Siebertz 2: Die Frauenwelt

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Christliche Albanerin in festtäglicher Kleidung
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Am Foto sieht man’s gleich, in diesem Kapitel geht es um das weibliche Geschlecht.
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Nein, noch was kurz vorweg: Um 1900 gehörte etwa die Hälfte der etwa 700.000 Albaner (die im Raum des heutigen Staatsgebiets wohnten) dem christlichen Glauben an. Der albanische Christ war überwiegend katholisch. Die andere Hälfte der Albaner war muslimisch. Zum albanischen Teil des osmanischen Reiches zählte bis 1912 auch das heute griechische Epirus – bis hinunter zum Ambrakischen Golf. Preveza galt damals als bedeutender “südalbanischer Hafen”.
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Und wenn Ihnen die Bekleidung der christlichen Dame (oben) und der muslimischen Dame (unten) recht ähnlich erscheint … laut Siebertz, Steinmetz und Vladan Georgevitch war das Glaubensbekenntnis kein demonstrativer, trennender Akt. Auch keiner, der sich im femininen Outfit äußerte. Wenn man vom dekorativen Schleier mal absah.
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Ganz im Gegenteil. Die katholischen Priester in den Bergen mußten gewöhnlich das beste aus beiden Religionen anwenden, um in ihren Gemeinden überhaupt was zu erreichen. Und die Muslime in der Nachbarschaft glaubten oft an die Wunderkraft der christlichen Heiligenbildchen! Der Stamm der (katholischen) Miriditen heiratete übrigens fast grundsätzlich muslimische Frauen, und die katholischen Priester segneten das ab …
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Und der Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse hatte die Albaner seit Jahrhunderten aus ihrer Bergheimat auswandern lassen: Auf dem Gebiet des griechischen Königreiches (nicht vergessen: Thessalien gehört erst seit 1881 dazu, Makedonien und Epirus erst seit 1913) lebten um 1830 nur 1 Million Griechen und 200.000 Albaner (meist orthodoxe, an griechische Verhältnisse assimilierte Arvaniten im Raum Attika und im östlichen Peloponnes).
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Und noch etwas muß man berücksichtigen: Die Betrachtungen des durchreisenden Journalisten Paul Siebertz über die albanischen Frauen haben natürlich oft einen spekulativen Aspekt. Er räumt auch ein, daß er weder den kulturellen noch den unmittelbaren sprachlichen Abstand überwinden konnte, um das Verhältnis von Frauen und Männern aus erster Hand zu erfahren. Was Siebertz nicht bei sprach- und ortskundigen Ethnologen gelesen hatte, das mußte sein Dolmetscher bei seinen (männlichen) Gastgebern erfragen. Die Gastfreundschaft war heilig, aber als Gast sollte man sich besser nicht nach dem Befinden von Gattin oder Tochter erkundigen …🙂 …
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Mohammedanerin “auf der Straße”, so lautet die Bildunterschrift (Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine Studioaufnahme. Die dargestellte Frau ‘tut nur so als ob’, d.h. sie verbirgt Gesicht und Hände, wie sie es in der Öffentlichkeit tun sollte.)
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Siebertz: “Im öffentlichen wie im privaten Leben der Albanesen spielt die Frau eine ganz untergeordnete Rolle. Zwar ist die Frau in Albanien so wie in der Türkei überhaupt unverletztlich, aber dies darf nicht als Zeichen der Hochachtung angesehen werden, sondern ist eher als Geringschätzung zu deuten. Eine Frau wird niemals wegen eines Vergehens belangt oder gar bestraft; sie darf auch überall herumgehen ohne selbst dann etwas befürchten zu müssen, wenn in ihrer Familie die Blutrache herrscht, aber nur deshalb, weil es als Schande gilt, mit einer Frau zu streiten.”
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Junge Frau aus den albanischen Bergen
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Siebertz: “Bezeichnend ist, daß die albanische Sprache nicht einmal einen eigenen Ausdruck für ‘Liebe’ oder ‘lieben’ hat. Die Frau lernt ihren Mann gewöhnlich erst bei der Hochzeit kennen.” Es gibt praktisch keine Neigungsheirat, Eheabsprachen treffen die Eltern. Die Braut erhält keine Mitgift, aber der Bräutigam muß der Familie der Braut einen Brautpreis entrichten, d.h. die Braut wird eigentlich gekauft. Polygamie ist nicht ungewöhnlich, dient aber in der Regel nur zur Witwenversorgung innerhalb einer Familie. Und zu versorgende Witwen gab es in der von Blutrachefehden geprägten Gesellschaft mehr als genug …
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Die Aufgaben der Frau bezogen sich neben der Feldarbeit auf die üblichen 3 Ks (Küche, Kinder, Kirche). Nein, eigentlich waren es in Albanien 4 Ks (Küche, Kinder, Kirche, Kampf). Siebertz: “Im Kampf begleitet das Weib den Mann, ist ihm aber auch hier mehr Waffen- und Gepäckträger als gleichberechtigter Gefährte.” Aber so wie der Mann der Frau die Arbeit im Haushalt komplett überläßt, so überläßt er ihr auch oft genug die ganze Arbeit auf dem Feld. Es gab (männliche) Albaner, die aus Todesangst jahrelang ihr Haus nicht verlassen haben, weil sie bei ihrem Nachbarn auf der Mordliste standen. Frauen unterlagen jedoch nicht der “Blutracheordnung” und konnten mit der Hacke raus auf den Acker, wie praktisch …
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Übrigens: Es gab Städte in der albanischen Küstenebene, deren Betreten für männliche Bergbewohner streng verboten war. Nur ihre Frauen durften auf den Bazar!
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Eheliche Treue … da solle man nicht allzu viel erwarten, sagt Siebertz. (Hier spare ich mir jetzt eine sarkastische Bemerkung …) Untreue sei sogar ein häufiger Anstoß für Rachefehden. Siebertz zitiert Karl Steinmetz (der um 1905 mehrere Reisebücher über Albanien geschrieben hat): “Sie (die Bergbewohner) haben sehr strenge Anschauungen über das weibliche Geschlecht und ein Mädchen darf es kaum wagen, mit einem Manne ein Wort zu wechseln. Anders hingegen mit den Frauen; unter ihnen kommen Ehebrecherinnen nicht selten vor.”
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Übrigens: Nach dem ‘Gesetz der Berge’ muß (laut Siebertz) ein betrogener Ehemann sowohl seine Ehefrau als auch ihren Liebhaber töten. Nur in diesem Fall bleibt der Ehemann straflos. Nur einen der beiden zu töten, das gelte als kalkulierter ‘Mord’ und würde zur Blutrache-Reaktion führen – seitens der Schwiegereltern oder der Familie des Liebhabers. Schöne alte Welt …
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Und “die Vergewaltigung eines Weibes involviert eine Blutrache und im Falle der Versöhnung 3000 Piaster Buße an die Familie der Beleidigten.”
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Hallo Mädels! (Ganz offensichtlich mal kein Studiofoto!)
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In der Regel stünde in Reiseberichten jedoch sehr viel Positives über die Moral der Frauen, schreibt Siebertz. Was soll er selbst über die albanischen Frauen sagen, überlegt er … nach seinen eigenen Erfahrungen: “Der Fremde bekommt sie selber gar nicht zu Gesicht.” Jedenfalls nicht aus der Nähe. Er bleibt also lieber diskret: “Über das Äußere der Albanesinnen gehen bei den Gelehrten die Meinungen sehr stark auseinander.” Allerdings stimmt er Franz Baron Nopcza zu (‘Das katholische Nordalbanien’, 1908) “Die Kleidung der Frauen ist entschieden als plump und geschmacklos zu bezeichnen.” Aber jeder Albanese mußte heiraten, daher gab es nur sehr wenige ledig bleibende Mädchen.
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Albanien und die Albanesen
Landschafts- u. Charakterbilder
Paul Siebertz
Manz Verlag/Wien 1910
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Das Reisen im Raum Griechenland im 19. Jahrhundert ist eins meiner Themen bei theopedia. Für mich ist das historische Albanien dabei nur ein Randgebiet. Wenn Sie mehr über das Land Albanien wissen wollen, über seine Sprache, seine Literatur und seine Geschichte, könnte Sie vielleicht die Arbeit von Dr. Robert Elsie interessieren:
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2 comments

