17 Nomadische Hirten 1

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1930. Sarakatsani-Frauen errichten eine Winterhütte
Quelle: National Geographic 12/1930

Wenn ich zu Fuß auf dem griechischen Festland unterwegs bin, sehe ich Herden am liebsten auf dem Hang auf der anderen Seite des Tales. Und ein tiefer Bach dazwischen ist nett. Das ist malerisch, und das Glockengeläut, das Hundebellen und die Rufe der Hirten (in sicherer Entfernung) sind dann besonders romantisch …
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Quelle: National Geographic 12/1930
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Auch das Pindusgebirge ist jedes Jahr das Ziel nomadischer Hirten aus dem Flachland. Man kennt in den Bergdörfern gewöhnlich ihren Weg durch das Land. Erkundigen Sie sich! Je weiter die Sommerhitze ist, desto höher sind die Herden. Als Wanderer meidet man diesen Höhenbereich besser. Die Hirtenhunde dort sind – besonders bei längerem Aufenthalt der Herde auf den Almwiesen – scharf auf Wölfe, Bären und Schafsdiebe wie Sie und mich …
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Die Herden sind im menschenarmen Pindusgebiet riesig, und wenn man der Maultier-Karawane begegnet, die die Herde auf ihrem Weg begleitet, staunt man, was nicht alles auf die Nomadenlager der Hirten mitgenommen wird! Ich erinnere mich an eine lange Karawane mit einer Kette von Maultieren mittendrin, die jeder vier Kästen Amstel-Bier in Europfandflaschen trugen … hm, da waren früher die Lederbälge mit dem Landwein etwas praktischer.
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Nomadin mit zelttragendem Maultier
Quelle: National Geographic 12/1930
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Und wenn man so eine Herde zu einem bestimmten Punkt treiben will, muß man schon entschlossen vorgehen … besonders Ziegen suchen sonst gerne ganz andere Wege … und zwar am liebsten solche, wo ihnen der Hirte schlecht folgen kann.
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(Wir sind mal mit dem Auto in einem Sandweg stecken geblieben. Ein Hirte, der vorbeikam, half uns in aller Eile, einen Platz zu finden, wo wir Bretter holen konnten, um sie unter die Reifen zu legen. Dann mußte er rennen. Seine Ziegenherde hatte keine Sekunde gestoppt und war längst ganz woanders …)
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Der größte Teil der Herden, die man heute auf dem griechischen Festland sieht, werden inzwischen nicht mehr von wirklichen Nomaden – wie den Sarakatsani – betreut. Trotzdem wecken sie immer noch unser Interesse am meisten.
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DIE SARAKATSANI
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Die echt nomadischen Hirten (Sarakatsani, Arvanitovlachi, Karagounes) sind heute praktisch verschwunden und in der Lebensweise und in den Berufen der städtischen Zivilisation untergetaucht. Früher waren sie im gesamten Balkanraum unterwegs, nicht nur in Griechenland! Was ihre Lebensweise erschwerte, war insbesondere der Aufbau nationaler Grenzen nach dem Zerfall des osmanischen Reiches. Von Epirus, Thrakien und Makedonien aus gab es plötzlich keine legalen Wege mehr nach Norden.
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Die halbnomadischen Hirten … die Koutsovlachen und alle anderen (männlichen) Dorfhirten … ziehen sich im Winter auf feste Behausungen zurück, wo in der Regel auch ihre Familie wohnt. Das unterscheidet sie von den Sarakatsani, wo auch Frauen und Kinder ganzjährlich mit den Männern und der Herde unterwegs waren!
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Sarakatsani-Museum, Ghiftokambos-Tal/Zagori (Man beachte den Zuschnitt der Baumaterialien! Die “wirklichen” Hütten – siehe unten – sahen etwas struppiger aus …)
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Über das Leben der Sarakatsani kann man schon in der Vergangenheitsform schreiben: Ihr Lebenszyklus war eine ständige Wanderung … im Frühjahr (nach dem Agios Georgos Tag, der 23.04. im gregorianischen Kalender) bewegen sie sich almaufwärts bis zur Vegetationsgrenze, und im Herbst bewegen sie sich almabwärts, um (etwa am Agios Dimitrios Tag, 26.10., s.o.) die Ebenen zu erreichen. (Halbnomaden wie die Koutsovlachen halten sich heute noch an diese Tage!)
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Gewöhnlich waren die Sarakatsani patriarchalisch organisiert, zum ersten Schäfer eines Clans (zum architselingas) war gewöhnlich derjenige ausgewählt, der die größte Herde und die beste Ausbildung und Fähigkeit besaß.
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Sowohl die Männer als auch die Frauen waren mit der Herde unterwegs. Ihre Rechte und Pflichten waren jedoch nicht die gleichen. Die Männer waren für die Betreuung der Tiere, die Frauen für Bau und Erhaltung der Hütten (und den Haushalt) zuständig.
