Tinos: Marmor in Vathy

Vathy Tinos Marmorbruch
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Der Marmorbruch im Tal von Vathy/Tinos
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< TINOS: MARMOR-MUSEUM IN PIRGOS
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Die Cheops-Pyramide, fast 150 Meter hoch, eine Seitenlänge von etwa 230 Metern, errichtet aus circa drei Millionen Steinquadern von je etwa 2,5 Tonnen Gewicht. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie vor 4500 Jahren fast acht Millionen Tonnen Steine auf dieses Bauwerk befördert wurden? Haben Sie eine Vorstellung davon, wie früher ohne Maschinenhilfe auch nur ein einziger Marmorblock aus einem Steinbruch in eine Werkstatt kam? *
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Im Marmor-Museum in Pirgos im Norden der Insel Tinos ist die Gewinnung des Rohmaterials durchaus dokumentiert. Aber das ist im Museum nur ein Aspekt unter vielen anderen im Marmorhandwerk. Der Schwerpunkt liegt im Museum auf der künstlerischen Bearbeitung und Veredelung des Materials.
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Was den Rohstoff Marmor betraf, wandert mein Interesse irgendwann von der Fertigung der Endprodukte zur Logistik: Wie wurden die Blöcke gewonnen? Mit welchen Werkzeugen wurden die Platten für die Architektur gefertigt, wie die Rohlinge für die Bildhauer? Mit welchen Verkehrsmitteln und über welche Wege wurden die Roh- und Halbprodukte ans Ziel gebracht? Für jemanden, der wie ich aus dem Ruhrgebiet stammt, sind alte industrielle Anlagen und Transportmittel interessanter als byzantinische Kirchen …
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Tinos war nie die allererste Adresse für die Marmor-Industrie, aber die Kykladen-Insel war wie Paros oder Naxos immerhin gut im Geschäft. Im frühen 19. Jahrhundert wurden Marmor-Platten auf Tinos noch in Handarbeit geschlagen – damit war man außerhalb der Insel nicht konkurrenzfähig. Marmorplatten aus Carrara waren in Athen billiger als die von der Kykladen-Insel! In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es einen Aufschwung – die Marmorproduktion wurde “industrialisiert”. Aber heute deckt die Marmorgewinnung auf Tinos fast nur noch den Eigenbedarf. Es gibt im Museumsführer einen Hinweis darauf, wo auf Tinos früher das für den „Export“ bestimmte Material verarbeitet und verschickt wurde. Von der im Nordosten der Insel liegenden „Fabrika“, wo es in vorindustrieller Zeit wenigstens eine mit Wasserkraft getriebene Marmorsäge gab, ist kaum noch etwas zu sehen, höre ich. Nur ein Fußweg führt heute noch in eine verlassene Bucht.
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Luftbild Vathy Bucht
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Vathy (Screenshot, Quelle: tripinview)
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Im Tal hinter der kleinen Bucht von Vathy, südwestlich von Pirgos gelegen, gab es im frühen 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Marmor-Steinbruch und eine neuzeitliche Bearbeitungs- und Vertriebs-Infrastruktur: In Vathy wurde schon im 18. Jahrhundert Marmor abgebaut, vielleicht sogar viel früher.
Im Jahre 1927 kauften Konstantinos Karageorgis und sein Vater Gregorius einen bedeutenden Anteil an dem etwas abgelegenen Steinbruch. 1932 eröffneten Vater und Sohn in der Bucht ihre Fabrik- und Hafenanlage. 1940, nachdem die Deutsche Wehrmacht Griechenland besetzt hatte, wurde der Betrieb schon wieder geschlossen.

