Italien wie es wirklich ist …?

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Abbildung aus: „Schreiben eines deutschen Flohs, welcher mit Herrn Gustav Nicolai die Schnellfahrt durch die hesperischen Gefilde gemacht hat, an seine Freundin, eine Wanze in Italien“, von K. E. L. R. S. Adamssohn, 1836.
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NicolaiTitel2016_A350Das „übellaunigste Reisebuch aller Zeiten“ schrieb Dirk Schümer in der ‚Welt‘, kurz bevor „Italien, wie es wirklich ist – Bericht über eine merkwürdige Reise im Jahre 1833 in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen“ von Gustav Nicolai neu aufgelegt wurde.
Naja, so schlimm übellaunig ist es nun überhaupt nicht.
Ich habe das Buch gelesen und oft genug dabei laut gelacht! Nicht nur aus Schadenfreude … 🙂 … .
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Widerstand gegen eine aus der ‘Gewohnheit’ entstandene Mehrheitsmeinung hat immer auch meine Sympathie – auch was Touristenziele angeht.
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Also: Mal wieder ein amüsierter Blick in die Frühzeit des touristischen Reisens, wo Vorurteile gerne bestätigt und Erwartungen oft enttäuscht wurden. Ein Buch, von dem auch heute, fast 200 Jahre später, noch einiges gelernt werden kann – wo das Reisen doch so ultrabequem geworden ist.
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Wer zu früherer Zeit als christlicher ‚Pilger‘ nach Rom zog, dem konnten die Umstände der Reise ja nicht übel genug sein. Warum? Bei jedem Schritt büßte der büßende Pilger etwas vom Druck seiner ‚Sünden‘ ab … aber Nicolai ist kein religiöser Mensch, und Kirchen und Klöster schaut er sich nur an, weil es unter den Touristen der Biedermeier-Zeit so üblich ist.
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Jahrelang hatte ich vergeblich nach der Originalausgabe von 1834 bzw. 1835 gesucht, 2013 fand ich dann bei google-books ein gescanntes Exemplar – das von so mieser Scan-Qualität war, daß ich es bald aufgegeben hatte, den Text zu entziffern (Musterbeispiel siehe unten). Und erst jetzt, 2019, erfuhr ich zufällig von der Neuauflage von 2016!
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So kann es aussehen, wenn Google sich an sehr alten Büchern – wie dem von Gustav Nicolai – vergreift. Damit wir alle nicht das Lesen verlernen … 🙂 …?

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Ja, liebe Italien- und Griechenlandreisende von 2019, Hellas kam erst Ende des 19. Jahrhunderts für touristische Reisen infrage, Italien aber schon etwa hundert Jahre vorher. Gut, zuerst kamen nur die reichen Adligen aus England auf ihrer „grand tour“, und sie sorgten im bitterarmen Süden für Wirbel, deren Folgen auch Nicolai noch abkriegte.
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Nachdem Goethe 1786-1788 dort unterwegs war und aus seinen Tagebüchern 1816 seine „Italienische Reise“ konzipiert hatte, träumte jeder bildungsbewußte Bürger davon, seinen Spuren zu folgen. Die wenigsten konnten es sich so eine teure Reise überhaupt leisten … und manche gingen weitgehend auch zu Fuß, wie Johann Gottfried Seume 1801/1802 – Sizilien retour, 7000 Kilometer, fast zwei Jahre unterwegs.
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Vor Wanderreisen wurde allerdings gewarnt – nicht wegen der Banditengefahr, sondern weil es nirgendwo an den Straßen Wegweiser gab – schon aus militärischen Gründen.
Und jemanden auf der Straße nach dem Weg fragen … ganz schlecht! So viele Leute kamen ja in ihrem Leben kaum einmal aus ihrem Dorf heraus.
„Alle Wege führen nach Rom“? Das ist nur ein Gerücht …
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Kartenausschnitt aus: Ernst Förster „Italien 1848“ (siehe auch Anhang im Teil 3)
1 Deutsche Meile = etwa 7,5 Kilometer

