Aegina – Waisenhaus 1828-2018

IMG_9864_600
.
Zwischen 1996 und 2018 hatte sich einiges am Erscheinungsbild des Gebäudes geändert:
Zum Beispiel Fensteröffnungen, Zugänge, Wandverkleidungen.

.
< ZURÜCK ZU: AEGINA 1996 – DER JUNTA-KNAST
.
Wie schon gesagt: Das Gefängnis war nicht immer ein Gefängnis.
Ursprünglich wußte ich nichts von einer früheren Umwidmung.
.
IMG_9853_A600
.
Zur Vorbereitung meiner Tage auf Aegina im Mai 2018 hatte ich die alten Fotos noch einmal hervorgekramt und hatte aus purer Neugier mit Hilfe eines Internet-Übersetzungsprogramms versucht, die Inschrift über dem Haupteingang zu entziffern.
Ergebnis: Ist leider ganz altmodisches Griechisch, keine Chance für Google & Co.
.
Es blieb mir nur die Ahnung, daß sich in der letzten Zeile eine Zahl verbarg. Also wurde das Problem an Günter B. auf Tinos weitergeleitet, der es ein Dorf weitergab, an Jannis St. in Tarambados. Von dem kam prompt die Übersetzung des Texts und für die Zahl ein Hinweis in die Richtung auf das „herodianische Zahlensystem“.
„Das herodianische Zahlensystem wurde nach Herodian von Alexandria (2.Jh.n.Chr.) benannt, von dem erstmals eine Beschreibung dessen überliefert wurde. Verbreitet war es vor allem in der Attika des 5. bis 1.Jh.v.Chr.“ sagt das imperiumromanum.
.
ziffern_herodianisch_600
.
(Vorsicht, das ist eine altertümliche GIF-Illustration, bei der beim Verkleinern einige senkrechte Striche verschluckt wurden, z.B. im H oder M.)
Übernimmt man die aneinandergereihten Ziffern (wie bei den Römern), so ergibt sich:
1000 + (500 + 100 + 100 + 100) + (20 + 5 + 1 + 1 +1) = 1828
.
Da steht also: „Der Gouverneur gründete dieses Waisenhaus im Jahre 1928“.
.
Vorab: Meine Tante arbeitete als Nonne in einem katholischen Waisenhaus in Köln. Ich weiß, daß Kinder dort keine schöne Zeit hatten. Ich kenne jemanden, der in der griechischen Junta-Zeit im Waisenhaus aufwuchs und über die Zustände bis heute nicht reden kann. Ich denke aber, für das Nachkriegs-Griechenland von 1828 war die Einrichtung eines Waisenhauses eine soziale Notwendigkeit und würde eher positiv drüber urteilen.
.
Also:
.
Kapodistrias_200Der “Gouverneur” war das erste Staatsoberhaupt von Griechenland nach dem Unabhängigkeitskrieg, Ioannis Kapodistrias (geboren 1776 auf Korfu – ermordet bei einem Attentat in Nafplion 1831).
.
1827 wurde er von der griechischen Nationalversammlung zum Kybernetes (Präsidenten gewählt) gewählt.
Er schätzte die Antike in jeder Form und wollte den neuen Nationalstaat in Sprache und Stil ein wenig auf diese Traditionen zurückführen.
.
.
.
.
Kapodistrias20Cent_200Jeder Griechenlandreisende kennt heute sein Portrait – von der Rückseite der 20-Cent-Münze.
Zum Kybernetes gewählt wurde ausgerechnet er, weil die zerstrittenen Parteien des Unabhängigkeitskrieges glaubten, der ehemalige Diplomat wäre schwach und manipulierbar. Man hatte seine Durchsetzungsfähigkeit und Zielstrebigkeit jedoch unterschätzt, und mißtraute ihn bald, weil er häufig die russischen Interessen vertrat. Das ging auch gegen die britischen Versuche zur Einflußnahme im neuen Staat.
Die Briten hatten ja 1817 schon die Kontrolle über die Ionischen Inseln übernommen.
.
