Kappadokien 5 – Göreme Höhlenkirchen

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Göreme Karanlik Kilise
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Göreme, die Karanlik-Kilise (dunkle Kirche).
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Karanlik KiliseGrundriß der Karanli-Kirche (Nr. 7), Ausschnitt aus “Das Göreme Gebiet”, Ugur Ayyildiz, NET Istanbul).
Die Kirche ist links hinter einem Vorraum verborgen.
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„Aufgrund des starken Druckes der Araber auf die Byzantiner verliessen diese Derinkuyu (die unterirdische Stadt), um sich in Göreme niederzulassen. Die Flüchtlinge nannten das Gebiet Göremezin („Du kannst nicht sehen“) oder Göremi („Siehst du mich?“).“
(Ömer Demir „Kappadokien – Wiege der Geschichte“)
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Göreme Tal
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Das Tal von Göreme
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Göreme Karte wikipediaKarte: wikipedia
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Die 20 Kilometer südlich von Nevshehir gelegene unterirdische Stadt Derinkuyu war im Lauf des 6. Jahrhunderts bereits drei Mal von arabischen Heeren belagert worden. (Derinkuyu war bereits über 1000 Jahre v.Chr. von den Hethitern gegründet worden. Aber die Hethiter hatten das Höhlensystem noch längst nicht so ausgebaut wie die von Römern und Muslimen verfolgten Christen. Man war anfangs in Derinkuyu nur eine Etage weit in die Tiefe gegangen, um Lagerräume zu erhalten.) In einem Höhlen-System in den nördlichen Erosions-Tälern glaubten die byzantinisch-griechischen Einwohner ihre Selbstständigkeit besser bewahren zu können.
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Göreme Kirche
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Nachdem man die Verteidigung besser organisiert hatte, wurden zahlreiche Kircheräume in die Hügel gegraben, bzw. vorhandene Höhlen dafür genutzt. Frühe Kirchen erkennt man an der Gestaltung der Innenwände. Die Kirche oben hat innen noch das Aussehen der Bilderstreit-Zeit (7. Bis 9. Jahrhundert). Es gibt nur geometrische Zeichen, Kreuze und Bänder an der Wand, aber keine Abbildungen von Personen:
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Göreme Kirche innen
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Allerdings hat es sich (im 11. und 12. Jahrhundert) auch angeboten, die fast kahlen Wände der älteren Kirchen einfach mit figürlichen Ikonen zu übermalen. Das kann durchaus kindergartenmäßig aussehen:
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Göreme Fresko übermalt
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Im Laufe der Jahrhunderte – auch nach der Niederlage der Byzantiner gegen die Seldschuken im 12. Jahrhundert – hat sich bei den Griechen in Kleinasien die Religion als die wesentliche Unterscheidung zu den politisch und militärisch herrschenden Kräften erhalten. In vielen anderen Dingen, sogar in der Sprache, hatte man sich angepasst.
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Auch das Griechentum in Kappadokien war am Ende nicht mehr das der Verfolgungszeit. Man lebte zwar weit weg von der Welt, war aber nicht mehr so isoliert wie die frühen Einsiedlermönche. Mehrere Karawanen-Fernstraßen durchzogen das Land, und das prägte den Alltag und die Wirtschaft. Man handelte mit selbsterzeugten Produkten und beherbergte Durchreisende, provozierte aber besser niemanden. Die realen Zeugnisse für den eigenen Glauben blieben gut versteckt in den Höhlensystemen. Und oft ist es ja auch so, daß nicht nur die Unterworfenen sich den Besatzern anpassen, es finden auch die Besatzer Verhaltensweisen, die sie gerne von den Unterworfenen übernehmen (siehe unten, die Betrachtungen Gustav Hirschfelds).
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Erstaunlicherweise hat sich nach der Zwangsumsiedelung der Griechen aus Kappadokien wenig Wissen über die Glaubens-Tradition erhalten – obwohl viele Kirchen-Gemeinden doch noch bis in das 20. Jahrhundert hinein existiert haben. In vielen Fällen weiß man heute nicht mehr, welchen Heiligen die mehr als 3000 Kirchen in Kappadokien geweiht waren. Ja, es gibt noch eine Johannes-Basilika, und eine Marien- und Barbara-Kirche, aber meist läßt sich die namenlose Kirche nur noch identifizieren nach ihren besonderen Attributen – der Charakteristik ihres Aussehens oder ihrer Gestaltung. Oft sind Nebensächlichkeiten am Rande von Ikonen (gerade solche, die vom orthodoxen Standard abweichen) das entscheidende. Da gibt es zum Beispiel die „Schlangenkirche“, die „Kirche mit den Tauben“, die mit dem Hirsch, die Apfelkirche, die Dunkle Kirche. Viele sakrale Räume sind heute noch offiziell unbenannt.
