Olymp, 1. Besteigung 1913

Fred Boissonnas, 1913: Der Pantheon des Olymp (2917 m)
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“Obwohl Salonik in der Luftlinie nur etwa achtzig Kilometer entfernt ist, bildet das Olympgebirge doch ein Gebiet, das ‘unbekannter als die meisten Gegenden Zentralafrikas’ ist. Gasthäuser in unserem Sinne gibt es dort nicht, die Straßen sind sehr schlecht, Wege sind nicht gebahnt, sondern nur ausgetreten, ferner erteilt die türkische Regierung sehr ungern die Erlaubnis zum Betreten des fern vom Verkehr liegenden Gebietes. Am meisten verhindert aber die große Unsicherheit den Besuch. Ist doch das Olympgebirge das berüchtigste Räubernest Europas.” Edwart Richter, 1911
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Die Gegend fiel damals also “aus der Welt” … und der erste, der belegbar den Gipfel des Olymp bestiegen hatte, war am 02.08.1913 der Schweizer Fotograf Fred Boissonnas, mit seinem Freund Daniel Baud-Boy und dem Hirten und Gemsenjäger Christos Kakalos.
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Jedoch waren sie wohl nicht wirklich die ersten. “Die Besteigung (des Olymp) bietet keine Schwierigkeiten und ist öfters unternommen worden. schreibt 1888 Meyers Reisebuch “Türkei und Griechenland”. (Das ist jedoch in etwa alles, was die Reisebücher von Baedeker, Meyers oder Murray’s aus der Zeit von 1880 bis 1910 über die Gegend zu sagen haben.)
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HIER finden Sie die erste von 10 FRED BOISSONNAS-Seiten!
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Die Griechen zog es damals nicht freiwillig hinauf auf große Höhen, und schon gar nicht, wenn dort Schnee lag. Boissonnas war von Sir Douglas Freshfield von der “Royal Geographical Society” vor der Besteigung gewarnt worden: “Was die Entwicklung des Bergsports in Griechenland anbelangt, so ist alles noch zu tun. Die Bewohner haben absolut kein Verständnis für die Berge.”
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Fred Boissonnas: Die steinernen “Gendarmen” am Gipfel, 1913
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Boissonnas fand im Sommer 1913 Christos Kakalos, der sich als Jäger im Olympgebiet hervorragend auskannte. Kakalos war auch der einzige der griechischen Hilfskräfte, der sich an der Kletterei zum Gipfel beteiligte. Die Träger hatten weit vor dem Ende der Strecke abgelehnt, noch höher zu steigen. Und Kakalos selbst war keinesfalls bereit, irgendetwas anderes zu tragen als sein Gewehr (oder die Jagdbeute), nicht einmal das Tragen einer Tasche mit Kamera-Ausrüstung akzeptierte er.
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Christos Kakalos, mit erlegter Gemse, 1913
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Bei der zweiten Besteigung (1919) nahm Alpenvereinsmitglied Boissonnas den Hirten Kakalos auch nicht mehr mit. Boissonnas steigt mit seinem Sohn Henri und David Baud-Bovy alleine zum Gipfel, und sie tragen Ausrüstung und Kameras selbst. (Boissonnas fotografierte gewöhnlich mit einer schweren Glasnegativkamera!)
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Boissonnas über die Tour von 1913: “Wir mussten die Gräte und den großen Gipfel ohne Träger bezwingen. Sie wollten nicht weiter gehen als über den für die Maultiere noch zugänglichen runden Bergrücken des Skolion. Zitternd vor Angst warfen sie sich auf die Knie und beteten die “Panagia”, so lange sie uns über den schwindelnden Hängen klettern sahen (…). Bei alledem handelte es sich um wetterfeste Bergleute, die keinesfalls sentimental veranlagt waren; einer von ihnen war doch sogar Mitglied jener Bande gewesen, die im Jahre 1911 die türkischen Polizisten des Ingenieurs Richter aus dem Hinterhalt bei Kokkimoplos (Kokkinopilos) überfallen und niedergemacht hatte.”
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HIER finden Sie die Seite über die Entführung und die Klephten!
