Gewandert? Kaum. Aber gut gegessen …

Ntounias
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Taverne Ntounias, Drakóna: In der Freiluftküche gart das Zicklein.
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„Griechenlandkrise? Welche Griechenlandkrise?“ Das war der Gedanke, der mir schon am ersten Abend durch den Kopf ging. Und nach sieben Winter-Nächten in Chania und drei Nächten in Iraklion habe ich das immer noch gedacht. Hier fühlt man sich wie in den „besten Zeiten“ vor zehn Jahren, als das Land noch heiter über seine Verhältnisse lebte. Erst bei längeren Gesprächen mit Einheimischen und Auswanderern aus Germania hört man einiges über aktuelle finanzielle Einschränkungen und sonstige ungeliebte Umstände.
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Wenn ich da an Piräus oder manche zentrumsnahe Bezirke von Athen denke. Daß sich zwischen Gazi und Omonia manche Touristen abends nicht aus den Hotels trauen, kann man nachvollziehen. Ganze Ladenzeilen sind verrammelt und vermüllt, Junkies hängen herum, Kinder halten die Hand auf. Die Not zeigt sich am ehesten in den richtigen Großstädten.
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Iraklion (170.000 Einwohner), das hat als Sitz der Verwaltungsregion Kreta in etwa die gleichen Dimensionen und den gleichen Status wie auf dem Festland Volos in Magnesia (145.000 Einwohner). Aber der Unterschied ist enorm (und zwar außerhalb der Saison). Und Chania (55.000 Einwohner) ist die kleinere, aber nettere Version von Iraklion (wir reden nicht über den Hochsommerbetrieb, sondern über die Vorfrühlingstage im Januar, nicht vergessen).
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Die beiden Orte auf Kreta lassen noch ihre mittelalterliche Geschichte ahnen. Volos (1955 schwer erdbebengeschädigt) hat am Hafen nur diese schnurgerade Zeile von Cafés, wo alles unter 30 vor dem Pflichtgetränk sitzt und palavert, den ganzen Abend lang. In den hinteren Gassen herrscht der Preiskrieg, Kaffee für 1 Euro, Tiropita oft auch weniger als 1 Euro.
Aus Volos flüchtet der Reisende schnell auf die Pilion-Halbinsel.
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Was macht es offenbar für Kreta besser? Einnahmen aus der sommerlichen Touristen-Hochsaison, die für’s ganze Jahr reichen? Einkünfte aus der Landwirtschaft, die das Jahr über Nordeuropa mit Obst und Gemüse versorgt?
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Chania Poster
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Messen wir es mal am Faktor “Ausgehen”: Gehen wir mal quer durch die Restaurants und Tavernen der beiden Städte … geben einen Fingerhut Entertainment dazu. (Schließlich hört man ja immer, „die Griechen“ gingen nur noch am Wochenende vor die Tür, und würden dann nur noch Geld ausgeben für einen Kaffee.) Den Eindruck hatte man quer durch die Woche auf Kreta absolut nicht.
Und am Wochenende gab es in den Restaurants kaum einen freien Stuhl, und das vielgelobte riesige Mezedes-Lokal „Ligo krassi … ligo thalassa“ in Iraklion war immer rammelvoll, ob es nun Mittwoch oder Samstag war …
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OK, die Arbeitslosen, Feldarbeiter und Rentner sind abends nicht unterwegs im Zentrum. Also nimmt der Reisende sie kaum wahr. Das ist in der Düsseldorfer Altstadt nicht anders.
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Wenn ich an das bescheidene Angebot in den Tavernen Kretas vor 30 Jahren denke … das hat man im Winter in den Bergen natürlich auch noch. Im Januar ist auf dem Land fast alles zu (genau wie auf den Touristenmeilen an der Nordküste, etwa auf der tief deprimierenden Küstenstraße Kolimvari-Gerani-Agia Marina …).
Wenn was auf hat, etwa „Lefteris“ in Kefali, oder „Mesochori“ in Chora Sfakion (na, der 250-Einwohner-Ort gilt ja schon wieder als S-t-a-d-t!), dann muß man froh sein, daß noch was in der Kühlung liegt, das man schnell auf den Grill werfen kann. Souflaki, Lammkoteletts, Bauchfleisch oder die (auf Kreta extraguten) Lammwürste. Manchmal auch nur Souflaki. Noch schnell ein paar Patates geschnitten und in die Friteuse, fertig. Schlechte Zeiten für Vegetarier. OK, Tomaten, Weißkohl, Karotten, das wird auch noch da sein.