  1. Noch ein Beitrag von Amand Freiherr von Schweiger-Lerchenfeld (“Der Orient”, 1882 Hartleben/Wien):

    “Dennoch ist das albanesische Weib so wenig geachtet, daß es fast zum Werthe einer Sache herabsinkt. Es wird nicht gefreit, sondern gekauft; in einzelnen Fällen wohl auch entführt, doch bleibt es begreiflicherweise eine mißliche Sache, mit einem Weibe zu leben, derenthalben man die Blutrache über die Familie heraufbeschworen hat. Bei Ehen ist es nothwendig, daß das Mädchen einem fremden Stamme angehöre. Sie verliert dadurch jedes Erbrecht und wird als recht- und besitzloses Glied in die neue Familien- und Stammesgemeinschaft aufgenommen. Von da ab ist ihr Leben durch eine ununterbrochene Kette von Demüthigungen ausgefüllt; sie muß den kleinsten Knaben der Verwandtschaft oder Nachbarschaft mit “Herr” ansprechen, jedem Manne, ob alt oder jung, die Hand küssen, und selbst den weiblichen Familienmitgliedern mit größter Ehrerbietung begegnen. Von Liebe weiß die Albanesin nichts, oder doch wenig; dem Albanesen selbst aber erscheint es als die größte Lächerlichkeit, für ein weibliches Wesen Empfindungen zu hegen, die man anderwärts Liebe nennt.”

    Immerhin auf 35 Seiten läßt sich Schweiger-Lerchenfeld in dem Buch über Albanien aus, meist negativ. Von Schweiger-Lerchenfeld habe ich noch ein 800 Seiten starkes illustriertes Buch “Die Frauen des Orients” (1904), da klammert er den Balkan aber aus.

  2. Ach so, nur noch ein Satz dazu: “Was hätte der Mensch davon, wenn ihm die Welt zu Füßen läge – und er niemanden mehr hätte, der ihm auf Augenhöhe begegnen könnte!”
    Aus dem Dokumentarfilm “Herz im Emmental”, Schweiz 2011

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