Das Akropolis Museum

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“Die Kunst hat keinen größeren Feind als den Architekten.”
Diesen Satz hat der auf Museen spezialisierte Architekt David Chipperfield von einem Kunstkritiker gehört. Das Zitat benutzt er bei der Eröffnung des von ihm entworfenen Folkwang-Museums in Essen.
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“Das (Akropolis-)Museum ignoriert demonstrativ seine bauliche Umgebung, es duldet keine Gebäude neben sich (…). Seine Ästhetik ist die eines Einkaufszentrums, einer Vitrine, nur mit dem Unterschied, daß hinter der Glasfassade keine Autos oder Kleider gezeigt werden, sondern die Skulpturen der Akropolis!”
Tasis Papaioannou: “I Architektoniki kai i Poli”, Kastanioti, Athen 2008
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“Tschumis neuester Bau lebt von seiner Transparenz (…). Für den Besucher des Museums, wohlgemerkt, für den, der von drinnen nach draußen schaut. Für den Betrachter aus der unmittelbaren Nachbarschaft erscheint das Haus hingegen klotzig, mit seinen spitzen Ecken vielleicht auch ein wenig gefährlich.”
Die Zeit: “Antike im Glaskasten”, Tobias Timm, 24.04.08
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Ursprünglich hatte ich hier einen ellenlangen, aggressiven Text geschrieben, und darüber stand als Titel “Das Akropolis Krematorium“. Dann fiel mir auf, daß ich mich eher künstlich aufgeregt hatte, im Namen der Nachbarn des Hauses in Makrigiani, die auf den Fremdkörper in ihrem Viertel starren mußten … besonders auf seine Rückseite!
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Aber Makrigiani war doch nie eins der schönsten Viertel von Athen. Und ich selbst schaue aus meinem Arbeitszimmer seit Jahren doch auch bloß auf einen Gewerbebau. Einen Bau, den kein Architekt der Welt freiwillig in seinem Werkverzeichnis nennen würde. Hat es mir nachhaltig geschadet? Bemitleidigt mich einer deswegen? Warum sollte ich mich also so furchtbar aufregen über das Städtebild im Umfeld der Museums-Architektur da unten im fernen Hellas?
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Daß Bernard Tschumi, der Architekt des Akropolis-Museums, das ästhetische Architektur-Erlebnis eben nur für die zahlenden Besucher seines Hauses entwickelt hat und nicht zur Freude der zufälligen Nachbarn, das entspricht eben der alten aristokratischen Art und Weise des Bauens … my museum is my castle gewissermaßen. Die Akropolis ist eine Burg. Das Akropolis-Museum ist auch eine Burg, eine Burg der Erinnerung.
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Also ist mein erster Text wieder verschwunden. Wir sind ja inzwischen auch schon überfüttert worden mit dem Thema. Und die Akropolis-Exponate sind uns aus dem alten Haus doch hinreichend bekannt, oder? (Und … seien wir ehrlich, im Akropolis-Museum war nie das nonplusultra der antiken griechischen Skulptur zu sehen! Und der ewige Streit um den Parthenon-Fries … seufz …)
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Der Neubau des Akropolis-Museums war jedenfalls zu einem Dauerthema in den Medien geworden in den letzten Jahren. Und wenn es am Ende auch “nur” noch darum ging, daß einige Leute einige denkmalwürdige Gebäude im Umkreis des Museumsneubaus vor dem Abriß verteidigen wollten (teilweise erfolgreich).
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Nein, keine freie Sicht auf die Akropolis … die verteidigten Häuser spiegeln sich im Glasboden am Museumseingang.
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Umso mehr überraschte mich der Bericht der ekathimerini am 18. Juni 2009, in dem es hieß, jetzt würde das Haus tatsächlich eröffnet und in diesem Moment sei auch der globale elektronische Ticket-Verkauf möglich! Und bis zum Ende des Jahres sei es den Glückskindern unter uns erlaubt, für nur 1 Euro Eintritt reinzukommen. Aber das Gedränge, das erwartet würde, sei wohl welterschütternd, und man müsse sich im voraus für einen bestimmten Tag und für eine bestimmte Uhrzeit festlegen …
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Das erinnerte mich sofort an die zeitlichen Restriktionen beim Zugang zur Alhambra von Granada (als ich dort war, war das wirklich lästig, aber leider notwendig …) und zwei Minuten später hatte ich die Website des Museums aufgerufen. Ein paar Minuten später hatte ich meine elektronische Zulassung: Frei gewählt, für den 26. September 2009, Einlaß zwischen 14:00 und 16:00. Ich hatte die 979. Karten-Transaktion, die weltweit überhaupt abgewickelt wurde, abgeschlossen. Wau … ich, noch unter den ersten tausend von 8 Milliarden potentiellen Museumsbesuchern auf dieser kulturbeflissenen Welt! Einen ganzen Euro würde die Piräus-Bank von meinem Kreditkarten-Konto abbuchen. Da fehlte nur noch das passende Flugticket …🙂 …
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Das Flugticket kostete das 268fache des Eintritts fürs Museum … aber ich wollte ja sowieso im September nach Griechenland. Den Flug mußte ich im August jedoch stornieren. Das elektronische 1-Euro-Ticket verfiel. Nach Griechenland kam ich erst wieder im Januar 2010. Da war der Museums-Eintritt auf 5 Euro gestiegen, und das elektronische System war “in der Wartung”, also funktionsunfähig (Oh Hellas …). Ende Februar lief es wieder … für das ganze Jahr 2010 waren nach meinen Stichproben an jedem beliebigen Tag Karten zu haben … ist das Museum vielleicht doch nicht der universelle Erfolg?
