Aegina – Waisenhaus und Schulen 1832

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Wie sich die Dinge ändern: Die Nordwestecke des Waisenhauses 1996 (oben)
und 2018 (unten).
Finden Sie die Unterschiede – aber bitte nicht auf dem Bildschirm markieren!
1828 gab es leider noch keinen Fotografen auf Aegina, echt schade … 🙂 …
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Ich hatte nach Informationen über die frühe Zeit des Waisenhaus bzw. Gefängnisses auf Aegina gesucht. Hier ist ein Bericht aus erster Hand – vom ersten Leiter des Waisenhauses und der angeschlossenen Schule! Von diesem Zufallsfund war ich völlig überrascht:
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NEUE JAHRBÜCHER FÜR PHILOLOGIE UND PÄDAGOGIK,
oder  Kritische Bibliothek für das Schul- und Unterrichtswesen.
In Verbindung mit einem Verein von Gelehrten herausgegeben
von Dr. Gottfried Seebode, M. Johann Christian Jahn und M. Reinhold Klotz.
Vierter Band. Erstes Heft.
Leipzig, Verlag von B.G. Teubner und F. Claudius
1832
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Ich zitiere fast vollständig die Seiten 134 – 141 des Jahrbuches – und sie müssen nicht Lehrer oder Erzieher sein, um das mit Interesse zu lesen. Ich bin ja auch keiner …
Kursiver Text = Einschübe der Redaktion des Jahrbuches:
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Griechenland. Ueber das griechische Schulwesen theilen wir hier einige Notizen aus einer neugriechischen Zeitschrift mit, nämlich aus der Aeginaia, von der die erste Nummer, am 15. März 1831 in Aegina erschienen (50 S. in 8.), so eben vor uns liegt.
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Diese erste Nummer beginnt mit einem Artikel, der den Eifer des Volkes, sich Bildung zu verschaffen, wie das Streben der Regierung, die Volksbildung zu befördern, in das vortheilhafteste Licht stellt und in kräftigen Worten zu beharrlichem Fortschreiten auf dem einmal betretenen Wege ermahnt. Der Verf. (er unterzeichnet sich I. K.; vermuthlich J. P. Kokkoni) schliesst mit der Hoffnung, dass, wenn die Bürger die weisen Maassregeln der Regierung mit unermüdlichem Eifer unterstützten, in kurzer Frist nicht allein in allen Städten, sondern auch auf dem Lande dafür gesorgt sein werde, dass alle Kinder wenigstens lesen und schreiben lernen könnten.

(…)

Moustoxydis_A3501) Bericht des Vorsitzenden in der Direction des Waisenhauses, Aufsehers und Ordners des National–Museums, Inspectors der Centralschule u. s. w., A. Mustoxydes, über die Erziehungsanstalten auf Aegina, an das Staatssecretariat des Cultus und des öffentl. Unterrichts.
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a) WAISENHAUS.
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“Das Waisenhaus enthielt zu Ende des J. 1829  495  Alumnen. Im Laufe des Jahres 1829 wurden 98 Kinder ihren Aeltern, die entweder die verloren geglaubten unerwartet hier wieder fanden, oder nach Begründung des Friedens selbst sie zu erziehen im Stande waren, zurückgegeben.
Einige wenige Zöglinge wurden, ihres schlechten Verhaltens wegen und da keine Zurechtweisung bei ihnen fruchtete, aus der Anstalt verwiesen; aber fast alle kehrten nach Aegina zurück, baten flehentlich um Wiederaufnahme in das Waisenhaus, erlangten dieselbe, und zeigten fortan durch ihre tadellose Aufführung ihre aufrichtige Reue.
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Die Regierung bestimmt, ohne Rücksicht auf die Geburt der Zöglinge, nach ihren individuellen Neigungen und Fähigkeiten ihre weitere Laufbahn. Sie giebt daher einigen wenigen Gelegenheit und Mittel zu höherer Ausbildung, und lässt die andern zu mechanischen Beschäftigungen, vorzüglich zum Ackerbau und zum Seewesen, als den für Hellas nützlichsten Gewerben, übergehen.
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Als Zöglinge der Regierung erster Classe wurden demnach ausgewählt und abgegeben:
– In die Central-Kriegschule in Nauplion:  6
(von deren rühmlichen Fortschritten die erfreulichsten Berichte eingehen.)
