Themelina und Karagiozis

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Adonis Antonoglu, Inhaber, nein … Gastgeber der Villa Melina (und früher der Taverne Kalymnos in Aachen)
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Ich hatte vor ein paar Jahren in der Villa Themelina auf Kalymnos gewohnt, hatte das Haus im Internet weiterhin lose beobachtet und hatte zuletzt den Eindruck, daß sich da was verändert hatte (ein neuer Name taucht im Kontaktfeld auf usw.). Jetzt mußte ich ohnehin wieder in die Inselhauptstadt Pothia … da konnte man ja mal nachschauen.
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Ein Freitagnachmittag im späten September 2010. Ich kam aus Leros, und wollte früh am Samstag weiter nach Astypalaia. Weit hinten in der Stadt in der Villa Melina wollte ich jedoch nicht wohnen für eine kurze Nacht, warum nicht direkt am Hafen? Da ist es zwar laut, aber da gibt es auch was zu sehen:
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Blick aus dem Hotel Olympic
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Die Hafenstraße selbst war sogar relativ ruhig, nur hinter dem Hotel dröhnte es bis nach Mitternacht aus der offenen Front einer Bar in Körperverletzungsstärke. Aber das war ja zum Glück nicht auf meiner Seite …
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Also in der Nachmittagsruhe mal hinauf in die nördlichen Wohnviertel der Stadt! Ist auch nur ein Spaziergang vom Hafen, immer den Wegweisern zum Museum nach. Und siehe da, da hinten steht sie, die Villa Themelina bzw. Melina. Ein Jahrzehnt hat nichts verändert:
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Hinein in den stillen Vorgarten. Ein etwa 16jähriger stürmt die Vortreppe hinunter, grüßt grinsend-lässig “Hi!”, wusch, weg ist er. War das Adonis nun fast erwachsener Sohn, der vor 10 Jahren noch mit seinen infantilen Trotzanfällen nervte?
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Wieder Stille. Über mir der hochzeitstortenartige Turm der Villa, neben mir unter den schattigen Zweigen tatsächlich immer noch die gleichen abgewetzten Rattanmöbel, auf denen wir manchen Abend gesessen haben. Es war damals April, die Zeit nach Ostern, wir waren die einzigen Gäste, uns gehörte die Villa ganz alleine …
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Ich steige die “Schloßtreppe” hinauf, die Tür ist sperrangelweit offen. Ich klingele an der Rezeption, klopfe, rufe. Nichts rührt sich. Auf der Terrasse rechts neben der Rezeption ist niemand. Ich warte. Ich weiß nicht wie lange. Irgendwann muß doch mal jemand kommen. Warum habe ich mich nicht angemeldet? Ich setze mich unten in die Sitzgruppe, fühle mich nostalgisch und ein bißchen blöd und fange an, für Adonis, oder wen-auch-immer, eine Botschaft auf eine Visitenkarte zu schreiben. Als ich fertig bin, geht das Telefon. Schritte von irgendwoher. Schon bin ich auch oben. Und wer sitzt hinter der Rezeption und telefoniert? Der Διευθυντής  Adonis.
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Er erkennt mich natürlich nicht mehr nach all den Jahren. Das hab ich auch nicht erwartet. Er hat mich damals ja nur so kurz gesehen. Ich soll nach hinten mitkommen! “Wir sitzen am Pool!” Der Pool war damals im April natürlich leer, da haben wir nie gesessen. Zu dumm … ich wäre nie drauf gekommen, ausgerechnet da nach jemandem zu suchen.
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Wir unterhalten uns über den TAZ-Artikel über die legendäre Taverne Kalymnos. Adonis betont, daß manche seiner Stammgäste sauer waren, weil drin stand, daß sein Essen nicht immer schmeckte und daß es eher ein soziales und politisches Ereignis war, bei ihm zu sitzen, als ein kulinarisches. Er winkt ab. Ihm selbst sei das doch egal gewesen, was drin stand. “Ich weiß, ich kann kochen.” Aber es amüsiert ihn, daß immer noch so viele Leute den Artikel im FAZ-Archiv aufrufen.
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Mit der Zeit tauchen immer mehr seiner Gäste am Pool auf … rheinisches Umfeld der Stimmlage nach, ein Schweizer. Adonis, immer noch der totale Gastgeber-per-se, hat für alle organisiert, zum Karagiozis-Schattenspiel zu gehen, gleich um sieben. Ein guter Wirt kann sich ja nicht immer gleichzeitig um alle kümmern, persönlich, aber er sorgt dafür, daß alle in Bewegung sind, sich kennenlernen, und sich eben gegenseitig unterhalten.
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Und so summt die vorhin geisterstille Villa Melina plötzlich wie ein Bienenschwarm! Einer touristische “Kulturgesellschaft” ist entstanden:
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Um sieben Uhr sitzen wir mit 250 Kindern aus Kalymnos im rammelvollen, altmodischen Kino von Pothia und warten auf die Vorstellung im Karagiozis-Schatten-Theater! Und damit wir “Großen” uns auch alle schön einfühlen in die nostalgische Vorstellung, schleppt Adonis vom Periptero noch eine große Plastik-Wundertüte mit Eispackungen für seine 13 “Ferien-Kinder” an, die wir uns jetzt brav teilen!

