Robert Liddell: Amorgos 1951

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Itinéraire de L’Orient, 1861, Seite 267

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Ich bin ja hoffnungslos nostalgisch. Bei allen Plätzen, die mir gefallen, suche ich in der Geschichte nach Dingen, die ich verpaßt habe …🙂 … also auch auf dieser Insel.
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Hachettes voluminöses
Orient-Handbuch von 1861 ist schnell fertig mit der Beschreibung von Amorgos: Es sei eine sehr arme Insel. Punkt.
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Amorgos hat sich den Reisenden als Reiseziel nicht aufgedrängt. Es gab nicht viel zu sehen, und die Archäologen fanden auch nichts wirklich Bemerkenswertes. Obwohl immer mal jemand vorbeikam, Ludwig Ross zum Beispiel. Dem Baedeker von 1908 ist die Insel 4 Zeilen wert: Amorgos, “die östlichste Insel des Königreichs”, sei einmal pro Woche Haltepunkt der Dampfer auf dem Weg nach Santorin.
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Robert Liddell (1908-1992), der englische Schriftsteller und Kavafis-Biograph, der nach dem Ende des II. Weltkrieges in Athen wohnte und bis zu seinem Tode das Land ständig bereiste, ist einer der wenigen Nichtgriechen, die in den 1950er Jahren dort Zeit verbracht haben. Er war 1951 auf der Insel. Sein Buch Landschaft Apolls – Fahrten durch die Ägäische Welt (“Aegean Greece”, 1954) ist übrigens in Antiquariaten nicht schwer zu finden.Aber vielleicht reicht Ihnen ja ein kurzer Reader’s-Digest-Zusammenschnitt aus einer Reise durch die vortouristische Zeit:
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Seite 168
– Ein Dichter, den die Schiffsbesitzer anstellten, das Lob der Moschanthi zu singen, des tapfern kleinen Dampfers, welcher während des ganzen Winters die südlichen Zykladen bedient, wenn elegantere Schiffe sich nur als Freunde guten Wetters erwiesen haben, schreibt: “Wie manches Mal hat sie vor Amorgos unter Lebensgefahr geankert!” Das mag keine große Übertreibung sein.
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Das erinnert mich an spätere Zeiten mit der Skopelitis
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Seite 169 – Die “kühn verschlungenen Felsen” (Eliot) dieser Insel, besonders die mächtigen Kalksteinklippen der Südostküste, gehören zu den großartigsten Klippenlandschaften der Ägäis. Bent sah in ihnen mit Recht die letzten Wälle Europas.
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James Theodore Bent (siehe Seite: Die Kykladen 1885) war um 1880 auf der Insel, zur Osterzeit. Seine Beschreibung von Amorgos ist immerhin 32 Seiten lang und ungewöhnlich informativ, aber über die “letzten Wälle Europas” habe ich darin nichts gefunden.
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Seite 171 – Sie (die Frauen von Amorgos) kennen alle die Sage, daß sie die schönsten Frauen Griechenlands seien.
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Sagen kann ich hier nicht kommentieren, solche schon gar nicht …
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Seite 171 – Die Römer brauchten Amorgos als Verbannungsort – das gleiche tut das moderne Griechenland. Politische Sünder sind hier nicht zu sehen, nur Schmuggler, Haschischsüchtige und dergleichen. Gewöhnlich lebt hier ungefähr ein halbes Dutzend Verbannter, und sie prägen zum Teil das Leben der Insel: die ihnen zugesprochenen Mittel sind klein, und sie werden von der Wohltätigkeit der armen, aber freundlichen Einwohner unterstützt. Langeweile ist ihre stärkste Strafe. (…) Die Besseren unter den Verbannten finden etwas Arbeit und verdienen ein paar tausend Drachmen und etwas Selbstachtung; die andern betteln.
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Das war 1951. Der griechische Bürgerkrieg war im Oktober 1949 beendet worden.
