Mark Twain in Athen 1867

1867 ist der noch unbekannte Samuel Clemens (Mark Twain) (1835-1910) auf einer organisierten Europa-Ägypten-Palästina-Kreuzfahrt, und verfaßt satirisch-humorvolle Reiseberichte für amerikanische Zeitungen. (Ja, Kreuzfahrt-Touristen waren auch damals schon mal komisch …) 1869 wird daraus das Buch The Innocents Abroad (Die Arglosen im Ausland), mit 234 Zeichnungen von True W. Williams.

65 Passagiere waren an Bord, 1250 $ Reisefixkosten waren pro Person bezahlt und 5 $ Tagesausgaben waren von der Reiseleitung vorausgesagt. Das war damals sehr viel Geld. (Zum Vergleich: Eine Milchkuh kostete damals im amerikanischen Osten etwa 30 $ …)

Twain hatte Schlimmes befürchtet, was er in der Gesellschaft von superreichen kosmopolitischen Snobs ertragen müßte: The Old Travelers’ central idea is to subjugate you, keep you down, make you feel insignificant and humble in the blaze of their cosmopolitan glory! They will not let you know anything. They sneer at your most inoffensive suggestions; they laugh unfeelingly at your treasured dreams of foreign lands; they brand the statements of your traveled aunts and uncles as the stupidest absurdities …”

screenshot105-224.jpg     Mark Twain auf See

Aber es fehlte ihm selbst ja nicht an Weltweisheit, und er hatte insgesamt sehr viel Spaß …

Irgendwann steuert ihr Schiff Athen an, aber sie werden überraschend zurückgewiesen. Sie müßten elf Tage in Quarantäne bleiben, bevor sie an Land zu dürften: “Bad news came. The commandant of the Piraeus came in his boat, and said we must either depart or get outside the harbour and remain imprisoned in our ship, under rigid quarantine, for eleven days! … It was the bitterest disappointment we had yet experienced. To lie a whole day in sight of the Acropolis, and yet be obliged to go away without seeing Athens!”

Der Kapitän beschließt, schon am nächsten Tag nach Konstantinopel weiter zu fahren. Das weckt Twains Abenteuerlust. Um elf Uhr nachts landen er und drei weitere Passagiere in einem kleinen Boot an einer stillen Stelle der Küste. Sechs Monate Strafe könnten darauf stehen, falls sie unterwegs erwischt würden. Sie schaffen es, unauffällig an Piraeus (das damals noch ein Dorf war) vorbei zu kommen, dann wird es schwieriger. Das Gelände zwischen Piraeus und Athen war damals noch von Wein- und Olivenfeldern bedeckt: “… we woke up dogs enough, in all conscience – we always had one or two barking at our heels, and several times we had as many as ten and twelve at once.”

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Baedeker 1872: Zwischen Piraeus und Athen ist es noch grün und leer …

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Dodwell, frühes 19. Jahrhundert: Blick über den Illissos zur Akropolis

Ein Uhr nachts ist vorbei, ein strammer Fußweg liegt hinter ihnen, sie stehen vor einer fast drei Meter hohen Mauer vor der Akropolis. Der erste der vier Wanderer klettert hinauf. Er wird gehört. Die Wache ist alarmiert: “Xerxes took that mighty citadel 480 years before Christ, when his five millions of soldiers and campfollowers followed him to Greece, and if we four Americans could have remained unmolested five minutes longer, we would have taken it too. The garrison had turned out – four Greeks. We clamored at the gate, and they admitted us. (Bribery and corruption.)”

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Die Propyläen, 1836 (Pouqueville “Griechenland”)

Nach Bestechung der Wachleute gehört ihnen der nächtlich-stille Burgberg allein. Twain ist hingerissen, nicht nur von den antiken Resten im Mondlicht: “The full moon was riding high in the cloudless heavens now. We looked down – a vision! Athens by moonlight! We saw no semblance of street, but every house, every window, every clinging vine, every projection, was as distinctly marked as if the time was noonday …”

Um vier Uhr morgens müssen sie zurück, wieder zu Fuß, durch die Weingärten! Sie klauen sich einen Frühstücksvorrat, wecken dabei die (bewaffneten) Feldwächter und werden nun bis Piraeus ständig beobachtet und verfolgt: “Every field on that long route was watched by an armed sentinel, some of whom had fallen asleep, no doubt, but were on hand, nevertheless. This shows what sort of a country modern Attica is – a community of questionable characters. These men were not there to guard their possessions against strangers, but against each other; for strangers seldom visit Athens and the Piraeus, and when they do, they go in daylight, and can buy all the grapes they want for a trifle.”

Bei Sonnenaufgang, verfolgt “von 1500 Hunden“, erreichen sie die Küste, und alarmieren fast noch ein Polizeiboot, während sie nach ihrem Boot pfeifen, das draußen auf dem Meer auf sie wartet.

An Bord erfahrt Twain: Zwei weitere Passagiere hatten es in der selben Nacht ebenfalls nach Athen geschafft. Sie waren dreist genug, in Piraeus eine Kutsche zu mieten. Und niemand hatte sie aufgehalten …

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Das umfassendste Handbuch für Orientreisende wie Mark Twain, jedoch ein bißchen zu umfangreich für die Jackentasche: Itinéraire De L’Orient (von Adolphe Joanne und Emile Isambert, Hachette/Paris 1861; 1104 Seiten über Malta, Griechenland, die Türkei in Europa und in Asien, Syrien, Palästina, Nordarabien, Sinai und Ägypten)
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