Agios Efstratios, 1904

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Carl Fredrich, Kastro (Mirina), Limnos, 30.04.1904: “So zogen wir über holpriges Pflaster eine lange dunkle Gasse lang, bogen nach links in eine noch engere und standen endlich vor einer Art Scheunentor. Nach längerem Poltern erschien ein nicht älterer, nicht übermäßig sauberer Mann, schloß auf, und wir kletterten eine Holzstiege ohne Geländer empor und waren in dem letzten Gasthaus, das ich für zwei Monate sehen sollte. Sonst ist man auf Lemnos, auf Imbros und Samothrake noch immer auf Gastfreundschaft angewiesen.
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Nach Kastro (Mirina) kommen wohl noch öfter Menschen, die keine Gastfreunde haben, Viehhändler, Kaufleute, Buchhändler, Reisende mit Singerschen Nähmaschinen. Offenbar war lange keiner hier eingekehrt, die schwere dumpfe Luft wollte auch lange nicht weichen, nachdem die morschen Fensterflügel aufgeflogen und dabei teilweise abgerissen waren. Der Europäer bekam ein besonderes Zimmer, in dem zwei Betten standen, denen er sich scheu fernhielt; sonst hausten die Gäste in dem großen Vorraum; eine Waschschüssel, ein Handtuch dient allen; die Betten sind vielleicht durch Vorhänge getrennt.
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Zu essen pflegt sonst der Gast aus einer Garküche; einen Kaffee oder einen Schnaps trinkt er wohl in dem Cafe desselben Wirtes, das diesem mehr einbringt als das häufig leere Gasthaus. Der Wein wird auf den Inseln nicht mit Harz versetzt, ist aber meist zu stark. Die wenigen in Smyrna gekauften Konserven wurden nicht einmal verbraucht; man lebt am gesundesten, wenn man sich der Lebensweise des Landes anpaßt”
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Sind Sie im Frühjahr mal mit der ersten Direktfähre des Jahres aus Piräus auf eine Insel gekommen? Die frisch geweißte Zimmerwand hat noch keine zerquetschten Mückenleichen an der Wand? Die Taverne hat noch gar keine gedruckte Speisekarte für die Saison? Es gibt noch keinen Busfahrplan, und er fährt noch nach dem Zeitplan der Schulkinder?
Mehr touristische “Pioniererlebnisse” sind uns heutzutage in Griechenland ja nicht geblieben.
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War das nicht aufregender, pionierhafter, als man noch – so weit man überhaupt in die Geschichte zurückblicken konnte – der allererste Nordeuropäer auf solchen Plätzen in der Ägäis war?
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Hier zum Beispiel, 1904, auf Agios Efstratios. Carl Fredrich aus Stettin war wirklich der erste “europäische Besucher”. Die Schulkinder singen zum Abschied am Ufer die Nationalhymne, als das Boot mit ihm wieder ablegt: “Auch für die Insulaner war es eine seltene Zeit – die Kinder würden noch von ihr reden, sagte man: Der erste Erzbischof seit längerer Zeit, der erste Europäer, und wenige Tage später berührte zum ersten Mal seit Menschengedenken der Regierungspräsident auf der Fahrt nach Lemnos die Insel.”
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Auf den überwiegend griechisch besiedelten, aber noch zum Osmanischen Reich gehörenden großen Inseln der Nordägäis (Thassos, Limnos, Imbros, Samothrake) war kaum ein Ausländer unterwegs im 19. Jahrhundert. Außer Franz von Löher (um 1870) und Alexander Conze (um 1850). Aber offensichtlich besuchte niemand Agios Efstratios. Und auch heute kommt da nur selten jemand hin.
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Doch Fredrich hatte das Glück. Er ist im Auftrag der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin mit einem offiziellen Reisepaß unterwegs. Kaum, daß er in Limnos angekommen ist, hört er, daß der Erzbischof von Limnos die Nachbarinsel Agios Efstratios besuchen will. Das tut der Bischof nur widerwillig. Eigentlich nur, wenn er mit der Autorität seines Amtes sicherstellen will, daß die Kirchenabgaben der Insel in voller Höhe abgeführt werden …
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Lästigerweise muß er mit der Autorität seines Amtes dann auch noch als Friedensrichter tätig werden. Da muß er Weltbewegendes entscheiden, etwa, wie groß eine Tür im Schulneubau sein muß. Aber dafür wird er vor Ort auch mit soviel unterwürfiger Ehrerbietung behandelt, daß es seinem Zufallsbegleiter Fredrich schon peinlich ist, hinzuschauen.
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Der Erzbischof und seine Begleitung benutzen einen einmastigen Holzfrachter, der Holz vom Athos zur Insel bringt, das dort für den Schulbau gebraucht wird. Die Überfahrt dauert sechs Stunden, Ankunft 22 Uhr abends. Es gibt keine Anlegemöglichkeit für größere Schiffe auf Agios Efstratios, das Kaik ankert draußen: “Auf der Insel wußte niemand von unserem Kommen. Es verging eine Stunde, bis sich jemand an uns heran wagte. Die Leute hatten uns für Seediebe gehalten, die von Zeit zu Zeit von den griechischen Sporaden oder der thrakischen Küste her kommen, Schafe stehlen und wieder verschwinden.” Es geht mit dem Ruderboot durch die nächtliche Brandung an Land. Fredrich zieht in eine winzige Kammer, wo er unter den neugierigen Blicken der Nachbarn auf dem Balkon seine Morgentoilette durchführt, mit “eher schmutzig machenden Handtüchern”.
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“Das Dorf zeigt den Typus griechischer Inseldörfer; man sieht es besser von außen als von innen an.Vom Strande, wo eine kleine Einbuchtung als Hafen dient, ziehen sich die Häuser und Hütten den Hang soweit empor, daß der Nordwind sie nicht allzu scharf packen kann. Die Mauern tragen gewöhnlich keinen Verputz oder Anstrich. Aus dem oberen Stockwerk springen gewöhnlich erschreckend leicht gebaute Balkone und Galerien vor, wie denn alles Holzwerk bei dem Baummangel sehr schwach ist.” Fredrich nimmt das um 1540 gegründete “neue” Dorf nur beiläufig zur Kenntnis, er ist bald mit Hilfe der lokalen Offiziellen auf der Insel unterwegs, wo er nach antiken Überresten sucht. Allerdings weitgehend vergeblich. Zähnefletschende Hirtenhunde findet er, und hinter schützenden Mauern Feigen, Nußbäume, Rosen, Mandeln, Maulbeeren, sogar Wein und Zitronen.
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“Wir wohnten bei Papas Georgios; er war von hohem Wuchs und Aussehen und eine echt griechische Priestergestalt, aber auch darin, daß er vor allem auf sein eigenes Wohl bedacht war.” Dessen Namenstag ist zufällig auch zu feiern. Das ist gleich ein offizieller Feiertag mit Tanz und Gesang: “Verständige Leute sehen die volkswirtschaftliche Schädlichkeit der zahllose Festtage ein, aber man feiert sie weiter, klagt über sein Elend und sucht es zu vergessen.”
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Rational in ‘Produktivität’ zu denken, ist eben nicht Inselsache. ‘Feiern’ und Heiligengedenken hilft auf der Insel gegen die Langeweile und sorgt für die Konformität: “Die Gegensätze zwischen arm und reich sind sogar hier stark, aber reich ist auf einer solchen Insel schon, wer überhaupt etwas besitzt. Die Höhen sind so kahl, daß Ziegen und Schafe nur in geringer Zahl Nahrung finden.”
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Die Insel ist ausschließlich griechisch besiedelt und wird von der türkischen Regierung praktisch ignoriert. Es gibt 4 türkische Beamte und 4 griechische Polizisten. “Hagiostrati ist ja griechisch und hat unter 1300 Bewohnern nur vier Türken. Der höchste Beamte (Müdüris) war ein einäugiger kleiner Türke, der noch jeden Namenszug des Sultans küßte, von mir ein Zeugnis über gute Führung zu haben wünschte und vom Griechischen wenig mehr als das oft gebrauchte ‘ich danke’ kannte.” Es gibt jedoch eine sehr aktive (private) griechische Schule auf der Insel: “Einen Medschid (3,60 Mark) zahlen die Ärmsten an Schulgeld jährlich, die Reichen mehr. Der altangeborene Bildungstrieb der Griechen läßt sich auch auf der ärmlichsten, weltentlegensten Insel nicht ersticken; die (osmanische) Regierung tut natürlich für das Schulwesen noch weniger als nichts.”
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Wenigstens profitiert Fredrich davon, daß die Reisegesellschaft des Erzbischofs gebührend bewirtet wird: “Überhaupt aß ich als Tischgenosse des behäbigen Kirchenfürsten nicht schlecht. Hier ein Menü: Suppe, Salat, gekochtes Fleisch, Sardellen, Pilaw, gekochte Saubohnen, Käse und dazu Wasser und Brot. Gekochte oder gebratene Fische, Langusten, Eier, dicke Milch standen sonst noch auf dem Küchenzettel. Davon waren Fleisch und Eier etwas Besonderes; Fische und Saubohnen sind die gewöhnliche Nahrung.”

