2. Essen und Trinken

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Nur eine Vorspeise … das sagenhafte Olivenbrot vom Bäcker aus Milies im Pilion. Es hat den Durchmesser einer kleinen Pizza. Ja, zum Sattwerden reicht es gegebenfalls auch …!

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Um gleichmal etwas nostalgisch zu werden: Das da oben ist ein Ausschnitt aus der Speisekarte “unserer” griechischen Taverne in Amsterdam, etwa 1992. Und … was da an Vorspeisen auf der Karte stand, das war auch immer da, alles! Kennen Sie eine Taverne in Nordeuropa, die heute noch eine solche Auswahl an Vorspeisen hat? Und 3,50 HFl, das sind heute 1,60 Euro … 15 HFl, also 7 Euro, kostete ein Hauptgericht. Es lohnte immer, zu fragen, ob die Küche “was besonderes” hatte, was nicht auf der Karte stand. Die vielen “Exil-Griechen”, die das Olympia besuchten, wollten immer was besonderes. Wachteln statt Souflaki Kotopoulo zum Beispiel. Hauptgerichte nach Wunsch konnte man auch vorbestellen. Aber das Olympia ist leider längst Geschichte …

SATTWERDEN kann man in Griechenland traditionellerweise auch beim Trinken …🙂 … (der Grieche ißt eigentlich immer etwas, wenn er was Alkoholisches trinkt …)

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… zum Ouzo gibt es in der Regel ein Glas Wasser und “mesedes”. Das ist (wenn Sie es gratis kriegen) meist nur eine Kleinigkeit, ein paar Oliven oder Nüsse.

In diesem Cafeneion am Hafen von Katakolo auf dem Peloponnes (siehe oben) war die Beilage geradezu überwältigend: Tintenfisch, Käsekroketten, Feta, Pommes frites (warm), Oliven, Tomate, Gurke, zwei kleine Fische, Brot (warm) … das war im Sommer 2003, und unsere 2 Ouzo + mesedes kosteten zusammen 3,00 Euro. Der Preis hat sich inzwischen sicher erheblich geändert, aber hoffentlich nicht die Tradition …
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NACHTRAG 23.11.2013:  Heute kostet ein Ouzo plus “richtige” Mezedes gewöhnlich 3,00 bis 3,50 Euro. Diese 0,5-Liter-Flasche Retsina kostet im Supermarkt circa 1,70. Sie kann in der Taverne sogar teurer sein als der Hauswein (um 4,00 Euro der halbe Liter).