Und immer am Ende der Raki. Da wechseln Sie besser vom Auto aufs Leih-Fahrrad:
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Chania Fahrradverleih
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Aber die Küche von Chania und Iraklion zeigt auch im Winter ein weitgefächertes Angebot an Gerichten, vieles davon auf der Insel erzeugt, vieles zubereitet, wie man es auf dem Festland oder den Kykladen nicht kennt. Und die Lokale überraschen durch ihr originelles (aber unaufdringliches) Design. Und Live-Musik gibt es an vielen Tagen auch noch dazu.
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Ein paar Beispiele:
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………Peninda Peninda Taverne
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PENINDA-PENINDA (Iraklion, in der Marktgasse): Nehmen Sie das Apaki = mageres geräuchertes Schweinefleisch, in Streifen geschnitten, rosa geschmort mit frischem Kräuterkäse und gekochten Wildkräutern (so’ne Art extraschlank-zackige Löwenzahnblätter, findet man auch beutelweise im lokalen Supermarkt – echt lecker, dabei bin ich gar kein Horta-Fan)!
Dazu ein großes Sortiment von Vorspeisen und verschiedene Salate. Toll, der „Wintersalat“ aus Endivien und Feldsalat (die Blätter sahen fast aus wie Kapernblätter, aber ißt man die roh?), dazu frische Granatapfelkerne, Rosinen und Walnüsse, Rotweinessig, Olivenöl.
Die einzige Niete bei drei Abendessen: Die marinierte Kalbsleber. Schwimmt in Essigsauce, mit vielen Rosmarin-Nadeln. Ist aber schwarz und bitter, schade drum …
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Die Hauptgerichte werden in kleinen Pfannen serviert (sind aber nicht darin zubereitet). Aufs Haus: Schoko-, Apfelkuchen, dazu Loukoumia oder gelierte Trauben und Kirschen, eine kleine Karaffe Raki. (Na, den Raki gibt es überall nach dem Essen.)
Abends vor der Tür sitzen ging auch im Januar. Allerdings stehen da zwei miefige Heizstrahler, unter die sich das Personal zum Rauchen und Telefonieren flüchtet.
Also: Viereinhalb von fünf Punkten …🙂 …
http://www.greekeat.gr/restaurant.php?RestID=459&pstab=1&ClickButton=homepage&lang=en
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……….Tamam Chania
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……….Tamam Speisekarte
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TAMAM (Chania, westliche Altstadt): Essen Sie im Winter im Souterrain, im Raucherraum, auch als Nichtraucher (beruhigend schlicht-schöne Einrichtung). Der Nichtraucherbereich befindet sich gegenüber in den Räumen eines alten türkischen Bades.
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Ein echtes mezedopolio, es gibt praktisch jedes Gericht in kleinen Portionen, Gemüsekeftedes (aus frischen Zutaten) können sie sogar einzeln bestellen (1,20/Stück), z.B. Marathokeftedes (Fenchel). Oder Staka (geschöpft aus der Haut, die sich beim Schafsmilchkochen bildet, mit Mehl angerührt, köstlich, wenn Sie Tapetenkleister mögen …).
Verschiedene Sorten Kalitsounakia (Blätterteigtaschen, wunderbar, 1,50/Stück), Siglina, Lamm mit Auberginen-Mus, Gigantes mit Skordalia (statt Tomatensauce).
Teilweise wunderbar altmodische Musik, so 1940 bis 1980. Was für die Qualität spricht: Der Wirt vom „Colombo Kitchen“, dem Restaurant neben unserem Haus in der Isodion-Gasse in der Altstadt, kam an seinem Ruhetag ins Tamam zum Essen!
http://www.we-love-crete.com/travel-chania.html
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COLOMBO KITCHEN BAR (Chania): Nur ein paar Tische, kleine Karte, nette Bewirtung (die sich auch mal Zeit nimmt, siga siga …), die Pasta-Portion mit Meeresfrüchten war mir schon fast zu groß.