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Seite 172 – Amorgos litt besonders schwer unter den Piraten: im Gegensatz zu den meisten Inseln ist auf ihm keine Spur eines großen Hauses oder einer Kirche zu sehen – es lohnte sich nicht, dergleichen zu bauenb, damit die Piraten es plündern konnten.
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Seite 172 – Die wenigen Sommergäste wohnen gewöhnlich in Villen oder in der “Nereide”, dem kleinen Wirtshaus (in Katapola).
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Seite 173 – Es gibt kein elektrisches Licht auf der Insel, aber die Lampen von Katapola wirken direkt grell im Vergleich mit der nächtlichen Schwärze von Chora.
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Seite 174 – Die Wanderung zur Chora hinauf dauert ungefähr eine Stunde, obschon die flinken Amouryer meist viel weniger dafür brauchen; der Weg ist steil und geht an verschiedenen Stellen in Stufen über.
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Seite 175 – (Chora ist) im Rücken geschützt durch einen langen Felsgrat, den eine Zeile von Windmühlen krönt, die zum größten Teil nicht mehr in Betrieb sind. (…) Eine hübsche, mit Weinspalieren überspannte Hauptstraße windet sich durch das Dorf.
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Seite 176 – In Chora gibt es kein Wirtshaus und keine Abwechslung. Ein Fischer, der in sein Horn stößt, um einen Fang anzuzeigen, ein Mann, der mit zwei Kerosinkanistern voll Wasser vom Brunnen kommt, zwei herumschlendernde Verbannte, eine kleine Männergruppe, die mit den Gendarmen vor dem Café sitzt, ein oder zwei spielende Kinder auf dem Platz – mehr kann man nicht erwarten.
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Seite 181 – Heute leben nur vier Mönche in Kozoviotissa, und es scheint auch keine neuen Berufungen zu geben.
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Seite 183 – Die Berge von Amorgos sind kahl; Salbei, Thymian, Majoran, Zwergeichen und anderes Gestrüpp sind neben Flecken von Heidekraut alles, was man findet. Der große Berg an der Nordspitze, Krikelas, war bis zum Brand von 1835 waldbedeckt; vor jenem Datum muß Amorgos ungefähr ausgesehen haben wie Karpathos heute.
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Seite 184 – Die Cafés waren den ganzen Tag (Parlamentswahl 1951) geschlossen und einige Soldaten waren angekommen, um die Ordnung zu wahren, wenn es notwendig sein sollte; dies schien eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Bei der Insel Denousa (Donoussa) ertranken ein paar Tage später die drei oder vier Soldaten, die zu den Wahlen gekommen waren, zusammen mit dem Präsidenten der Inselgemeinde, welcher die Resultate nach Naxos bringen sollte – sie erlitten in einem Segelboot namens St. Basil Schiffbruch. Michael (in dessen Privathaus Liddell während seiner Zeit auf Amorgos übernachtet), der Soldaten und Gendarme nicht liebt, blieb bei diesem Unglücksfall völlig ungerührt: “Kreuziger!” sagte er. “Sie haben Christus gekreuzigt.”
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Übrigens: Liddell sprach fließend griechisch, aber er versucht es auf Reisen im Lande immer zu verbergen, weil er keine Lust auf den immer gleichen small talk hatte.
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Nachtrag:1969, der Grieben-Reiseführer “Die Griechischen Inseln” faßt sich immer noch kurz: Die Straße zwischen Katapola und Chora ist inzwischen gebaut, und es fährt sogar ein Bus. Ein Hotel sei in Katapola inzwischen im Bau, in Aegali gäbe es einen Zimmervermieter (Mike) und eine Jugendherberge mit 25 Betten (ohne Ortsangabe).
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12 comments