Aegina war noch vor Naplion und Athen die erste griechische Hauptstadt!
(Wer weiß das noch?)
Athen war 1827 ja nicht mehr als ein ruinöses Kaff mit 2000 Einwohnern …
.
Kapodistrias hatte auf der Insel große Pläne, und das erste, was errichtet werden mußte, war ein Waisenhaus und eine Art Grundschule für die zahlreichen Kriegswaisen. Die finanziellen Mittel hatte er bei den europäischen Philhellenen schnell zusammengebettelt und einen fähigen Architekten hatte er auch: Theodoros Vallianos (auch aus Korfu) hatte das riesige Gebäude in einem Jahr errichtet. 1828 wurde der Grundstein gelegt, 1829 zogen die ersten Waisen ein. Sie kamen nach den Massakern auf den Inseln im Osten der Ägäis, aus Kreta und Ägypten.
.
Billige Arbeitskräfte gab es unter den arbeitslosen Flüchtlingen auf der Insel, Baumaterial gab es vor Ort, auch die antike Stätte von Kolonna und das antike Theater wurden teilweise ausgeräumt. Selbst die Kaimauer des alten Hafens wurde aus dem Material gebaut, man kann Teile davon heute noch sehen.
Auch das Waisenhaus steht auf antikem Baugrund, anfangs konnte man in den Kellerräumen noch Skulpturen und Reste von Fresken entdecken!
.
Das Gebäude mußte so zweckmäßig wie preisgünstig sein. Schönheit spielte keine Rolle. Erst die Central-Schule in der Nähe der Hauptkirche wurde später in klassizistischer Bauweise errichtet. Das Gebäude durfte etwas kostspieliger sein, es hatte ein Schweizer Philhellene finanziert. Das Waisenhaus sah eher aus wie ein Zoll-Lager oder eine Kaserne.
Egal. Es war der erste vollendete öffentliche Neubau des neuen Staates – und wird heute nicht wirklich wertgeschätzt.
.
ReggebAegina_A330Gut, das erste Regierungsgebäude auf Aegina sah auch sehr bescheiden aus. Der von der griechischen Regierung übernommene ältere Gebäudekomplex wurde vom Waisenhaus-Architekten Theodoros Vallianos nur oberflächlich renoviert.
.
.
.
Auf der folgenden Seite berichtet der erste Direktor des Waisenhauses und der Grund- und Berufsschule, Andreas Moustoxydis (geboren auch auf Korfu 1785 – 1860) in allen Einzelheiten über die Erfahrungen der ersten Jahre. Die Seite, die Sie jetzt lesen, enthält nur ein Art Reader’s Digest Version davon … 🙂 …
.
Den Bericht entnehme ich fast vollständig dem Neuen Jahrbuch für Philologie und Pädagogik (Leipzig 1832). Lassen Sie sich von dem Text-Umfang der Übersetzung nicht schrecken. Wenn Sie sich für die erste Schul- und Berufsausbildung eines Gemeinwesens interessieren, das von den osmanischen Besetzern bis dahin in Armut und Unwissenheit gehalten werden sollte, sollten Sie das lesen:
.
> WEITER MIT AEGINA – WAISENHAUS UND SCHULEN 1832
.
IMG_9852_600
.
2018, die Spuren der Gefängnisnutzung sind beseitigt.
.
Bis 1829 hatte das Waisenhaus fast 500 Kinder aufgenommen, schreibt Moustoxydis!
Von einigen meldeten sich die vermißten Eltern und holten ihre Kinder zurück, einige wurde wegen Disziplinlosigkeit gefeuert, und unverhältnismäßig hoch war die Kindersterblichkeit, als Kriegsfolge.
.
Es wurden nur Knaben ins Haus und die Schule aufgenommen – am Ende waren etwa 900 in den verschiedenen Klassen zu finden. Ein paar Dutzend der Schulkinder kamen von der Insel, oder von Orten des Peloponnes.
Aber es gab auch eine Mädchenklasse, mit einer Lehrerin und 30 Schülerinnen … nun ja, die Gleichberechtigung steckte noch in den Kinderschuhen … 🙂 …
.