– In die Centralschule in Aegina:  5
– In das geistliche Seminar auf Poros: 1
Summe : 12
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Aus der zweiten Classe wurden abgegeben:
– In die Muster-Meierei in Tyrius:  15
– Zum Seewesen, auf die Nationalschiffe:  65
– Zum Goldschmiedehandwerk, nach Syra: 2
– Zu verschiedenen Handwerken, auf Aegina, Hydra u. in Nauplion: 22
– Zur Buchdruckerkunst, in Nauplion u. Aegina:  6
Summe:  110
Dazu obige 12 = Abgang: 122
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Es starben von den Zöglingen der Anstalt in dem Zeitraume, auf welchen der Bericht geht, 33; eine überraschend grosse Zahl, die jedoch erklärlich erscheint, wenn man sie
1) auf 14 Monate (vom Herbst 1829 bis Weihnachten 1830) vertheilt;
2) nicht bloss auf die oben genannte 495, sondern auch auf die nach und nach hinzugekommenen 167;
und wenn man
3) bedenkt, dass der erwähnte Zeitraum zwei für Griechenland ungewöhnlich kalte Winter befasst, dass die Sterblichkeit unter Kindern immer grösser ist als unter Erwachsenen, und dass endlich diese Kinder meistens schwere Leiden erduldet, und namentlich die aus der ägyptischen Sklaverei zurückgekehrten (die grössere Anzahl) die dortigen endemischen Augenübel mitgebracht haben.
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Es sind demnach von den 495 Alumnen des Waisenhauses in dem angedeuteten Zeitraume 255 ausgetreten, dagegen 167 andre wieder hinzugekommen, so dass die Gesammtzahl jetzt (Ende 1830) 407 ist.
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Theilen wir die Knaben nach den verschiedenen Unterrichtsgegenständen (oder Classen?) ein, so hat
– die Schule des wechsels. Unterrichts:  300 Schüler
– die Hellenische (Altgriechische):  40
– die Rechenschule:  40
– die Zeichenschule:  30
– die Schule der Kirchenmusik: 32
– die gymnastische Schule fast alle.
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Die Schule des wechselseitigen Unterrichts ist seit der Mitte des verflossenen September nach dem neuen „Handbuch der Methode“ organisirt. Ausser den andern Unterrichtsgegenständen wurde auch noch der Unterricht im Zeichnen eingeführt. Ein gemeinsamer Unterrichtsgegenstand für Alle, auch für die Extraneer, ist, nach der neulichen Bestimmung der Regierung, die heilige Geschichte und die Katechese.
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Auch werden einige Zöglinge im Waisenhause selbst in Handwerken unterrichtet;
4 lernen das Buchbinder-, 5 das Schneider-, 2 das Schreinerhandwerk, zu welchen noch die 4 Lehrlinge der Buchdruckerkunst gefügt werden müssen.
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Für alle diejenigen, welche theils im Waisenhause, theils ausserhalb desselben ein Handwerk erlernen, wird auf Befehl der Regierung wöchentlich für jeden ein Phönix (1 Phönix ist gleich 5 gGr. 4 Pf. Conventionsgeld) zurückgelegt, und auf diese Weise ein Capital gesammelt, von welchem sie, wenn sie aus der Lehre treten, sich das erforderliche Handwerksgeräthe anschaffen können.
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Der Phönix war von 1828 bis 1832 die erste Währung Griechenlands (Foto: wikipedia)
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Sehen wir auf den Geburtsort der Alumnen des Waisenhauses, so finden wir:
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1) zu Ende des J. 1829:                   2) zu Ende des J. 1830:
– Peloponnesier:               140        116
– Continentalgriechen:    175        178
– Inselgriechen:                  25          15
– Flüchtlinge:                    155          95
Summe:                             495        407 (sic)
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Die Flüchtlinge hat die Regierung adoptirt, theils weil ihre Väter in dem gemeinsamen Kampfe gefallen sind, theils weil sie als Stamm und Leidensgenossen ihre Unterstützung in Anspruch nahmen.
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Der Schluss dieses Berichtes zählt noch das Verwaltungspersonal und die Dienerschaft des Waisenhauses auf (ausser 7 Lehrern 47 Personen, eine Zahl, die doch fast nach Verschwendung aussieht!) und erzählt von einigen vorgenommenen Reparaturen und der Anlegung eines Gartens.