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Achten Sie mal auf die Entfernungsangaben der Dampfboote (Anhang): Acht bis zehn Tage mit dem Paketboot von Malta bis Triest! 70-80 Stunden von Ancona nach Korfu! Heute kommt man in etwa 18 Stunden von Ancona bis Patras!
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Gustav_Nicolai_1835_wiki_450Gustav Nicolai
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Und was die Orientierung angeht – es war schon vernünftig, daß Nicolai seinen privaten Wagen als „Extrapost“ mit gemieteten Pferden und orts-
kundigen Postillionen befördern ließ. Nur hat mancher damalige Italienkenner gesagt, daß eine Reisedauer von 106 Tagen für diese lange Tour viel zu kurz war.
Da wurde ja über (grenzüberschreitende) Eisenbahnverbindungen erst nachgedacht – die bis 1875 so ausgebaut waren, daß 50-Tage-Tickets für eine umfangreiche Rundreise verkauft wurden!
1833 war das nördliche Italien noch eine Ansammlung von rivalisierenden Kleinstaaten.
Fünfzehn Jahre nach Nicolais Tour (also 1848) gab es erste Verbindungen von Mailand nach Venedig (Mestre), von Livorno nach Florenz, von Pisa nach Lucca.
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StaatenItalienVor1860_350Gustav Nicolai war 106 Tage lang auf der Strecke Berlin-Dresden-Prag-Wien-Triest-Venedig-Padua-Bologna-Florenz-Siena-Rom-Neapel-Rom-Pisa-Genua-Mailand-Arona/Lago Maggiore-Schweizer Alpen unterwegs.
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Es gab erst spät erste ‚Reiseführer‘ – im heutigen Sinne – für das Land, die selten auf alle üblen Erfahrungen hingewiesen haben, die einen erwarteten. Man wollte die Leser ja auch nicht abschrecken …
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StarkesGuideTitel_A350 Und zunächst mußte man auf englische oder französische Informationen zurückgreifen. Mir liegt Mariana Starke’s „Travels in Europe“ vor
(9. Auflage von 1837), ein 634 Seiten starker Reiseführer-Klassiker der Zeit, der alle Reisewege nach (und in) Italien auswies, egal ob von London, Berlin oder St. Petersburg. Ein Werk, das Herrn Nicolai eine große Hilfe hätte sein können. Er betont, daß er sich gründlich auf die Reise vorbereitet hätte, nennt aber keine Quellen über schriftliche Informationen.
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Ernst-Foerster-1856_300 Dr. Ernst Förster
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Die deutschen Fach-Verlage (Baedeker, Meyer’s) kamen erst ab 1861 auf den Markt – also erst nach der nationalen italienischen Einigung. Nur Ernst Försters „Italien“ war schon früh verfügbar – übrigens auch nach heutigen Maßstäben ein umfangreicher, informativer, detailreicher und gut konzipierter Reiseführer (siehe im Anhang 12 kurze Textbeispiele)!
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Nicolais Buch sorgte für einen beträchtlichen Medien-Aufruhr. Negativ über Goethes hochgelobtes Reiseziel zu schreiben, war damals geradezu Ketzerei.
Nicolai hat in der zweiten Auflage des Buches (1835) alle positiven (wenige) und alle negativen (viele) Kommentare in voller Länge veröffentlicht, und einen Kritiker sogar wegen Beleidigung verklagt. Ohne Erfolg. Es gab sogar witzige Parodien auf das Buch:
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Floh2_A333Ja, was hat Gustav Nicolai bei seiner 15wöchigen Italienreise durchleiden müssen?
Schöne Tage waren die Ausnahme. Eine Auswahl seiner ‘Reiseleiden’ finden Sie in Teil 2. Manchmal wird es auch unfreiwillig komisch.
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Jemand kritisierte Nicolai später mit den Worten:
Erste Eindrücke sind immer stark,
aber nicht immer richtig!

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> WEITER MIT:  ITALIEN WIE ES WIRKLICH IST …?  TEIL 2

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