Ela Maria!

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Sie kommt vom Fährhafen her, auf allen Vieren. Normalerweise starten die bittenden und reuenden Marienverehrer ihren Weg erst an den Stühlen des Pies Kafés, auf dem Teppich-Läufer, der auf dem zur Panagia Evangelístria Kirche aufsteigenden Marmor-Pflaster festgeschraubt ist.
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Aber sie nimmt es sehr genau. Auf dem Zebrastreifen, der das untere Ende der Leoforos Megalocharis überquert, richtet sie sich wenigstens auf, um nicht von einem gleichgültigen Autofahrer niedergemacht zu werden. Schließlich achtet in Tinos-Stadt niemand auf die Marienverehrer. Die Autofahrer schon gar nicht. Sie ignorieren auch oft die Plastikhütchen, die das Parken auf dem Pilgerweg verhindern sollen.
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Vor meinem Stuhl: Der Start des Bittweges am Pies Kafé
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Die Marienverehrer (außerhalb der großen Feiertage 25. März und 15. August) sind fast immer Frauen. Meist junge Frauen. Gewöhnlich sind sie für ihr Vorhaben sportlich ausgestattet, Knieschoner, Gummihandschuhe, Sonnenbrille, Touri-Kängurubeutel, Laufschuhe von Reebok …

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Keine zehn Minuten später. Die Blonde ist an mir vorbeigerobbt. Ich sitze immer noch beim Kaffee. Die Nächste. Sie startet korrekt auf dem Teppich, ohne den Verkehr zu behindern. Tarnjacke, oliv, Rucksack und Umhängetasche, schwarz. Doch nicht für Bitte und Buße gefüllt mit Wackersteinen, Mädchen? Sie kniet sich hin, bekreuzigt sich ein dutzend Mal. Das tut sie alle zwanzig Meter. Clever. Da kann sie sich immer aufrichten, da schont die Wirbelsäule. Ob die Heilige Jungfrau den Trick durchschaut …?
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Unterwegs hat sie auch die fetten roten Asbestfäustlinge gegen schlanke Fünffinger-Gummihandschuhe getauscht. Besser beim Bekreuzigen und beim Vorwärtskrallen.
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Fast geschafft. Über das besonders gemeine Kieselsteinpflaster direkt vor der Panagia Evangelístria hat die Kirche einen dicken roten Samtteppich gelegt. Sonst zerreißt es das Knie! Wahrscheinlich waren schon US-amerikanische Pilger da, die gute Anwälte hatten. Es gibt Dinge, die auch die Kirche bereut …
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Die Blonde wurde von der Frau mit dem Tarnanzug ja längst überholt. Jetzt wird es noch einmal hart. Das Ziel vor Augen. Die Marmortreppen. Erst hier oben, unter den Touristen, fallen die Frauen auf. Diskrete Seitenblicke. Unten in der Stadt, da müßte man schon ein Holzkreuz mit einem lebensgroßen Plastik-Christus auf dem Rücken haben, daß noch jemand hinschaut. Oder vielleicht ein Luzifer-Kostüm tragen …
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Noch eine Minute, dann sind die beiden im Dunkel der Kirche verschwunden. Die Blonde kriegt noch einen Schluck Wasser von einer Frau, die gerade aus der Kirche kommt. Sie trinkt, ohne sich aufzurichten, nickt stumm zum Dank, robbt weiter. Und ich stehe da mit der Frage: Ist das nun Demut oder Hochmut, was da abläuft? Glaubt ihr wirklich, Mädchen, daß eine Person, die angeblich vor 2000 Jahren auf dieser Erde gelebt hat und Maria hieß, da oben herumsitzt und seit unendlichen 2000 Jahren nichts Besseres zu tun hat, als sich tagtäglich und weltweit und synchron die Bitten von Abermillionen von Mariengläubigen anzuhören? Wenn es wirklich so wäre, dann wäre es doch der reine Hochmut, zu glauben, ausgerechnet dein persönliches Problem hätte da auch noch Vorrang. (“Jetzt höre mir mal zu, Maria! Ich habe mich jetzt vor allen Leuten zum Idioten gemacht, deinetwegen. Also tue gefälligst, was ich verlange …”)
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Aber warum erzähle ich das euch beiden jetzt? Viele von uns sind naiv, und abergläubisch sind wir alle, auch ich, als Nichtchrist. Schließlich spielen ja auch fast alle Leute Lotto, obwohl sie wissen, daß die Chance, 6 Richtige zu haben, 1:13 Millionen ist …
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“Die Bitte ist das Mittel, unter dem Scheine der Demut und Unterwürfigkeit seine Herrschaft und Überlegenheit über ein anderes Wesen auszuüben.” (Ludwig Feuerbach, Das Wesen des Christentums, 3. A., 1849)
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Die Panagia Evangelístria mit der Ikone, die besonders bei Kranken Wunder wirkt.
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Die Ikone wurde 1823 dort zwischen den Fundamenten einer verschütteten byzantinischen Kapelle ausgegraben und ist etwa 800 Jahre alt. (Der 1971 heiliggesprochenen Nonne Pelagia aus dem Kloster Kechrovouniou war die Jesus-Mutter Maria im Traum erschienen und hatte ihr verraten, daß diese Ikone dort liegt …) Dank der Spenden der Marienpilger ist die Panagia Evangelístria inzwischen die mit weitem Abstand reichste Kirche Griechenlands … ja, Religion ist wirklich Opium für’s Volk, und die Dealer haben in jahrhundertelanger Grob- und Feinarbeit ihr System perfektioniert.
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“In den Evangelien tritt Maria völlig zurück. Die Apostelgeschichte erwähnt sie nur ein einziges Mal. Das Neue Testament spricht äußerst selten und ohne jede besondere Verehrung von ihr. Auch von ihrer Sündenlosigkeit weiß es nichts. (…) Im 5. Jahrhundert dringt ihre Verehrung auch in die Theologie ein. (…) Seit dem 6. Jahrhundert weist man von Maria Reliquien vor. (…) Die Marienvisionen begannen anscheinend im 5. Jahrhundert. (…) Auch in neuerer Zeit erscheint Maria noch, und manche ihrer Besuche werden vom Vatikan anerkannt: ihr Erscheinen in La Salette (1846), in Lourdes (1858) und in Fatima (1917). Romanische Länder bevorzugt die Gottesmutter ganz offensichtlich.” (Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn – Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten, 1972) Das katholische Dogma der “unbefleckten Empfängnis” gilt übrigens erst seit 1854, und die das Dogma der “leiblichen Himmelfahrt” erst seit 1950. Die Heilige Maria ist echt ein Spätstarter …
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Es gibt ja noch ein Land in Europa, das die Marienverehrung verinnerlicht hat: Irland. Es gibt einen wunderschönen satirischen Roman zu diesem Thema, den ich tatsächlich mal auf dem Strand am Pilion (!) gelesen habe. Das ist auch ein Wunder, denn ich lese bei Griechenland-Aufenthalten in der Regel sonst gar nichts (höchstens Speisekarten und Fahrpläne):