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Am Sonntag, den 17. Januar, stand ich zum ersten Mal vor der Tür … und war von der Architektur derartig überwältigt, daß ich mich auf dem Absatz umdrehte und wieder verschwand. Von der merkwürdigen Leichtigkeit, ja Heiterkeit, die ich bei den antiken Bauten in Hellas, selbst bei den Festungsmauern der Akropolis immer noch empfunden hatte, empfand ich hier gar nichts. Ja, man hält wirklich den Atem an, wenn man um die (denkmalgeschützte) Ecke des Hauses in der Dionissiou Areopagitou biegt … im Gegenlicht plötzlich ein finsteres kantiges Etwas, das einem sein Vordach entgegenstreckt wie ein Alligator seinen Rachen. Nein nein, da wollte ich nicht hinein, auf keinen Fall …
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Erst beim zweiten Versuch, eine Woche später, konnte ich mich überwinden, in den Rachen einzudringen. Zu meinem Erstaunen klappte er hinter mir nicht zu …
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Beim ersten Mal bin ich nur um das Haus herumgelaufen und habe mir überlegt, was die Nachbarn wohl drüber denken. Das Haus hat jedenfalls hinten eine … Verzeihung … “Leck-mich-am-Arsch-Seite”, die der Besucher in der Regel nicht sieht, bevor er hineingeht.
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Warum ist diese Rückseite so abweisend? Im Haus soll ja das natürliche Licht genutzt werden – so sind viele öffentliche Gebäude heutzutage eingerichtet, mit vielen mehr oder weniger guten Methoden. Manche Lösung ist ideal. Zum Beispiel die Irisblenden an Jean Nouvels Institut du Monde Arabe (Paris 1987), die sich an der Südseite des Hauses je nach natürlichem Lichteinfall öffnen und schließen (das sieht auch von außen toll aus!). Aber beim Überfluß des Lichts in Athen kommt es sowieso nur drauf an, die Sonne auszuschließen, was der breiten (immer zugezogenen) Glaswand an der Südseite des Akropolis-Museums eben dieses abweisende Wesen gibt.
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Gut, beim zweiten Mal bin ich also hineingegangen. Der erste Raum ist eine schiefe Ebene, auf der man langsam nach oben schreitet. Da steht man vor Schaukästen, und ein Bein wirkt zu kurz, eins wirkt zu lang, das ist nervig … gut, so stark ist die Schräge nicht, aber meine Abneigung wächst schon nach ein paar Schritten … dazu das Baumaterial, die durchlöcherten Metallwände, kein angenehmer Kontrast zum antiken Ton und Marmor …
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Die Skulpturen, die stalagmitisch auf Säulen wachsen, haben Sie sicher in den Medienberichten schon gesehen? OK, das ist nett gemeint. Kann man frei herumlaufen um die Objekte (wenn manche dieser Trümmerstücke auf Stahlspießen auch aussehen wie das Osterlamm am Spieß). Kann man von allen Seiten drauf schauen (egal, ob der Künstler das auch beabsichtigt hat). Nur, ständig starrt man andere Besucher an, die gerade die gegenüberliegende Seite betrachten, und wird selber angestarrt. Schon gut, daß das Fotografieren hier verboten ist …
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Das Verblüffendste an der Konstruktion ist, daß man die unter dem Museum liegenden alten Fundamente freigelegt hat und erhalten halt. Durch Glasböden schaut man drauf. (Der Neubau schwebt gewissermaßen drüber.) Man blickt quasi in das Beinhaus der Athener Baugeschichte.
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Athen ist ja seit Jahrtausenden besiedelt. Ohne maschinellen Einsatz war es ja schwierig, die Fundamente der Vorgänger zu beseitigen, meist wurden Löcher zwischen Mauern im Boden nur zugeschüttet und drübergebaut. So wurde der Athener Grund mit der Zeit immer höher, Schicht für Schicht. Wenn man liest, wie es um 1835 noch war, als Athen vom Dorf zur Hauptstadt wurde … ohne feste Straßen und ohne Beleuchtung … da ging man abends besser nicht mehr aus dem Haus, man konnte jederzeit irgendwo in einem Loch im Boden verschwinden.
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Tschumi nutzt die Glasböden jedoch bis in die oberste Etage des Hauses! Wenn man auf der untersten Ebene steht und mal nach oben schaut, ist man schon etwas irritiert …. oh hah-hah, der Architekt hat Humor, ich hoffe die Damen da oben wissen alle, daß sie hier besser keinen Mini-Rock tragen sollten …
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Den Raum der Karyatiden fand ich ärgerlich. Diese Enge zwischen den gelochten Mauern. Und man nähert sich den Damen von HINTEN! Der Raum ist bedrückend. Dabei tragen die Damen gar keine Last auf dem Kopf, wie es sich gehört! Wenn man an das luftige Plätzchen denkt, das ihre Kopien oben auf dem Hügel besetzt haben …
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Auch auf Tschumis Website sind die Karyatiden von hinten fotografiert! Allerdings erkennt man so zum ersten Mal ganz deutlich ihre Amy-Winehouse-Frisuren:
Ganz oben im Haus wartet der Parthenon-Fries. Die letzte Enttäuschung … wirkt kraftlos, das endlose Ding, ohne den zugehörigen Tempel. Wie ein BH auf dem Kleiderbügel statt auf dem Supermodel …
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Nein, diese Parthenon-Pferde-Oper wirkt irgendwie deplaziert hier unten am Fuß des Festungshügels, wie die Karyatiden auch. Zwischen Karyatiden und Fries streift der Museumsbesucher noch durch die Banalität des Museums-Cafés, da kommt man ganz aus der antiken Stimmung …