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Vathy Karageorgis Sägewerk
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Das Hauptgebäude der Marmorplatten-Fabrik in Vathy
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Vathy Marmorsägewerk
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Im Steinbruch, der auf halber Höhe zwischen dem Meer und der Paßstraße zwischen Istérnia und Pirgos liegt, wurde das gewonnene Rohmaterial in Blöcken aus der Schicht gehauen und mit Brecheisenhilfe von Hand aus der Felswand gerückt oder gerollt, damit es abtransportiert werden konnte. Die großen Blöcke wurden auf Holzschlitten über steinerne Rampen zur Küste geschafft.
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Vathy Marmortransportweg
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Teil der zur Küste führenden Transport-Rampe
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Das Lenken und Bremsen der Schlitten war noch mühsame und gefährliche Handarbeit. Die Strecke vom Steinbruch zur Küste ist viel zu steil, um Zugtiere einsetzen zu können.
(Von einer Schwebebahn oder Zahnradbahn hätte hier höchstens Alexis Zorbas geträumt …) Kleinformatige Stücke lud man den Maultieren aufs Kreuz.
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Vathy Marmor Schutthalde
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Marmor-Schutthalde im Tal von Vathy
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Tinos Patela Feldweg
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Der heute noch befahrbare Feldweg abwärts von der Höhenstraße zum Steinbruch ist steinig und voller Löcher und Erosionsrinnen, aber nicht extrem steil – wenigstens nicht oben, am Hang des Patela-Höhenzuges. Der Weg wäre also im Prinzip „schlittenfähig“ …
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Weg nach Vathy
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Nicht nur mit dem Ochsenschlitten sollte auf dem Weg vorsichtig gefahren werden.
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… aber welchen Grund hätte es gegeben, die Blöcke auf dem Landweg nach Süden zu transportieren? Ein Ochsenschlitten hätte es nicht in einem Tag zum Hafen im Hauptort von Tinos geschafft. Während unten in der Bucht von Vathy die Lastkähne warteten.
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Alekos Florakis Buch Marmor
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Ein Blick ins Buch von Alekos Florakis („Η Τηνιακη Μαρμαροτεχνια, Ιστορια και Τεχνικη“). So sah es einmal an der Verladestation der Bucht aus: Schienen verbinden Sägewerk und Pier (rechtes Gleis). Größere Blöcke wurden offenbar schon oberhalb des Sägewerks auf Loren umgeladen (linkes Gleis).
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Erst zwischen den Gebäuden des Verarbeitungsbetriebs und dem kleinen Verlade-Pier von Vathy wurden Schmalspur-Schienen verlegt. (Innerhalb der größeren Steinbrüche wurden oft auch Schmalspur-Schienen verlegt, denn das lose Geröll, das als Abfall beim Marmorbruch anfiel, wurde in einer Kipp-Lore zur Halde transportiert. Kleinere Mengen von Steinen wurden von den Arbeitern in Holzbütten auf dem Rücken weggetragen.)