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WHY SHOULD YOU DOUBT ME NOW
Mary Breasted
Farrar Straus & Giroux 1993
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Kirche, Politik und Wirtschaft sind ja immer eng verknüpft. Genau deswegen ist das Buch über die Umstände einer Marienerscheinung in der Neuzeit lesenswert. Es gibt auch eine deutsche Ausgabe:
“Das Wunder von Dublin”, Heyne 1996
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NACHTRAG 09.08.2013: Maria ist ja nicht nur in Griechenland und Irland unterwegs! Ihre Erscheinungen in Deutschland sind dokumentiert („Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter Maria“, Weltbild Verlag) und von Matthias Stolz im ZEIT-Magazin (08.08.2013) dargestellt (erweitert durch eigene Recherchen, und illustriert von Jörg Block).
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Hier nur ein kleiner Ausschnitt aus Blocks Grafik, das Rheinland. Maria ist sonst hauptsächlich in Bayern erschienen. Niedersachsen, Schleswig-Holstein und das Gebiet der ehemaligen DDR waren fast nie ihr Ziel. Maria ist am liebsten unter katholischen Frauen:
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Rheinland Marienvision
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Wo ist eigentlich dieses Marpingen? Maria muß es wissen, sie war ja schon vier Mal da, zwischen 1876 und 1999. Das Dorf liegt im Saarland. Wenn Sie es genau wissen wollen, bei wikipedia gibt es eine sehr ausführliche Seite: Die Marienerscheinungen in Marpingen wurden allerdings von der Kirche nicht anerkannt, und die drei Mädchen, die Maria 1876 im Wald begegneten, kamen in eine „Besserungsanstalt“ … wie gemein …🙂 …

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9 comments

  1. Für alle, die es genau wissen wollen: Vom Anfang des Teppich-Läufers bis zur Kirche, das sind etwa 450 bis 500 Meter, vom Fährhafen bis zum Teppichanfang noch einmal 300 Meter.

  2. Vergiß’ die Höhenmeter nicht….

    ich hab ja immer gedacht, man müsste unten an der Paralia und am Kreisverkehr so ein Verkehrsschild aufstellen: ein dreieckiges Warnschild mit der Silhouette einer rutschenden Frau darin.