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Ich darf zugeben, daß ich kaum was verstanden habe von der Vorstellung.  In der Mitte agieren Karagiozis und seine drei Söhne (links seine Hütte, rechts der Sultanspalast). Traditionell sind die Söhne immer schlauer und witziger als ihr Vater und kriegen darum für jede vorlaute Bemerkung regelmäßig eine gescheuert … pädagogisch nicht besonders wertvoll, aber dem minderjährigen Publikum macht’s Spaß. Im zweiten Teil (ohne Generationenkonflikt, da läuft die eigentliche Handlung) gibt es weniger Klamauk, mal von dem Esel ohne Kopf abgesehen. Die Kinder im Publikum sind ruhiger, aber trotzdem erstaunlich diszipliniert (ist ja nicht unbedingt für die Kinder gemacht, das Schattenspiel, sondern für Erwachsene mit Kindergemüt!). Am Ende werden noch stapelweise Schattenspielfiguren verkauft (5 Euro/Stück).
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Und siehe da, auch das erwachsene Kinder-Publikum aus dem Frankenland hat komplett und brav bis zum Ende durchgehalten:
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Ich hatte in der Pause mit meinem Schweizer Nachbarn über den wunderschönen ersten Schweizer Heidi-Film von 1952 (von Luigi Comencini), und die Kindheit in den Fünfzigern ohne Fernseher geredet … und im Dunkeln hatte der kleine Grieche links neben mir am Boden noch meinen verlorenen Objektivdeckel wiedergefunden (ganz ohne Auftrag …).
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Ja, so ist der Abend vergangen, ohne daß ich was Neues über das Themelina-Business erfahren hätte! Na egal! Es hat einfach Laune gemacht! Und die Gäste des Hauses erschienen mir vielversprechend nett … aber ich mußte leider so früh raus um halb sechs, daß ich um Himmels Willen nicht mit netten Leuten in der Kneipenszene versacken wollte. (Ich will seit 17 Jahren nach Astypalaia, es ist immer was dazwischen gekommen, und es sollte diesmal bloß nichts schiefgehen!)
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Noch schnell von Adonis verabschiedet, der mir trotz einer ganz leicht pikierten Nebenfrage “Wo wohnst du eigentlich?” eine sehr gute Reise wünscht, still an der Hafenfront was gegessen, ohne parea, einen Abschieds-Ouzo auf die Schwamm-Insel geleert, und noch einen Blick auf die schlafende Nissos Kalymnos am Anleger geworfen. Die Fähre liegt ja nur 200 Meter vom Hotel entfernt …
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WEITER ZUM TAZ-ARCHIV:  TAVERNE KALYMNOS
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WEITER ZU  WIKIPEDIA: KARAGIOZIS
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9 comments

  1. Hallo Katharina, hab mir das Foto im Original noch mal angesehen – aber das Boot hat keinen Namen auf der Seite. Aber du hast wahrscheinlich recht.
    Und überhaupt, auf dieser Reise ließ sich ja mal wieder feststellen, es ist wirklich ein mikros kosmos, was die Schwaben und Hellas angeht …🙂 …
    Theo
    Ach so, mein Exemplar von “Beim Griechen” liegt immer noch da, seit 10 Tagen, mit Margas Karte aus Kassos als Lesezeichen, auf Seite 80 …

  2. Danke, dass ich über diese Seite Adonis wiedergefunden habe… Nun kann ich meinen Urlaub bei ihm endlich einplanen😀

  3. Wären wir länger bei Adonis geblieben in der rosaroten Villa wäre mein Griechisch besser geworden, denn er fragte jeweils am Morgen: “Μαργαρίτα, που είναι το βιβλίο σου;”
    Wie heisst das aromatische Kraut, das es auf Kalymnos überall zu kaufen gibt und ich sonst nirgends gefunden habe (ähnlich wie Origano, aber eben doch nicht)?
    Τα λέμε, στην Κάλυμνο …

  4. Hab von Kalymnos in diesem Jahr nur den Hafen gesehen, am 23. September, morgens so um 7 Uhr, von der Blue Star Diagoras aus, Margarita, und ich hoffe, es kann irgendjemand deine Kräuterfrage lösen. Ich weiß es leider auch nicht …

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