Man nutzte in Vathy die geringe Neigung am Ende des Tals, um mit Seilwinden gezogene und seilgebremste Wagen zu bewegen. Die Gleisführung ist im Buch von Alekos Florakis („Η Τηνιακη Μαρμαροτεχνια, Ιστορια και Τεχνικη“) ja noch zu sehen. Heute ist jedes Stück Metall, ob es mal Gleis, Waggon oder Maschine war, aus der Anlage entfernt, weggerostet oder auf dem Schrott gelandet. Einige wichtige Teile (z.B. der Dreh-Kran, der Blöcke und Platten aufs Schiff lud) gelangten 1990 in den Besitz des Marmormuseums und wurden restauriert.
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Vathy Pier
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Verlade-Pier an der Bucht von Vathy
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Vathy Pier
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Wie in der Sonne geschmolzen: Letzte verbogene Metallreste am Pier
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Ein Dieselgenerator erzeugte den notwendigen Strom, mit dem die Säge- und Schleif-Vorrichtungen angetrieben wurden. Drei Schneidemaschinen mit 50 bis 80 parallel laufenden Drahtsägen zerlegten die Marmorblöcke in Scheiben. (Ja, etwa so, wie heute Ihre Bäckerei-Filiale einen Brotlaib in Scheiben schneidet.) Die Sägebänder für den Marmor mußten dünn und extrem widerstandsfähig sein, und gekühlt werden, damit sie sich nicht überhitzten.
Die Anlage in Vathy galt damals als beispielhaft. Und sie konnte weit mehr Marmor verarbeiten, als der Steinbruch selbst hervorbrachte. Von anderen Stellen der Insel, ja sogar von Steinbrüchen in weit entfernten Regionen von Griechenland wurde Material zum Zerteilen und Polieren dorthin gebracht. Je nach Auftragslage waren bis zu 300 Leute bei Karageorgis beschäftigt.
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Ein großer Teil der meist saisonal Beschäftigten wohnte wohl in einer kleinen Siedlung an der Südseite der Bucht. Eine Kirche gab es auch, und bestimmt auch einen Laden und ein Kafeneion. (Es sind ja fünf Kilometer Fußweg zu den nächsten Orten, Pirgos oder Istérnia. Die übereinander gestapelten Häuschen der Siedlung werden heute noch in der Sommersaison genutzt. Man findet auf dem Strand sturmgesicherte Boote und sogar Süßwasser-Tanks, die sogar eine Dusche am Strand versorgen:
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Vathy Strand Dusche
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…………….Vathy Agios Charalambros
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Aghios Charalambros Ikonen
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Ansichten aus dem Innenraum der Kirche von Vathy, die den Rock-Ikonen von ZZ Top geweiht ist (linkes Bild mit Groupie) … oh nee sorry, Irrtum, dem Aghios Charalambos geweiht, einem Bischof, der angeblich im 2. Jahrhundert im Alter von 113 Jahren (!) zu Tode gefoltert wurde. Nein nein, der alte Herr wurde nicht mit Rockmusik gefoltert.
Trotzdem erstaunt es mich, daß es hier in der Gegend kein “Hard Rock Café” gibt …🙂 …