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Sind ja doch noch eine einige bissige Zeilen zusammengekommen. Ist das Museum überhaupt so wichtig? Eine griechische Zeitung hat mal auf den Einwand, der Eintritt für das neue Akropolis-Museum sei zu TEUER, etwas hochnäsig geantwortet, na, der Louvre koste doch schließlich mehr als das Doppelte …
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Hm. Die bloße Gleichsetzung dieser beiden Häuser ist schon etwas verwegen! Aber einmal Akropolis-Museum kostet schließlich auch nur die Hälfte von einem 3D-Kinofilm oder eine halbe Motorrad-Messe in Dortmund. So viel zum Thema Kulturerlebnis 2010 …

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Am Ende etwas Vorgeschichte: Die Akropolis von Athen war bis ins 19. Jahrhundert hinein mit allen möglichen Trivialbauten bedeckt – sie diente ja wirklich immer als Festungs- und Wohnanlage. Nach der Beseitigung der Nutzbauten und der Freilegung der antiken Anlagen waren genug bewegliche Objekte für ein Museum zusammengekommen, das 1878 im Südosten des Festungsberges eröffnet wurde. Der Baedeker von 1909 verleiht dem Haus zwar sein berühmtes Sternchen, ist aber doch etwas lustlos in der Beschreibung und stellt fest, daß einer der zehn Räume überhaupt noch nicht gebraucht wird. Doch noch sind nicht alle Funde zusammengetragen. 1937 wird ein Neubau errichtet, da das alte Gebäude nicht mehr ausreicht. Auch dieser Bau wurde in den 70er Jahren als unzeitgemäß und zu klein angesehen. Erst den vierten Wettbewerb für einen größeren Neubau außerhalb des Festungsberges gewann das Architekturbüro des Schweizers Bernard Tschumi.
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Die Website des Museums:
http://www.theacropolismuseum.gr/
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Die Bernard Tschumi Website:
http://www.tschumi.com/
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6 comments