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Die Elmali-Kilise (Apfelkirche) ist, wie so oft, nur durch schmale und sehr niedrige Korridore zu erreichen:
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Elmali Kirche Korridor
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ApfelkircheGrundriß der Elmali-Kilise / Apfelkirche  (Nr. 2), Ausschnitt aus “Das Göreme Gebiet”, Ugur Ayyildiz, NET Istanbul.
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Ihre Fresken sind vergleichsweise gut erhalten (und damit restaurierungsfähig geblieben):
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Göreme Elmali Kirche Decke
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Gut erhalten sind die Bilder besonders da, wo man sie schlecht erreichen kann (also im oberen Teil, obwohl der Ruß von Fackeln oder Feuern gerade da auch vernichtend wirkt). Natürlich wurde auch gerne mit Steinen auf den Pantokrator in der Kuppel geworfen. Unten sieht es oft anders aus – was überhaupt erhalten ist, ist oft stark beschädigt. Es wurde mit Messern daran gekratzt, es wurde mit dem Hammer nach verborgenen Hohlräumen geklopft, in denen vielleicht wertvoller Kirchenschmuck verborgen war:
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Göreme Elmali Kirche Fresko
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Göreme Ausflug SchulklasseSchulklasse beim Ausflug im Göreme-Tal
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Für die Jungs, die in der Schule stark diszipliniert werden, die aber hier kaum beaufsichtigt werden, ist Göreme nur ein Ausflug in einen „Fantasy-Park“.
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Ja, Zeit und Geschichte vergeht, und die Vergänglichkeit der Dinge und Ideen holt uns ein, und wird gerade hier klar sichtbar. Die Kirchen von Göreme sind ja nur noch eine historische Kulisse:
„In den letzten 30 Jahren ist eine anhaltende Zerstörung über dieses Tal gegangen, nicht nur Hitze, Schnee, Regen und Wind haben ihre Spuren hinterlassen, sondern vor allem die Besucher, die sich in den Kirchenfresken verewigt haben: Unzählige Namen sind in die Gemälde eingekratzt worden.“
(Rolf D. Schwarz, „Göreme“, Harenberg/Dortmund, 1986)
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Das war mit den Überresten der Antike nicht anders. Menschen, die hätten besser wissen müssen, haben griechische Tempel beschädigt oder daraus entfernt, was ihnen gerade gefiel. Der Fries des Parthenon ging nach London, der Pergamon-Altar nach Berlin, und wo überall hat nicht Lord Byron seinen Namen in die Tempelsäulen gekratzt …? Zum Beispiel in den Poseidon-Tempel am Kap Sunion.
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Göreme Refektorium Kloster
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Göreme, verräuchertes Refektorium eines längst verlassenen Klosters.