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Vathy Marmorsäge Fundament
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Fundament für die Antriebseinheit einer Marmor-Säge
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Vathy Tinos Marmor
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Auf der steinernen Unterlage, auf der die Blöcke lagen, findet man noch heute
die glatt ausgefrästen Spuren der Bandsägen.

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Marmormuseum Pirgos
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Darstellung der Motorsäge im Video im Museum in Pirgos
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In den frühen 1960er Jahren wurde noch einmal damit begonnen, organisiert im Steinbruch zu arbeiten, ohne nachhaltigen Erfolg.
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Marmor Steinbruch Vathy
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Noch scheint genug Marmor zum Abbau vorhanden zu sein (siehe Foto), aber angesichts der dicken Schicht tauben Gesteins darüber ist das in der Steilwand wohl nicht unproblematisch. Aber offenbar ignorieren immer noch einige Leute die Gefahr. Ich nehme an, daß in kleineren Mengen immer noch Marmor „wild“ aus der Wand herausgeklopft wird.
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Es gab noch ein gutes Dutzend kleine Marmorbrüche südostlich von Vathy, am Hang des Patelahügels, unterhalb von Istérnia. Von Istérnia führt ein stufenlos glatter Marmorweg zur Küste, der noch gut erhalten ist. Auch hier wurden Marmorblöcke zu den Verladestellen in der Bucht von Istérnia hinabgeschleift. (Bezeichnenderweise hat der Weg zu den unteren Oliventerrassen von Istérnia nämlich Stufen, ist also maultier- und fußgängerfähig!)
Aber in Istérnia selbst wurde auch nicht an Marmor gespart bei der Gestaltung des Dorfes. Kirche, Wege und Plätze, alles ist marmorveredelt. Wir besuchten das Dorf am Tag der Kommunalwahl, die Gassen waren teilweise übersäht mit KKE-Flugblättern.
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Isternia Platia
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Isternia Kirche
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Platia, Kirche und Kafeneion in Istérnia
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Vathy Café Kunst
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Ach so, nicht alle Künstler arbeiten auf Tinos mit Marmor: Phantasie mit Treibgut …
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* Spätere Kulturen machten sich das etwas einfacher als die Ägypter. Wenn ein Gebäudekomplex eine erhabene Stellung einnehmen sollte, nutzte man die gegebenen Bodenunebenheiten aus. Man strebte zur Höhe. Oben war man den Göttern näher und sah auf seine Feinde herab. Immer noch gab es das Problem: Woher kriegte man das Material für die Wände, Säulen, Dächer und Skulpturen – und wie kriegte man es über den Höhenunterschied aufwärts?
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Im 19. Jahrhundert, als die antiken Funde von ihren Fundstätten in die Museen nach Nordeuropa transportiert wurden, nutzte man immer noch Transportmittel aus der Frühzeit: Die Funde aus Pergamon oder Athen wurden mit ochsengezogenen Holzschlitten zur Küste gebracht.
(Was die Lasttiere angeht … ja, dem Leiter der Ausgrabungen auf der Akropolis von Pergamon, dem Ingenieur Carl Humann, standen damals 2000 Arbeiter, 1000 Zugochsen und 500 Kamele zur Verfügung. Gut, die sollten eigentlich in erster Linie zum Bau von Straßen und Schienenwegen eingesetzt werden …)
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Humann sicherte den gigantischen Altar von Pergamon für das Kaiserreich – und ließ ihn umgehend zerlegen und nach Berlin bringen. Konnte ja nicht alles nach Paris oder London gehen …
Für Maultierrücken waren die antiken Objekte oft zu groß. Mit Ochsenschlitten ließen sich tonnenschwere Objekte besser befördern, auch auf schrägen Ebenen, zwar langsam, aber auch sicher. Die Stadt Bergama liegt weit vom Meer …
Gut, an der Küste wartete schon die Neuzeit: Kräne, Flaschenzüge, Dampfschiffe, Eisenbahnen. Nebenbei noch die Bestechungsgelder für die lokalen Zollbeamten. Dem Sultan, solange er noch was zu sagen hatte, untertänigst lächelnd ein schickes Kanonenboot oder weitere hundert Kilometer Orient-Express-Gleise versprechen … fertig.
Ein schlechtes Gewissen? Keine Spur. Die Marmorobjekte, die rettete man doch nur vor den lokalen Kalkbrennern! Aber das ist eine andere Geschichte …

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Dank an Günter und Monika Brand, für ihre besondere logistische Arbeit …🙂 … und wie geht es den  Stoßdämpfern?
Und … es gibt hier noch ein Dutzend anderer Seiten, die sich mit der Insel Tinos beschäftigen!
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3 comments

  1. Bravo Theo, du hast unseren gemeinsamen Ausflug umfassend ausgewertet und einen interessanten Bericht verfasst, der von den Fotos gut illustriert wird! Die Stoßdämpfer halten hoffentlich noch für weitere Ausflüge durch. Der Versuch, zur Fabrika auf der anderen Inselseite abzusteigen, musste fehlschlagen, da der Eselsweg auf dem letzten Stück total (!) zugewachsen ist. Von der ehemaligen Marmorsäge sind nur noch Reste der Gebäudemauern und Maschinenfundamente vorhanden. Am Berghang sieht man noch das Wasserdepot und die Wasserleitung zum Sägebetrieb. Inzwischen habe ich auch meinen Bericht über das Marmorhandwerk auf Tinos auf meine Website gebracht. (marmorskulpturen.npage.de)
    Günter und Monika

  2. Wenn Sie die Marmorgewinnung interessiert: Heute finden Sie in der Mediathek von arte die Doku “Wie das Land, so der Mensch – Italien – Carrara“. Der Film (tolle Bilder, HD-Qualität!) ist von 2014 und wohl in den letzten Tagen wiederholt worden. Keine Ahnung, wie lange er in der Mediathek bleibt. Ich habe ihn mir aufgezeichnet, mit MediathekView.

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