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Zuletzt wird bemerkt, dass die Schule des wechselseitigen Unterrichts noch von 65 Extraneern (Schülern aus der Stadt) besucht wird.
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b) VORBEREITUNGS- ODER ELEMENTARSCHULE.
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Als die Regierung die Centralschule er richtete, sah sie bald ein, dass die Knaben, die mit ihren Familien provisorisch nach Aegina gezogen, oder aus Wissbegierde von verschiedenen Seiten zusammengekommen waren, aus dem neuen Unterrichte keinen Vortheil ziehen könnten, so lange sie noch aller Elementarkenntnisse entbehrten. Daher errichtete sie, zwischen der Schule des wechselseitigen Unterrichts und der Centralschule, die Vorbereitungsschule, in welcher zwei Lehrer in zwei Classen die Elemente der griechischen Sprache, der Geschichte und die Rechenkunst lehren.
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Seit dem Anfange des letzten Halbjahres enthielt die erste Classe 77 Schüler.
Von diesen wurden in die höhere Classe versetzt: 10
In das geistliche Seminar: 1
In ihre Geburtsorte kehrten zurück: 25
> bleiben: 41
Neu aufgenommen wurden:  45
> Summa 86
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Die zweite Classe hatte  135 Schüler.
Aegina verliessen: 22
> bleiben: 113
Neu aufgenommen wurden: 28
> Summa 141
Dazu die Schüler der ersten Classe:  86
Folglich hat die Vorbereitungsschule  227 Schüler.
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Die Centralschule heute (Quelle: Trip2Athens)
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c) DIE CENTRALSCHULE.
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In der Centralschule lehren drei Lehrer die hellenische und die französ. Sprache, die Geschichte und die Mathematik. An diesem Unterrichte nehmen alle Schüler ohne Ausnahme Theil.
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Zu Anfang des verflossenen Halbjahres betrug die Anzahl der Schüler: 117
In die Kriegsschule in Nauplia traten über: 2
In ihre Geburtsorte kehrten zurück: 13
> bleiben: 102
Neu aufgenommen wurden:  20
> Summa:  122.
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Theilen wir die Schüler der Vorbereitungs- und der Centralschule nach ihren Geburtsorten ein, so ergeben sich:
Peloponnesier:  84
Continentalgriechen:  110
Inselgriechen:  91
Flüchtlinge:  64
> in Allem 349. ”
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Auf diese statistischen Angaben folgt eine Belobung des Fleisses der Schüler; besonders wird ihrer Fortschritte in ihrer Muttersprache rühmend gedacht (wo offenbar das Altgriechische gemeint ist).
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“Einige Gelehrte werden bald Lexica und eine Encyclopädie liefern. In den Schulen wurden der Jugend der Platonikos des Isokrates, die Charaktere des Theophrast, einige Gespräche des Lukian, die Platonische Apologie des Sokrates und die Rede des Lykurg gegen den Leokrates erklärt.”
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Hieran knüpft Mustoxydes folgende für den Geist der damaIigen Regierung Griechenlands gewiss charakteristische Bemerkung: „Diese (die eben genannten) sind unwidersprechlich die berühmten Schriftsteller Griechenlands, in welchen nicht allein die Reinheit der Sprache und die Kunst der Rede her vorglänzt, nicht allein die Erhabenheit der Gedanken bewundert wird, sondern von denen die Jugend auch lernt, der Tugend und der Liebe zum Vaterlande nachzustreben.
Diese Liebe freut sich die Regierung in den Gemüthern der Jugend zu entflammen und zu beleben, obgleich gewisse Leute ganz andere Dinge ausposaunen, die, in der Fremde lebend und in ihrer Phantasie das Vaterland in Gefahr sehend, uns verläumden, dass in unsern Schulen die Erklärung unserer edelsten und freiheitliebendsten Schriftsteller verboten sei, als ob die verständige Freiheit, von der diese erzählen, gleich wäre mit der verächtlichen Demagogie, in welcher jene, von verdammungswürdigen Zwecken oder von kecker Unerfahrenheit lange trieben, die Einfältigeren zu täuschen wünschen”.