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Der Archäologe Gustav Hirschfeld, der durch seine Reisen auch zum Kleinasien-Spezialist wurde, hat sich mit der historischen Konkurrenz von Griechen und Türken in Kleinasien auseinandergesetzt. Hier nur ein paar Zeilen aus seinen Notizen:
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Gustav Hirschfeld schreibt 1897 („Aus dem Orient“, Berlin): „Wie in Konstantinopel, so bilden sie (die Griechen) in allen größeren Orten der vielgegliederten kleinasiatischen Westküste einen starken Bruchteil der Bevölkerung; jedenfalls üben sie dort in Bezug auf Intelligenz und Thatkraft eine unbestrittene Suprematie (…). Das ist auch im Inneren des Landes wahr, soweit dort griechische Bevölkerung, fast ausschließlich in größeren Orten, sich gehalten hat (…).“
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Weiter östlich in Anatolien fällt die Rolle der Griechen jedoch den Armeniern zu, „nur an einigen bedeutenden Punkten, wie in Konia, Cäsarea, Siwas bei Erzerum, Trapezunt, Niksar sind große griechische Gemeinden wie Enklaven übrig geblieben.“ (Hirschfeld)
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Hirschfeld: „Die Religionsform ist da auch das einzige, was sie für sich haben, was sie von einander scheidet: denn Sprache, Tracht und Lebenszuschnitt haben sie von ihren Eroberern fast durchaus angenommen. Die Griechen des Innern hatten ihre eigene Sprache fast aller Orten vergessen, lasen Bücher in türkischer Sprache, aber mit griechischen Lettern, verstanden so wenig wie ihre Priester die Gebete, welche sie mechanisch in ihrer verlorenen Muttersprache hersagten.“
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Doch im Laufe des 19. Jahrhunderts, besonders nach der Etablierung des griechischen Staates, ändern sich die Umstände. Hirschfeld: „Die ‚communautés‘ besinnen sich auf sich selber und verlangen außer der Religionsform, die sie Jahrhunderte verbunden, auch ihre Sprache und damit eine ganze ihnen eigene Welt, ihren eigenen Entwickelungsraum.“
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Göreme
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Noch etwas, abgesehen vom Geist ihrer Religion, hatten die Griechen über Jahrhunderte bewahrt: Das Wissen über die Produktion geistiger Getränke …🙂 … und gerade das hatte wohl am Ende einen starken Reiz auf die Türken ausgeübt, denen der Prophet doch Abstinenz vom Alkohol verordnet hatte.
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Hirschfeld beobachtet besorgt den Niedergang des türkisch-osmanischen Reiches. Bei einem Gespräch mit den Ältesten eines Ortes im anatolischen Norden notiert er: „Ruhig besprachen sie mit uns gewisse Ursachen des physischen Niederganges ihrer Nation, besonders der oberen Schichten; von den drei Faktoren, die ich nannte: Übermaß im Genuß von Schnaps, Tabak und schwerem Essen erkannten sie an, setzten aber ohne weiteres von selber hinzu, und ‚die Frauen‘.“ So so …🙂 …! Bei der anschließenden Mahlzeit leert der Ortsvorsteher „ganz beiläufig dreizehn Gläser Mastixschnaps“
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Hirschfeld: „Die Trunksucht hat unter den Türken ganz hoffnungslose Dimensionen angenommen …“, sogar bei einem „tüchtigen brauchbaren Türken“, der „am Abend ganze Flaschen Branntwein leert, als hätte er die Pflicht, die Verzweiflung über den Ruin eines ganzen Volkes zu ertränken.
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Allerdings hält sich Hirschfeld lieber privat bei den Türken auf, als bei professionellen christlichen Gastwirten. Die sollten „möglichst vermieden werden“.
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Aber den anatolischen Griechen sagt Hirschfeld eine große gesellschaftliche Zukunft voraus. Vom Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei ein paar Jahrzehnte später wußte er ja noch nichts:
„Versprengte Europäer, oft Abenteurer schlimmster Art findet der Reisende nur in den größeren Orten des Innern; und auch da haben sich uralte Gemeinden von Griechen erhalten, die aber ihre Sprache längst vergessen haben und nur die ihrer Eroberer verstehen; nur die griechischen Buchstaben kennen sie, und es giebt Gebetbücher für sie, welche in türkischer Sprache, aber mit griechischen Lettern in Konstantinopel gedruckt sind. Doch die neue Generation, die Kinder lernen griechisch, die Knaben, um später an die Küsten und weiter zu ziehen, wo es mehr zu verdienen gebe; aber auch das künftige Geschlecht der Mütter wird griechisch reden, und da liegt ein Symptom eines neu erwachenden Lebens, einer Veränderung der jetzigen Landesphysiognomie.“
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Der Archäologe Gustav Hirschfeld (1847-1895) ist besonders durch seine Ausgrabungen in Olympia bekannt. 1875-1877 war er dort Grabungsleiter. Er reiste kreuz und quer durch Kleinasien und Griechenland, sprach sowohl griechisch wie türkisch. Der Text des Buchs „Aus dem Orient“ wurde 1897 seinen Aufzeichnungen in seinem Nachlaß entnommen.
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Gustav Hirschfeld Orient
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Siehe auch:  http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/hirschfeld-gustav-2/
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