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Boissonnas räumt ein, daß die Schweizer Bergbewohner im 18. Jahrhundert auch so gehandelt hatten, als die ersten verwegenen Bergsteiger (meist aus England) anrückten. Doch bereits im September 1927 besteigt eine erste griechisch-internationale Gruppenexpedition den Olymp. In der Gruppe sind zehn junge Frauen.
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Teil der Bergsteigergruppe 1927
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Alpenklubmitglied (und nebenbei Werbefotograf für Suchard und Nestle) Boissonnas ist ein umtriebiger Mensch. Er, der im bitterarmen Gebiet am Olymp außer Jagd, Hirtentum und ein wenig Holzwirtschaft keinerlei Industrie gefunden hatte, denkt im Jahre 1928 schon an die Perspektiven des Tourismus.
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Nebenbei spekuliert er (als Schweizer) über den Wintersport: Er hatte sich gewundert, daß auf den Hochtälern des Olymp ganze Waldstreifen in etwa drei Metern Höhe vom Boden aus (!) abgeholzt worden waren … das wurde im Winter getan, wenn der Schnee in den Wäldern sehr hoch lag, erfuhr er. Die Bäume wurden dann in Hüfthöhe von den auf dem Schnee stehenden Waldarbeitern einfach abgesägt. Die abgesägten Stammteile wurden dann geglättet und über den festen Schnee der Hänge ins Tal geschleift. Wie über Schneepisten! Das lud doch den Skifahrer geradezu ein!
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Boissonnas: Herde am Olymp, 1921
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Boissonnas hat im Auge, daß bald an der Küste die Bahnlinie Athen-Thessaloniki entlanggeht, und er fordert für den Olymp etwas revolutionäres … die Einrichtung eines Nationalparks. Boissonnas sieht Sommer- und Winterkurorte, mit Hotels (die nicht “landesfremd” sein dürften) und einen Golfplatz im Tal. Vielleicht sogar einen Flugplatz! Er hatte früher vehement gegen den geplanten Bau einer Drahtseilbahn auf das Matterhorn protestiert … aber hier am Olymp kann er sich so eine Bahn gut vorstellen. (Im Jahre 1928 ist er 70 geworden … und fühlt sich “milder gestimmt”, was Bequemlichkeit angeht.) Die Bahn soll über die Südhänge zum Gipfel gehen, wo sie im Gelände gut getarnt werden kann, der schöne Weg von Lithochoro hinauf zu der Halbkreiskette der Gipfel soll den Fußgängern und Maultieren vorbehalten bleiben. Und der Olymp “darf unter keinen Umständen eine Spielhölle beherbergen!” Aha …
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Das Boissonnas-Camp im Tal bei Ag. Dionysos, Prionia, 1913
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Den Nationalpark Olymp gibt es heute tatsächlich, er ist jedoch sehr viel kleiner, als Boissonnas gedacht hatte. Nach seiner Idee sollte der Park vom Tempe-Tal bis hinauf nach Dion gehen, und die gesamte Küstenebene … die “olympische Riviera” … miteinschließen. Das würde besonders den Griechen nutzen, die sich die Reise zu den Kurorten an der “richtigen” Riviera nicht leisten könnten. Boissonnas stellt fest, daß Griechenland inzwischen aus den Fehlern (!) und Lehren des Tourismus im westlichen Europa lernen könne, und “… es erübrigt sich, auf die ökonomischen Vorteile eines solchen Projekts hinzuweisen.”
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Mitikas, Olymp, 1913
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An den Hirten Kakalos … der 1913 noch die Meinung vertreten hatte, auf den Mitikas käme nur der Adler, und niemals der Mensch … erinnert heute der Name einer der Berghütten am Olymp. Kakalos wurde durch die Besteigung zu einem Lokalhelden.
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Literatur:
Die Olymp-Besteigung von 1913 ist in “La Grèce Immortelle” von Baud-Bovy beschrieben, erschienen 1919 in Genf. Die Gruppen-Expedition wurde vom 04.-27.10.1927 im Figaro beschrieben, unter dem Titel: “Sur l’Olympe à la recherche des dieux”. Boissonnas-Zitate und Fotos aus “Der Tourismus in Griechenland”, Texte und Fotos Fred Boissonnas, Paul Trembley-Verlag/Genf, 1930.
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