  1. Hallo Theo,
    interessant für mich zu lesen, wie es auf Amorgós zu meinem Geburtsjahr aussah! (dabei meine ich nicht 1969 und auch nicht 1885!)

    By the way: noch Anfang der 90er Jahre war die Piste von Ägiali nach Chora nur vom einzigen Landrover (der von Nikos aus Langada) befahrbar, diese Straße wurde erst 1996 asphaltiert.

    Gruß
    Richi

  2. Hallo Richi und Theo:

    Da war noch eine Fahrgelegenheit mit Jorgo (in “Fachkreisen”–> Hell-Driver).
    Jorgo , der mit seiner Frau damals (vielleicht auch noch heute?) den kleinsten Laden in Aigiali hatte. Jorgo hatte einen alten VW-Bus und bot Touris Fahrten nach Chora an. Preisorientierung war Nikos aus Langada.
    Die Sitze im hinteren Teil bestanden aus Backsteinen, die mit Holz-Planken belegt waren. Etwa 8 Menschen kamen dort zu sitzen und in der Mitte hielten wir seine Gemüsekörbe und eingepackte Dinge mit den Füßen fest.
    Also: Ungepflastert und Schlaglöcher und Jorgo, der besonders die Schlaglöcher mit flott runtergedrücktem Gaspedal anging. Schlaglöcher in der Straße bedeuteten auch für die größeren Mitreisenden fast Schlaglöcher im Kopf. Ganz zu schweigen, wie sich das so anfühlt, wenn die Sitzbretter von den Steinen rutschten.
    Wie das so ist: wir Touristen waren eher von Offenheit für Ungewöhnliches beseelt. Und insofern hielt sich die Stimmmung – ab und zu etwas kippend – auf “fröhlich” in Richtung “besorgt”.

    Zu Beginn der Rückfahrt schien Jorgo in noch besserer Laune als vorher zu sein. Und sein Gaspedal wurde entsprechend weiter runtergedrückt. Und außerdem hatte er eine gefrorene Ziege plus noch einen Freund mit eingeladen.
    Nach wiederholten Bitten von uns auf den “hinteren Rängen” nicht so schnell zu fahren, gaben meine Freundin und ich auf und baten ihn ( auch mehrfach) zu halten um auszusteigen. Wir hatten es voll dicke. Meine Freundin war so abgenervt, daß sie in Ermangelung des ausreichenden Griechischen auf ihr besseres Italienisch auswich und ihm ein größere Ladung wilder Flüche anbot. Laut Gesichtsausdruck fand Jorgo uns mindestens zimperlich.

    Uns war beiden dunkel bewußt, daß wir ziemlich unausgerüstet waren für das, was uns bevorstand. Nicht die richtigen Schuhe und keinen Tropfen Wasser.
    Allerdings hatten wir nicht einmal den ganzen Weg auch nur ein Fünkchen Reue ausgestiegen zu sein.

    Nach ichweißnichtmehr wieviel Stunden Fußmarsch sind wir gut dehydriert und mit klasse Fußblasen in Aigiali eingetroffen. Obwohl ich nicht besonders auf Bier stehe. D a s Bier hat gezischt.

  3. Hallo Theo,
    ich schon: auf Iraklia im Mai 2009, vom Hafen rauf zu Anna’s Pension.
    Schon erstaunlich, das ist wahr.
    Gratulation zu Deiner unerschöpflichen Website!

    Viele Grüße
    Susanne

  4. Ich hatte jetzt auf Donoussa das Vergnügen mit der Ladefläche… Und vor Jahren zu Anna auf Iraklia auch, dachte, da wäre der Transport inzwischen komfortabler weil Anna einen Mini-Bus hat.

  5. Die machen das für ihre inseleigene Vorsicht-Kamera-Installation. Und an den langen, dunklen Winterabenden erfreut sich das Dorfkafeneion an den Vorführungen …🙂 Theo

  6. Hallo Frank, war mir nicht bekannt. Ich hatte vor ein paar Tagen meine ‘Galerius-Bogen’ Seite aktualisiert, u.a. mit der Bemerkung, daß es in letzter Zeit schwierig geworden ist, an historische Ansichtskarten von Griechenland zu kommen, weil sich da ein griechischer Sammlermarkt entwickelt hat. Ja, hier haben wir wohl so eine Sammlung …🙂 … schade, daß auch die vergrößerten Abbildungen nur so klein sind.
    Theo

  7. Hallo Theo,
    der Betreiber der Webseiten druckt und vertreibt diese Fotos als Postkarten.
    Klar das die Abbildungen so klein sind, es könnte sonst jeder seine eigenen Postkarten drucken.

    Frank

  8. Hallo Frank, hatte das gar nicht gemerkt! Ich sehe schon wieder ein halbes Dutzend Leute mit dem Anmeldungsformular zum VHS-Kurs “Griechisch für Postkartensammler” winken …🙂 … aber ich hatte da gestern so um 00:30 auch nur flüchtig reingeschaut, mit dem Gedanken: Diese “Sammlung” siehst du dir am Wochenende mal in Ruhe an. Das werde ich dann auch mal tun! Theo

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