  1. Finde gerade zufällig einen Artikel von Anthony C. Antoniades in der 1. Ausgabe seines ACA Magazins:

    http://www.acaarchitecture.com/Mag01.htm

    Antoniades hatte sich bereits 1978 an der allerersten Ausschreibung für das Akropolis-Museum beteiligt, und wendet sich im Jahr 2000 noch gegen die Errichtung des Museums an dem Ort in Makroyanni.

    Witzigerweise hatte für ihn bereits der siegreiche Entwurf des dritten Wettbewerbs (Nicoletti und Vassarelli) was Einkaufszentrumhaftes: “The third competition was international . It produced an incredibly unacceptable first prize, an absolutely irrational solution by the Italian architects Nicoletti and Vassarelli . The solution called for a building that appeared as if it had sunk on its site, with an interior space that evoked through the drawings the atmosphere of an American shopping mall …”

  2. Hallo Theo,
    ich habe diesen Artikel gespannt auf Deine Meinung angeklickt, denn ich war im November zum ersten mal im neuen Akropolis Museum (das alte kannte ich natürlich auch und seine Gequetschtheit). Aber ich habe ihn dann nicht wirklich gelesen, bin zur Zeit aus persönlichen Gründen extrem sensibel gegen Wichtigtuerei, Totschlagargumente, Undifferenziertes, Klugscheißerei. (Vielleicht stimmt das alles ja gar nicht und ich habe zu schnell aufgehört zu lesen.)

    Ich will Dir nur sagen, dass ich an einem klaren sonnigen Novembersonntagmorgen hingerissen war von der Transparenz dieses Gebäudes (nach oben, unten, außen), die Einbeziehung der Stadt, der Akropolis, der Menschen die da leben (mit allem was in Athen so dazu gehört). Die Etagen, was sich dort tut, einfach eine wunderbare Entgrenzung! Nicht eingeklemmt, Platz sich zu bewegen und orientiert im Glasraum und weit darüber hinaus zu sein! Und draussen: die Spiegelung des Parthenons im Glas, gleichzeitig fast greifbar der reale Tempel auf sozusagen Augenhöhe!

    Ein Frappedaki auf der Terasse, Blick auf den Parthenon, herumrasende griechische Kinder… ein kunst- und menschenfreundliches Gebäude, das seiner Funktion eindeutig gewachsen ist und in dem alles passt ausser wie immer diese BLÖDEN DUMMSCHWÄTZENDEN GRIECHISCHEN MUSEUMSWÄRTERINNEN, aber das ist überall in Griechenland so, selbst im kleinsten dezentralen Museum in Mavromati Messinia. Oder egal wo.

    Schönen Gruß
    Brigitte

  3. Laut ekathimerini 01.04.2014 – die Öffnungszeiten ab 2014:
    ” The Acropolis Museum in Athens has also modified its schedule ahead of the summer season and will now open on Mondays from 8 a.m. to 4 p.m., Tuesdays, Wednesdays, Thursdays and Saturdays from 8 a.m. to 8 p.m. and Fridays from 8 a.m. to 10 p.m.”
    = Mo 08:00-16:00, Di-Do und Sa 8:00-20:00, Fr 08:00-22:00, und offenbar sonntags geschlossen …?
    Wohl nicht. Laut Museumswebsite (heutiges Datum) sind die Zeiten so:
    1 April – 31 October:
    Monday: 8:00 a.m. – 4:00 p.m. (Last admission: 3:30 p.m.)
    Tuesday to Sunday: 8:00 a.m. – 8:00 p.m. (Last admission: 7:30 p.m.)
    Friday: 8:00 a.m. – 10:00 p.m. (Last admission: 9:30 p.m.)

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