Model in Brautkleidern für einen Profi-Fotografen.
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Ich hatte gelesen, der Zug führe im September jeden Tag. Nö, er fährt nur am Wochenende. (Nein, nicht alles glauben, was so im Internet steht …) Schade. Ich wäre an einem Tag gerne mal mitgefahren.
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Und zum Sonnenuntergang bin ich immer auf meinem Balkon, Blick auf das hakenförmige Südende der Halbinsel, mit der Klosterinsel des Xenophon ganz rechts:
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Pagasitischer Golf
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Um Alfons „Xenophon“ Hochhauser geht es erst auf der nächsten Seite. Donnerstag geht es über die Pilion-Kammhöhe Richtung Osten. Nach Tsangarada. Der Taxifahrer sucht für mich im weitverstreuten und unübersichtlichen Tsangarada nach meiner vorgebuchten „rooms“-Adresse. Qualitätsmäßig erwartet mich ein Abstieg zum Zimmer in Miliés. Preislich ein Aufstieg. Und eins nicht vergessen, die Zimmerpreise im Pilion liegen deutlich über dem griechischen Durchschnitt.
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