Astypalaia, die braune Stille

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Weg nach Kaminakia, Ende September, möglicherweise Aghios Antonios. Unmittelbar am Ende des Sommers wirkt die ganze Insel Astypalaia wie mumifiziert. Ein wandernder Landschaftsmaler käme jetzt mit Braun-, Gold- und Weißtönen aus.

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Mein letzter ganzer Tag auf der Insel. Und selbstverständlich wieder Supersommerwetter. Und selbstverständlich packe ich morgens meine Badesachen in den Rucksack, wie immer. Und ebenso selbstverständlich habe ich in den letzten zwei Wochen nur an einem Tag Zeit gefunden, ins Wasser zu kommen! Aber heute, heute …! Mit Schwung trabe ich den Berg von Chora nach Livadhia hinunter … und am dortigen Strand direkt vorbei. Ich will nach Süden, nach Aghios Konstantinos, wo es mir am Montag so gut gefallen hat! Herrliches Wasser, tolle Aussicht auf das Kastro …

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Irgendwann teilt sich der Weg. Aghios Konstantinos links, Kaminakia und der Rest des Inselwestens rechts. Was führt mich zwingend nach rechts …? Schon die ersten Anfänge des Bernsteinrausches? Um mich herum ist alles nur noch braun und beige und honiggelb …

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Kaminakia. Zehn Kilometer vom Kastro. An der Bucht soll die Sommer-Taverne immer noch auf sein. Und Josette sei vorgestern dagewesen, zu Fuß, es hätte sie jemand zurück mitgenommen, im Auto. Da nimmt dich immer jemand mit, sagte Cornelia, die hier seit Jahren ein Haus hat, da sind um diese Jahreszeit immer die Jäger. Hm, bei einheimischen Zugvögel-Wilderern auf der Ladefläche am Ende des Tages …?

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Also Kaminakia. Nicht an die Entfernung denken. Oder an die Sonne. Es zieht mich weiter. Steil bergauf. Gesicht Richtung Boden. Da liegt sie. Die Panagia, mit Kind.

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Gut, daß ich nicht orthodoxen Glaubens bin! Die Ikonen des Panagia fliegen doch immer aus Jerusalem nach Griechenland und sind höchst wunderwirksam und man muß an der Fundstelle sofort eine Kapelle bauen …🙂 … mindestens! Also stecke ich das Ding mal besser ein. Ich sehe mich noch kurz um. Nein, Glück gehabt, mich hat keiner gesehen. Hier ist ja auch kein Mensch unterwegs. Wenn die Ikone so wunderwirksam ist wie üblich, fliegt sie heute nacht bestimmt zurück auf den Feldweg …

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Irgendwann überholt mich ein metallicblauer Suzuki-Jeep. Touristen. Er winkt lässig, nimmt nicht den Fuß vom Gas. Ich sehe vom Outfit her auch nicht so aus, als wollte ich mitgenommen werden. Die lokalen Vierbeiner liegen alle am Boden und ruhen. Zu grasen gibt’s ja nichts mehr. Und endlich kriege ich auch mal ein Maultier zu sehen. Und gleich ein weißes:

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Es sieht aus, als sei es kurz vor dem Verhungern. Ich kann ihm nicht mal einen Keks anbieten, ich habe überhaupt nichts dabei, ich hoffe inzwischen intensiv auf die Taverna Michelis, und daß es da wirklich was zu essen gibt. Dann bin ich gerne bereit, auf die Jäger zu verzichten. Den Weg über die Hochfläche gehe ich dann gerne zu Fuß zurück.

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Allerdings sind die allerletzten zwei Kilometer vor Kaminakia hart, von der Paßhöhe (260m) zwischen dem Vardhia (482m) und dem Koutela (431m) runter zum Meer (das ist die unbefestigte Strecke, die auch die Taxis nicht fahren) in der Mittagssonne, und hinterher wieder rauf.