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Carl Fredrich (1871-1930), Historiker, Archäologe und Gymnasiallehrer, Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts, war im Jahre 1904 im Auftrag der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin in der Nördlichen Ägäis unterwegs. Seit 1910 war der Direktor des Marienstiftsgymnasiums in Stettin Professor an der Königlichen Akademie in Posen.
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Vor den Dardanellen, auf altgriechischen Inseln und auf dem Athos
Verlag der Weidmannschen Buchhandlung, Berlin 1915
Fotos: Carl Fredrich
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Die Insel Agios Efstratios ist auch heute noch eine der unbekannten Inseln der Ägäis. (Meine Reisen haben mich da auch noch nicht hingeführt.) Nur noch 370 Einwohner teilen sich die 43 kahlen Quadratkilometer. Im Februar 1968 zerstörte ein schweres Erdbeben den Hauptort der Insel fast völlig. Während der Juntadiktatur wurde die Insel als Verbannungsort genutzt. Auch der Komponist Mikis Theodorakis mußte zeitweise hier leben.
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Agios Efstratios gilt inzwischen als “grüne Insel”, weil sie (seit 2010) die hier verbrauchte Energie komplett aus lokalen Wind- und Solaranlagen erzeugen wollte (nach einem entsprechenden Nachweis habe ich nicht gesucht). Die im Natura 2000 Programm der EU geschützte Insel ist von Kavala und Limnos erreichbar.
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4 comments

  1. Finde gerade einen Foto/Textband über Limnos und Agios Efstratios (Das ist keine Empfehlung, ich hab das Buch noch nicht in der Hand gehabt):
    “LIMNOS – Images of of life from Limnos and Aghios Efstratios”
    von Pantelis Pravlis; 2003, Ellenika Grammata Editions (ca. 30 – 35 Euro)
    Text: griechisch/englisch/italienisch
    Über die ISBN: 9604065092 finden Sie im Internet verschiedene Anbieter.
    Theo

  2. “Die im Natura 2000 Programm der EU geschützte Insel ist von Kavala und Limnos erreichbar.”

    Und von Lavrio aus….

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