Für die (meist sehr kurze) Schulbildung wurde ein verbindliches Curriculum entwickelt. Für bedürftige Schüler, die schon im Waisenhaus oder nach der Entlassung ein Handwerk erlernten, gab es ein staatliches Stipendium – das teilweise für eine spätere Betriebsgründung zurückgelegt wurde! Die Hälfte der Schüler hatte darauf einen Anspruch.
.
Meist mußte eine halbjährige Ausbildung (bloß Grundlagen von Lesen, Schreiben, Rechnen) reichen, doch wurde kurz danach von einem Schweizer Banker (Eynard) die sogenannte fortbildende „Centralschule“ gestiftet, in das man nur als junger, bereits qualifizierter  Erwachsener eintreten konnte. Die nötige Ausbildung in griechischer Geschichte und Kultur brachte diese Schule – die griechische Sprache und Art hatte sich ja über die Jahrhunderte erhalten, hatte sich aber zwischen Kreta und Odessa und Kappadokien und Apulien unterschiedlich weiterentwickelt.
Ja, die Centralschule war fast eine kleine Pädagogische Fachschule, die für die Dorflehrer-Ausbildung schon reichte.
1830 waren schon fertige Jung-Dorflehrer nach Andros, Tinos und Milos geschickt worden.
.
Handwerksbetriebe wie eine Buchdruckerei wurden errichtet, auch eine Bibliothek (aus Spenden), für ein geplantes National-Museum wurden Artefakte gesammelt – die aber später unter König Otto fast restlos nach Athen gebracht wurden. Und das erste Gymnasium/Lyzeum Griechenlands entstand auch nicht auf Aegina, sondern 1833 in Nafplion.
.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts war das Waisenhaus noch eine touristische Attraktion. 1894 wurde es geschlossen, wird manchmal berichtet. Doch das Haus war wohl schon früher zu. Danach wurde das Gebäude als Kaserne, Quarantänestation oder Gefängnis genutzt.
.
Hier ein paar Beispiele von Hinweisen aus alten Reisehandbüchern:
.
Baedeker Griechenland, 2. A., 1888
.
Seite 138: “Südlich vor der Stadt liegt das grosse, von Kapodhistrias erbaute ehem. Waisenhaus (orphanotrophion), jetzt Kaserne und Gefängnis. Durch das Eingangstor, vor dem einige Sculpturreste und Inschriftenblöcke liegen, tritt man in einen grossen Hof, in welchem geradeaus in einer offenen Halle einige Sculpturenreste zusammengestellt sind und l., in der hinteren Ecke, bei einem Brunnen, eine unterirdische antike Grabanlage erhalten ist. Man entferne die über den Eingang der letztern gelegten Bretter und steige auf einer kurzen Wendeltreppe hinab. Unten findet man ein dunkles Gemach, dessen Wände mit rohen, z. Th. aus dem Alterthum stammenden Zeichnungen bedeckt sind.”
.
Murray’s Handbook Greece, 7. A., 1907
.
Seite 495: “In 1826 Aegina became the temporary capital of Greece and seat of the executive. Many rich families of the Peloponnesus bought land and settled here, added to which, refugees from Scio (Chios) and Psará flocked hither in great numbers; so that in 1829 it became a resort of a mixed population of about 10.000 Greeks.”
Seite 497: “10 min. S. of the Inn are some barracks, formerly an orphanage. Permission to enter the building must be obtained from the guard at the gateway. Turning to the l. in the court, we pass a headless statue, and at the further corner reach an ancient subterranean Tomb. The spiral steps which descend to it are covered with a grating (lights required). Below are two Doric columns, and others lying prostrate; on the wall, which is divided by recesses, are some remains of ancient painting.”
.
Ludwig Ross: Reisen des Königs Otto und der Königin Amalia in Griechenland
Band 1, Schwetschke u. Sohn/Halle 1848
Ausflug nach dem Tempel von Aegina, 30.09.1839

.