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Nicht mehr weit: Die Bucht von Kaminakia

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Irgendwann kommt man unten an. Der Taverne fehlt jedoch der Charme, mein Salat ist riesig und schmeckt dürftig, der blaue Jeep steht am Strand, die beiden Insassen liegen im Sand, außer mir vier Griechen beim Essen. Junges Paar mit Schwiegereltern offensichtlich. Sie sind mit dem Boot hergekommen. Ein sehr kleines Boot, da lohnt sich das Fragen nicht …

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Und der blaue Jeep? Der überholt mich, als ich gerade wieder die Paßhöhe erreiche. Jetzt braucht er auch nicht mehr anhalten! Der Rest der Strecke ist nämlich gemütlich, die Abendsonne im Rücken. Für die zwei Kilometer bergauf habe ich 45 Minuten gebraucht. Dabei hatte ich nur einen Viertelliter Wein getrunken …!
Ein Aufstieg mit mehreren kurzen Pausen zwischen dösenden Schafen im schmuddelgelben Wollmantel. Auf dem Hinweg waren sie noch hektisch aufgesprungen, als ich vorbeikam. Jetzt nicht mehr. Jetzt springen nur noch Krähen auf …
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Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei
… oh wie sie die braune Stille stören.
Georg Trakl, Die Raben
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Ein armer Hund, der hier oben an der Paßhöhe im Diogenesfaß liegt und Schafe zählt …

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Nirgendwo mehr ein grüner Strauch, ein grüner Halm. Aus dem harten Boden sprießen blattlos herbstlich weiße Wunderkerzen. Eine Landschaft, in der Trakl ständig Gedichte schreiben würde: “Gewaltig endet so das Jahr …”
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Die Sonne ist schon hinter den Hügeln verschwunden, als ich in Livadhia eintreffe. Aus braun wurde blaugrau. Der Strand ist leer … he, wollte ich heute nicht ins Wasser? Zu spät, ich habe gleich noch eine Verabredung. Der Busfahrer kennt mich schon, ich lasse mich bis zum Hafen von Pera Ghialos mitnehmen. Als ich ihn nach dem Fahrplan zum Flughafen für den nächsten Tag frage, verpflichtet er mich, im nächsten Jahr nach Astypalaia wiederzukommen. Ich hab es ihm natürlich versprochen.

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PS. Die Panagia ist nicht zurückgeflogen.
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KYLINDRA

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Wo wir anfangs schon beim Stichwort “Mumifizierung” waren:  Astypalaia hat der Nachwelt aus der alten Zeit keine Nike oder Aphrodite aus Marmor hinterlassen, nicht einmal Odysseus war hier zum Wasserfassen oder Herakles zum Stallausspülen. (Im Winter kann es hier ja so gewaltig regnen, daß die – tatsächlich kanalartig befestigte – Hauptstraße von Livadhia ein Abwasserstrom wird, der geparkte Autos ins Meer befördert …)
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Aber immerhin gibt es direkt am Südrand des Ortes Chora den größten Kinderfriedhof der Antike: Kylindra! 2400 Kindergräber sind hier vom Griechischen Archäologischen Institut in Rhodos seit 1999 freigelegt worden. Die Kinder – Frühgeborene, Neugeborene, Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren – wurden zwischen den Jahren 600 und 400 v.Chr. hier bestattet, in Töpfen und seitlich aufgesägten, recycelten (!) Ton-Amphoren, die offensichtlich aus dem gesamten östlichen Mittelmeer-Raum stammten!

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Etwa 750 davon sind vom UCL (University College London) analysiert worden, diese konnten das Alter der Kinder am Zustand der Skelette und Zähne bestimmen. (Offensichtlich sind auch nur die Amphoren zur Insel transportiert worden, nicht die toten Kinder selbst, wie manche vermuten. Aber hier gibt es noch keine sicheren Nachweise.) Das nicht mehr gebrauchte tönerne Leergut wurde jedenfalls auf der Insel zum Sarg umfunktioniert. Ja, die Griechen hatten immer schon eine Neigung zum Pragmatismus …

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Aber wir können sowas ja auch noch. Heute, in profaneren Zeiten in Nordeuropa, werden allerdings eher Schiffsmodelle in Rumflaschen plaziert …
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Kylindra, Bergung einer Amphore mit einem Kinderskelett (Quelle: Website des UCL)

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WEITER ZU:  UCL – THE ASTYPALAIA CEMETERIES

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WEITER ZU:  UCL – WORK ON THE KYLINDRA SITE
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WEITER ZU:  ASTYPALAIA, CHE GUEVARA BAR
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WEITER ZU:  ASTYPALAIA, CHORA UND KASTRO
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WEITER ZU:  ASTYPALAIA, ENDE DER WELT?
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