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Eynard, der unermüdliche Wohlthäter Griechenlands, hat auch dem Schulwesen seine Fürsorge zugewandt. Da das der Centralschule angewiesene Gebäude für die Menge der Schüler bald zu eng war, wurde es an die Vorbereitungsschule abgetreten, und für jene mit Eynards Hülfe ein neues Gebäude nach dorischer Bauart aufgeführt, dessen Fronte von einer Colonnade gebildet wird. Es enthält zwei Hörsäle, von denen der grössere über 200 Schüler fasst; seine Wände sind, mit Büsten der alten Dichter, Redner, Philosophen u. Geschicht schreiber geziert. Den zweiten (kleineren) Hörsal nimmt die Normalschule der Methode des wechsels. Unterrichts ein, in welcher die Lehrer für die im ganzen Hellas nach und nach anzulegenden Volksschulen gebildet werden.
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Die Jünglinge, welche in diese Normalschule treten wollen, müssen das zwanzigste Jahr ihres Alters erreicht haben und die nöthigen Vorkenntnisse besitzen. Es ist nur Ein Lehrer an derselben angestellt; der Unterricht wird nach dem Handbuche des Franzosen Sarazin ertheilt.
In der Normalschule , die erst seit kurzem errichtet ist, sind bis jetzt (Ausgang 1830) zwei Curse, jeder von drei Monaten, beendigt; an dem ersten nahmen 17, an dem zweiten 15 Schüler Theil, von denen die meisten schon Männer, und einige geweihte Priester waren. Alle erhielten Unterstützung von der Regierung.
Von den Schülern des ersten Cursus sind schon mehre als Lehrer auf Andros, Tenos, Melos
u. s. w. angestellt.
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Nicht weniger ist die Regierung auf Erziehung u. Bildung des weiblichen Geschlechtes bedacht gewesen. Auf Aegina ist eine Mädchenschule errichtet mit Einer Lehrerin, welche 30 Schülerinnen zählt.
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Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass auf Aegina in Allem 883, und wenn die 50 Schüler der Gemeine der Psarianer mitgezählt werden, 933 Schüler sich finden, von denen die Regierung mehr als 500 ernährt oder doch unterstützt.
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Was die Bibliothek betrifft, so waren theils durch Schenkungen, theils durch einen vor kurzem geschehenen Kauf bereits 1018 Bände verschiedener Schriften zusammengebracht. Da unter den Geschenken viele Doubletten waren, so hat die Regierung ein Dritttheil derselben unter die übrigen Schulen des Reiches zu vertheilen, das zweite für vorkommende Bedürfnisse aufzubewahren, und den Rest zu verkaufen befohlen, um aus dem Erlös neue Bücher an zuschaffen.
Durch diese und durch andere von Seiten der Regierung in Europa bestellte Schriften wird die Nationalbibliothek in kurzem ansehnlich vermehrt werden.
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Ausserdem sind bis jetzt 24 alte Handschriften gesammelt worden; eine Zahl, die man hinlänglich gross finden wird, wenn man bedenkt, seit wie kurzer Zeit das Sammeln derselben begonnen ist, wie viele die Unersättlichkeit der Fremden* aus dem Lande geführt hat, und wie viele durch die Unkunde und Barbarei der Besitzer zu Grunde gegangen sind. Ferner ist mit einer kleinen oryktologischen und geologischen Sammlung der Anfang gemacht.
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Bis um die Mitte dieses Jahres war nur Eine Buchdruckerei auf Aegina, deren Lettern und Pressen nicht einmal für den täglichen Bedarf, der zum Druck beorderten Regierungserlasse u. s.w. hin reichten. Daher hat die Regierung in Nauplion eine besondere Druckerei für ihren Gebrauch errichtet, und die auf Aegina ganz den Schulen überlassen, nachdem sie dieselbe mit neuen Didotschen Lettern verschiedener Grösse, die zum Druck von 14 Bogen hinreichen, mit 6 Pressen und mit dem nöthigen Handwerkgeräthe beschenkt hatte. Ausser dem Director sind in der Druckerei 16 Subalternen, theils Gesellen, theils Lehrlinge.
(…)
Endlich hat die Regierung die Errichtung eines Nationalmuseums angeordnet, um die Ueberbleibsel des Alterthums, die bis jetzt der Zerstörung oder den Nachforschungen der Fremden entgangen sind, in demselben zu sammeln; indem sie es glücklicheren Zeiten vorbehält, auch das aufzusuchen, was der Schoos der Erde noch verbirgt. (…)”
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* Unter den Fremden, deren (…) mit einiger Bitterkeit gedacht wird, sind ohne Zweifel zunächst die Engländer gemeint.
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