Seite 156: „Das heutige Städtchen liegt am südwestlichen Rande der Ebene längs einem Theil des alten Hafens. Westlich von dem Orte standen früher noch zwei, jetzt nur noch eine Säule von einem Dorischen Tempel, vielleicht der Aphrodite, dessen Unterbau der Präsident Kapodistrias, um den armen Flüchtlingen aus dem übrigen Griechenlande während des Krieges Brod zu geben, zur Anlage neuer Hafendämme hat verwenden lassen. Die Stadt enthält sonst nichts Sehenswerthes, als ein aus den Beiträgen des philhellenischen Europa (!) gebautes Waisenhaus, in dessen Hofe einige antike Ueberreste aufbewahrt werden.“
.
GoogleEarth2018_600
Foto: Google Earth
.
Und heute?
.
Das Gebäude ist zum größten Teil vor ein paar Jahren überarbeitet worden, aber die Arbeiten sind auf halber Strecke gestoppt worden, und niemand nutzt das riesige Gebäude.
Die Gitterfenster der Gefängniszellen sind entfernt worden, und sie wurden wieder auf das ursprüngliche Maß vergrößert. Wo früher heruntergekommener Putz die Natursteine verdeckte, wurde er auf der Hauptebene entfernt. Im Souterrain im Norden und Westen des Gebäudes wurde der Putz erneuert, aber es dürfte jedem Denkmalschutzgesetz der Welt widersprechen, wie und wo er angebracht wurden.
.
IMG_9863_A600
.
Und offensichtlich wurde recht schlampig gearbeitet, schon jetzt zeigen sich Risse, die Kanten bröckeln. Die Fenster sind mit Holzplatten und Baustahlgittern provisorisch gesichert. Jeder Eingang ist verschlossen. So mancher Eingang im Souterrain ist auch zugemauert worden. So wie hier an der Nordwestecke:
.
IMG_9867_600
.
IMG_9859_600
.
Auch der Zugang durch die Waisenhaus-Kirche im Ostteil ist versperrt. Aber mancher lokale Graffiti”künstler” hat noch eine schwache Ahnung vom früheren Nutzen des Gebäudes – wenn ich diese Hinterlassenschaft auf einer Wand richtig interpretiere:
.

IMG_9858_600
.
Nach meiner Ankunft unterhalte ich mich mit dem Sohn der Hoteleignerin, zeige ihm meine alten Fotos. Er war 1996 erst zehn Jahre alt. Er will sich mit seiner Frau (die bessere Beziehungen im Ort hat) bei der Stadt umhören, was mit dem Gebäude denn zukünftig passieren soll. Was er am nächsten Tag jedoch schon wieder vergessen hat …
.
Aber seine Frau ist zwei Tage später noch am Ball. Es ist den Mitarbeitern der Offiziellen, die sie erreicht hat, nicht klar, wem das Gebäude überhaupt gehört, bzw. woher die Mittel für die Restaurierung kamen. Vielleicht ist es die Gemeinde, vielleicht der Staat? Niemand weiß angeblich, wer einem Besucher die Türen des Waisenhauses öffnen könnte. Niemand will in die Zukunft blicken.
.
Aber Sophia erinnert sich daran, daß vor einigen Jahren bei einem Kulturfestival alle Gebäude aus der Zeit Kapodistrias bei einer offiziellen Führung zugänglich waren – für einen Tag. Sie hat die Email-Adresse einer der damals Verantwortlichen besorgt. Eine Griechin, die offenbar in England lebt.
(Inzwischen hat Gabriele Goumas in ihrem Kommentar auf der Seite “Aegina 1828-2018” auf die Zukunftspläne für das Gebäude hingewiesen.)
.
> WEITER MIT AEGINA – WAISENHAUS UND SCHULEN 1832
< ZURÜCK ZU: AEGINA – DER JUNTA-KNAST 1996
> WEITER MIT: AEGINA – APHAIA UND KOLONNA
> WEITER MIT: AEGINA MIX – MIT REGIONALEN ERZEUGNISSEN

< ZURÜCK ZU: AEGINA 1828-2018
< ZURÜCK ZUR STARTSEITE

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s