http://chaniaguide.gr/bars/371-colombo-kitchen-bar?lang=en
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Chalkina Chania
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Chalkina Chania Band
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TO CHALKINA (Venezianischer Hafen, Chania): Wird für’s Essen gelobt (kann ich nicht nachvollziehen), aber von Freitag bis Sonntag kretische Live-Musik (die aber nicht zu 100% traditionell vorgetragen wird). Dann ist es rammelvoll. Wenn die Jungs aus der Nachbarschaft spielen (sehr laut und ohne Pause …), dürfen Sie ihnen gerne eine Runde ausgeben (Wodka wird bevorzugt), dann haben Sie für 2 Minuten Gelegenheit, sich zu unterhalten.
http://www.chalkina.com/en/home.html
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………..Chania Oinopoieio Taverne
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OINOPOIEIO (Chania, Splantzia-Viertel): Da hatten wir einen vegetarischen Abend, Pantsaria (Rote Bete) mit Basilikum-Pesto und Skordalia, Fava, Kastanien-Stifado! Nostalgische Einrichtung, aber nicht zu nahe an der Tür sitzen, da zieht es.
http://www.cretadeluxe.de/tip/oinopoieio/oinopoieio_en.htm
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……….Chania Mesogiako Taverne
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MESOGIAKO (Chania, Splantzia-Viertel): Endlich mal Suppe als Hauptgang! Hühnersuppe,
wintertauglich! Allerdings hatte der Koch ein Rezept aus seinem Asien-Kochbuch getestet. Und was heißt „bitte nicht extrascharf“ auf griechisch? Egal. Ich hab’s überlebt.
http://www.mesogiako.com/#!menu/c22al
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Ntounias Taverne Kreta
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Ntounias Taverne Kreta 2
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Für Tagesausflügler aus den Städten bietet sich im Winter nicht viel, was das Essen angeht. In den Bergen, beim Dorf Drakóna, findet man aber das NTOUNIAS.
Und ja, da wird gekocht (!), nicht nur gegrillt!
Wer volle Kochtöpfe hat, muß auf ein gewisses Gästeaufkommen rechnen können … und sie kommen auch, überwinden enge Schluchten und kleinste Landsträßchen, die Chanioten, die US-Amerikaner aus Souda, die älteren Stammgäste, die sich einen „doggie-bag“ bzw. „kitty-bag“ mt ihren Essensresten füllen lassen, und der gewöhnliche Nordeuropäer wie du und ich.
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OK, hier herrscht durchaus die traditionelle Bergbauernküche, aber der Wirt weiß genau, wie man sich vermarktet. Da darf man als Gastgeber ruhig mal ein bißchen naiv und hinterwäldlerisch erscheinen, das wirkt. Aber das bißchen Schauspielerei nimmt man gerne hin, wenn das Essen schmeckt.
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Ntounias ZiegeZicklein ist hier immer frisch! Sieht man schon vor der Tür! Und das geschmorte Wildschwein, zartes Fleisch in gut gewürzter, leicht fettiger, aber zum Glück tomatenarmer Sauce! Gibt es Wildschweine hier? Der Wirt nickt, führt pantomimisch die Jagdszene vor … nein nein, das Schwein sei nicht geschlachtet, sondern geschossen worden!
Als wir längst satt sind, kommt noch das Bohnengemüse (aus dem Garten der „family“) und eine Portion Zicklein vom Ofen vor der Tür, und Obst und Raki, und noch ein Kännchen selbsterzeugter Wein. Das alles ist für uns gratis. Hm. Sehen wir aus wie die Scouts eines Reisemagazins? Hier war ja auch schon das Fernsehen:
http://www.ntounias.gr/?q=content/videos
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Ntounias KaminfeuerZum Schluß der Helleniko. Meiner kommt zuerst. Der Wirt nickt mir zu: „Metrio! For the boss!“
Dann grinst er listig Katharina an: „Yes, I know, YOU are the boss!“
Wie, will er mich (unter uns Kretern) jetzt beleidigen? Muß ich jetzt das Messer ziehen und …?
🙂
Schon ist er weg, holt die Schaufel. Aha, schon mal Gräber ausheben für die Blutracheopfer …?
Nein, er holt die glühende Asche aus dem Küchenherd. Die wird schaufelweise recycelt! Rein damit in den Kamin im Gastraum! Wenn was runterfällt, nicht schlimm, Feuerlöscher stehen in der Ecke.
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Fazit: Überwiegend gut gegessen auf Kreta, sicher. Doch daß sie auf der Insel den Wein aus den Klos gewinnen, irritiert. Man kann es mit dem Recyceln auch zu weit treiben!
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Clos de Creta
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