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Übrigens gibt es Wein EIGENTLICH auch nur zum Essen in der Taverne. Nicht solo. Das Ein-Glas-Wein-Trinken in der Bar kommt erst jetzt in Mode, in der Regel da, wo es auch Touristen gibt (das Glas ist dann oft auch nicht gerade billig) …
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Der Grieche selbst nimmt in der Bar lieber ein Bier, oder einen Whisky … es darf auch eine kleine (0,1 Liter) oder große (0,2 Liter) Karaffe Ouzo oder Tsipouro sein. Statt der offenen Karaffe gibt es auch die passenden Fläschchen – hier 0,2 Liter Tsipouro (Traubenbrand wie Grappa) und 0,1 Liter Rakomelo (Likör aus Raki, Honig und Gewürzen), und vorne ein traditioneller Wein-Becher mit Kokkinello (Rosé):
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Tsipouro Rakomelo
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Nein, Esssen und Trinken an sich ist ja nicht alles. Also noch zwei Sachen, zum damit verbundenen Sozialverhalten der Griechen:
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Apollon Fuzz Club Athen
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März 1994 … wir waren gerade in der Stadt angekommen und hatten sofort das Poster gesehen: Eleftheria Arvanitaki morgen im Athener Apollon-Club (war wohl mal ein Kino, und später der FUZZ Music Club). Arvanitaki war 1994 schon ein absoluter Star in Griechenland. Trotzdem hatten wir nachmittags im Club-Büro nachgefragt: Gibt es noch Karten?
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Gelächter. Tickets? Keine Chance, alle Tische längst ausverkauft. Aber wenn wir um 22 Uhr kämen, dann würde oben der Stehbalkon aufgemacht. Nein, kein Vorverkauf, wer zuerst kommt, kommt rein. Eintritt? Nein, kein Eintritt, nur Verzehr, jedes Getränk 2.000 Drachmen. (Entsprach damals 15 DM. Ein Frappé kostete 250 oder 300 Drachmen.)
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Wir waren um halb zehn da, und wurden um zehn Uhr beim Türöffnen in den oberen Raum einfach reingespült. In zwei Minuten war alles rammelvoll. Bevor das Konzert anfing (um 23:30) hatten wir sogar die Gelegenheit, an der Bar zwei Getränke zu kaufen. Als das Konzert anfing, drängte alles zum Balkongeländer, da ging überhaupt nichts mehr. Wir standen nämlich ganz vorne. Kein vor, kein zurück, um die Bar acht massiv verkeilte Reihen Leute, zur Toilette mußte man mindestens eine Viertelstunde Weg einplanen … gut, daß wir noch nichts von der Love Parade in Duisburg wußten … und seinen leeren Plastikbecher konnte man auch nicht mehr fallen lassen. Kein Platz. Währenddessen wurde unten im Saal flaschenweise Whisky ausgeteilt. Das war unten obligatorisch. Und unten war sogar Platz genug, um auf die Tische zu klettern und zu tanzen.
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Es geht alles etwas später los in Griechenland am Abend, auch heute – trotz der jahrelangen Krise hat sich nicht so viel geändert. Trotz 27,6% Arbeitslosigkeit (Nov. 2013) und über 50% Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen. Man kauft keine CDs mehr, aber wenigstens am Wochenende will man vor die Tür, und da will man auch zeigen, daß man sich noch was leisten kann. Ob man nun 18 oder 80 ist. Hier ein Poster für ein Konzert von Vasilis Kazoulis, das vor kurzem auch nicht vor halb elf anfing:
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Vasilis Kazoulis
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Tja, da hatten wir damals kaum Gelegenheit, unsere Getränke zu bezahlen (zu voll, die Bar), aber wenn man mit Griechen unterwegs ist, muß man sich sowieso anstrengen, um an die Rechnung zu kommen. Oft kann man seine griechische Begleitung beleidigen, wenn man es versucht. Allerdings habe ich in letzter Zeit (ja, die Krise …) häufiger gesehen, daß eine parea zusammenschmeißt, wenn die Gesamtrechnung für den Tisch kommt. Niemand zahlt jedoch ausschließlich seinen eigenen Verzehr!
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Sofka Zinovieff beschreibt das. Sie stammt aus einer russischen Familie, ist in England großgeworden, mit einem Griechen verheiratet, lebt seit 2001 in Athen. Ihr Buch “Eurydice Street” von 2004 hält ihre ersten Athener Beobachtungen fest. Das Kapitel „Creatures of the night“ beschreibt das Nachtleben: Das Harama ist ein alter Rembetika-Club. Die Karaffe Whisky (für 4 Personen) kostete “two labourer’s daily wages” (2 Arbeitertageslöhne). Trotzdem stritten sich die Griechen am Tisch heftig darum, wer bezahlen durfte: … there is a certain humiliation in being paid for, just as there is triumph in paying … those who have been paid for sometimes appear angry, and certainly show no gratitude.”
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Das Ganze ist also ein Streit um den sozialen Status. Wie Sofka Zinovieff sagt: Es liegt eine gewisse Erniedrigung darin, nicht bezahlen zu dürfen! Diejenigen, die an dem Tag nicht bezahlen dürfen, sind manchmal echt ärgerlich darüber, und zeigen dem glücklichen Sieger gegenüber keinesfalls Dankbarkeit!
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Als Sofkas Freunde um drei Uhr morgens gehen wollen, ist der Türsteher beleidigt: “He waved off our excuses of work the next morning as if they were an insult.” Und draußen standen sie auf dem Weg nach Hause (in Vouliagmeni) sofort im Stau. Ja, Sofka hatte sich an die Lebensweise des “go to burn it until dawn” langsam gewöhnen müssen.
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Sofka Zinovieff
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Sofka Zinovieff: “Eurydice Street – A Place In Athens”
Granta Books, London 2004, ISBN: 1862077509
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3 comments

  1. Gerade fällt mir ein altes Interview mit Oskar Lafontaine in die Hand (aus Die Zeit, 28.12.2000). Hier in paar Sätze, die auch ein Grieche gesagt haben könnte:

    Lafontaine: Als ich das erste Mal Spaghetti mit Pesto aß, war das ein denkwürdiges Essen.

    zeit: Wegen der Tischgenossen?

    Lafontaine: Nein, die Spaghetti waren prominent genug.

    zeit: Haben Sie Weggefährten, mit denen Sie besonders gern essen?

    Lafontaine: Jeder, der essen als eine Gemeinschaftsveranstaltung, eine kulturelle Veranstaltung begreift, jeder, der sich an gutem Essen und Trinken freut, ist ein angenehmer Tischgenosse.

    Anmerkung von mir: Bestellen Sie beim “Italiener” in Griechenland um Himmels Willen kein pesto. Wenn es kaparosalata (also Kapernpüree) gibt, bestellen Sie dazu Spaghetti ohne Sauce, mit einem Schälchen geriebenem Käse dazu, und mixen Sie die 3 Zutaten selbst! Vielleicht noch ein bißchen Extra-Knoblauch hinein …

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