  3. Jetzt hast du mich dazu gebracht, noch mal in die besonders exakte Anavasi-Karte zu schauen, Katharina:
    Der Teppich ist laut dieser Karte wohl länger, etwa 700 Meter, und die Kirche ist auf einer Höhe von etwa 80 Meter über dem Meeresspiegel. Das Gefälle auszurechnen, habe ich jetzt aber keine Lust …

  4. Ob es richtig ist oder falsch, was die Frauen auf Tinos da machen – wer will das beurteilen?
    Der (die) eine pilgert den Jakobsweg, der (die) andere wandert über die griechischen Inseln. Immer ein wenig Suche nach Problemlösungen im Gepäck. Und ich habe den Eindruck, das Gepäck wird immer mehr. Jedoch sind wir dank Jack Wolfskin & Co. bestens ausgerüstet…

  5. Nachtrag, aus Ludwig Roß „Reisen auf den griechischen Inseln, Band 1“ (1840): „Unter diesen Umständen haben wir heute Vormittag gute Muße gehabt, die seit einem Jahrzehnt so berühmte Wallfahrtskirche der Evangelistria zu besehen. Sie liegt fünf Minuten nördlich von der Stadt (…). Im Jahr 1824 träumte einer Nonne, daß auf dieser Stelle ein Bild der Mutter Gottes vergraben sey; man grub nach, und wie begreiflich fand man das Bild *. Dieß ist ein in Griechenland oft geübtes Wunderwerk, wenn ein Priester irgendwo eine Kirche oder ein Kloster zu bauen wünscht (…) indeß hat das Unternehmen nicht immer so erstaunliche und wahrhaft wunderbare Erfolge, wie hier.“
    * Nach einer alten hier gefundenen christlichen Inschrift, welche jetzt über einer Hinterthüre der Kirche eingemauert ist, wird es allerdings wahrscheinlich, daß an derselben Stelle schon früher eine Capelle des heil. Isidoros stand.

  6. Dr. Johannes Pervanoglu, ehemaliger Kustos der Universitätsbibliothek in Athen, schrieb über die Wallfahrten nach Tinos in seinem Buch “Culturbilder aus Griechenland” (Leipzig 1880):
    “Ein Kirchweihfest, das nicht nur in Griechenland, sondern auch im ganzen Orient bekannt ist und in Ehren steht, ist das Kirchweihfest von Tenos, das zweimal im Jahre, im März und August, stattfindet. In Tenos nämlich, (…) befindet sich eine altehrwürdige Madonnenkirche, in der ein altes, wunderthätiges Madonnenbild aufbewahrt wird. (… Der) Zulauf der Menschen ist manchmal so groß, daß außerodentliche Dampfschiffe gemiethet werden, um die Wallfahrer aus Smyrna, aus Konstantinopel, aus Syrien, aus Egypten und allen Gegenden Griechenlands nach Tenos überzuführen. Nicht selten übersteigt die Zahl der Wallfahrer das zehnte Tausend, wobei, wie dies gewöhnlich der Fall ist, das weibliche Geschlecht viel stärker als das männliche vertreten ist. Wegen dieses Zusammenströmens von Menschen ist auch die Kirche von Tenos unermeßlich reich.
    (…) Den Kirchenreichthum verwendet ein Ausschuß, der aus ehrenwerten Einwohnern gebildet ist, zu wohlthätigen Zwecken; nicht nur arme Familien, Wittwen und Waisen werden unterstützt, sondern es wird jährlich eine große Summe Geldes bestimmt um Schulen zu erhalten, Lehrer zu besolden, und junge Tenier im westlichen Europa gehörig auszubilden.”

  7. Man lernt ja nie aus, was religiöse Überzeugungen angeht … bei Eberhard Rondholz lese ich, daß am 15. August in Griechenland eben nicht “Maria Himmelfahrt” gefeiert wird, sondern nur die “Entschlafung der Gottesgebärerin” (= Kímissis Theotókou).
    Die griechisch-othodoxe Kirche glaubt nämlich nicht daran, daß die Dame leibhaftig in ihren Himmel gekommen ist.
    Das erklärt auch, daß Maria heutzutage in Griechenland eben nicht als leibhaftige Erscheinung auftritt, wie in den katholisch geprägten Regionen, sondern immer nur ihre wundertätigen … Ikonen!
    (Eberhard Rondholz: “Griechenland – Ein Länderportrait”, Ch. Links Verlag Berlin, 2011)

  8. “Immer wieder sieht man Frauen mittleren Alters auf den Knien unterwegs zur Kirche, und wenn die Knie versagen, in die sie gesunken sind, sobald sie das Schiff verlassen haben, dann bewegen sie sich langsam auf allen Vieren die breite und lange Betonstraße hinauf. Man wünschte sich, die Panaghia käme und nähme sie bei der Hand: ‘Kommt,erhebt euch, man nähert sich nicht auf allen Vieren meinem Bild!'”
    aus: Johannes Rüber “Das Tal der Tauben und Oliven”, Freiburg 1979
    (J. Rüber hatte Mitte der 1970er Jahre auf Tinos ein altes Haus gekauft.)

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