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Viele seßhafte Griechen hielten alle nomadischen Hirten in den Bergen für “Vlachen”. Nicht nur bei Patrick Leigh Fermor kann man nachlesen, daß die Sarakatsani … die mit dem nichtnomadischen Volk nur wenig Berührung hatten … das ganz anders sahen. Sie fühlten sich griechischstämmig, aber sonst völlig selbständig. Schon an ihrer Sprache teilen sie sich … die Sarakatsani-Sprache ist ein griechischer Dialekt (der von den meisten Griechen kaum verstanden wird), die Arvanitovlachen sprechen einen albanischen Dialekt, und die Koutsovlachen einen romanischen.
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Beispiel: Der Ort Metsovo heißt Amintshu auf vlachisch, der obere Ortsteil heißt prosilio auf griechisch, aber serinu auf vlachisch, der untere Ortsteil heißt anilio auf griechisch, nkiare auf vlachisch (lt. Arthur Foss).
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Die Auswahl der Sommer- und Winterwohnorte bestimmte der Architselingas. Hier wurden dorfähnliche Siedlungen aus Zweigen und Blättern errichtet. Die Hütten (konakia) der einzelnen Familien sahen in der Regel von außen identisch aus, unabhängig von Vermögen und sozialem Stand. Das lose geformte Dorf wurde ebenfalls konakia genannt, und am Saisonende wurde es dem Verfall überlassen. (Unterwegs wohnte man in Zelten oder improvisierte …)
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Quelle: V. Voutsas / Melissa
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Die Hütten sind in der Basis rund und konisch geformt. Der maximale Durchmesser einer Hütte ist 6 Meter. Es können auch zwei Hütten durch ein dazwischen konstruiertes Dach verbunden werden (a-dipla konaki). Oft sind mehrere Hütten von einem Zaun umgeben, der als Hof dient (fritzatokonaka).
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Die Hütten wurden größtenteils von den Frauen der Gruppe gebaut. Das Zentrum der Hüttenbasis wurde mit einem Holzpflock bestimmt, dann wurde mit einem Seil ein Kreis darum gezogen und markiert. Die konisch geformte Hütte wurde dann in Fachwerkmanier auf diesem Kreis errichtet. Das geflochtene Fachwerk wurde dann mit einer feuchten Mischung aus Stroh, Blättern und kleinen Zweigen (saloma) bedeckt. Die Konstruktion trocknete und blieb ein paar Monate dicht.
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Quelle: V. Voutsas / Melissa
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Der Eingang der Hütte lag immer im Windschatten, jede Hütte war mit Stühlen, Schlafbänken, Kinderwiegen, Teppichen und einer Feuerstelle ausgestattet und hatte eine eigene iconostasis (Öllämpchen vor Heiligenbild). Hier ein typischer Grundriß:
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Quelle: Kouremenos / Melissa
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Die tobleroneschachtel-förmigen Hütten (dreieckiges Prisma) dienen in der Regel als Lagerstätten (unten eine für zusätzlich gekaufte Strohballen!). Die Schafe kriegten gewöhnlich nur einen seitlich offenen Unterstand für die Nacht.
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Quelle: V. Voutsas / Melissa
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Gewöhnlich wurden in den Konaki-Siedlungen von den Frauen auch neben den Hütten konisch geformte Backöfen gebaut. Unterwegs half man sich beim Brotbacken auch so:
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Quelle: National Geographic 12/1930
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Der pfannenartige Ofen wird von unten beheizt, oben staut ein sandbedeckter Metalldeckel die Hitze. So einfach wie genial!
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Das wichtigste Werkzeug der Hirten war (neben ihrem Filzumhang) ihr Hirtenstock. Für die Arbeit gab es einen gewöhnlichen Stock (lang, mit einem großen, künstlich gebogenen Ende, in den auch ein Schafshals oder Schafsbein passte) und die repräsentativen “Sonntags”-Stöcke, so wie diesen hier:
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Oi Sarakatsani
Angeliki Hatzimichalis, in 2 Bänden, Athen 1957
Greek Traditional Architecture: Sarakatsani
Kostas E. Kouremenos, Melissa/Athen 1985
The Unwritten Places
Tim Salmon, Lycabettus Press/Athen 1995, ISBN 960-7269-44-6
Roumeli – Travels in Northern Greece
Patrick Leigh Fermor, Harper & Row, New York 1966
(2006 New York Review Books, ISBN-13: 978-1-59017-187-5)
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An Brauchtum, Haushalt und Bekleidung interessiert? Diesen Bereich kann ich auf dieser Seite nur andeuten. Aber d
as Sarakatsani Museum in Serres zeigt hier einiges:
http://www.serrelib.gr/sarakatsanoi_en.html

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