Markaris Quer durch Athen

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Ich muß gestehen, daß ich ich einige von Petros Markaris’ Büchern gelesen habe, aber das doch des öfteren mit gemischten Gefühlen. Ich bin auch kein Krimi-Fan, darum. Ich bin rein zufällig auf sein letztes Werk gestoßen, in dem er der Metro-Linie von Piräus nach Kifissia folgt und den Leser an jeder Station quasi “aussteigen läßt” und ihm ein paar Zeilen über die unmittelbare Umgebung erzählt, in freiem Plauderton.
(Obwohl ein Leser bei einem bekannten Internet-Versandhändler schon schrieb, diese Plauderei sei nur oberflächliches Geschwätz …)
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Ich bin selber vor nicht allzu langer Zeit mal von Piräus nach Kifisia gefahren und zurück, weil mich Athen an dem Tag einfach NERVTE. Die Tour hat mich beruhigt, ich habe in Kifisia eine nette Taverne gefunden (Quatsch, da gibt es keine Tavernen … also ein nett-nobles Restaurant, nicht teurer als mitten in München oder Düsseldorf!), und bin erst auf dem Rückweg wieder unruhig geworden, als die Frau, die ab Maroussi neben mir saß, ununterbrochen telefonierte und mir mit der freien Hand vor der Nase herumfuchtelte. So lange, bis ich aufgestanden bin und die Tour stehend fortgesetzt habe. Sie telefonierte auf dem Bahnsteig in Piräus immer noch …
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Die Fahrt dauert so eine Stunde. Gefühlt unter Umständen länger … und draußen zieht der Beton vorbei. Beton, Beton, Beton, Glas, Aluminium, Beton, Graffiti, Beton. Ein einsamer Olivenbaum, Beton, tausend falschgeparkte Autos, Beton.
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Und Markaris könnte den Text seines Buches wahrscheinlich auch ganz charmant in einer Stunde erzählen, unterwegs, wenn er neben Ihnen sitzt. Dann sehen Sie nicht nur Beton!
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Also … wenn Sie Athen nicht immer ganz furchtbar finden (so wie ich), und Ihnen 14,90 für das kurze Lesevergnügen nicht zu viel ist, kaufen Sie das Buch. Aber ärgern Sie sich nicht, daß Sie allzu oft leider nicht sagen können: “Möönsch, Petros, interessant, jetzt erzähl aber mal richtig … hier im Allerwelts-Piräus gab’s früher mal ‘schlecht beleumundete Bars’? Ich dachte, das hätt’s nur im Kino gegeben!”
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Und was die Antiquariate angeht (Station Monastiraki) … Petros Markaris, auf dem Flohmarkt um die Ifaistou gab’s auch vor 25 Jahren nur Schrott. Und die ‘edlen’ Athener Altbuchläden (nicht am Monastiraki) hatten damals schon Preise wie in London.
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Direkt neben der japanischen ‘Noodle Bar’, das “Bavaria Bistro & Delicatessen” von Kifisia. Ja, Kifisia, geprägt durch bayrisch-griechische Könige und bayrische Gewohnheiten (siehe unten) …🙂 …
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Die Reise durch Athen endet im bergigen Norden Athens, im edlen Kifisia, wo die königliche Familie Griechenlands früher ihr Landhaus besaß: Tatoi. Das inzwischen staatlich konfiszierte Anwesen Tatoi ist auch für Markaris ein Themenschwerpunkt in seinem letzten Kapitel.
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Hier, auf Seite 170: “Georgios I. gestaltete das Anwesen von Grund auf neu und ließ einen Wald mit Pflanzenarten aus dem gesamten Mittelmeerraum anlegen. (…) Da der König aus Bayern (!) stammte, war seine Vorliebe für den Wald nur allzu verständlich. Vielleicht hätte er sich auch noch überreden lassen, an einen See zu ziehen, aber das Meer (!) war ihm nun wirklich fremd.”
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Das ist hart, Kyrios Markaris. Und die Fehler merkt weder das Lektorat des Diogenes Verlages, des Hanser Verlages noch die Übersetzerin Michaela Prinzinger.
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Das schreibt wikipedia über König Georgios: “Georg I. war der zweite Sohn von Christian IX. von Dänemark … (!) Er begann eine Ausbildung bei der dänischen Marine (!). Am 30. März 1863 wurde er zum König von Griechenland gewählt.”
(Stand 18.01.2011) Merkwürdig, sowas hätte ich auch gedacht …🙂 …
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Na, was die Fakten angeht, nimmt es Markaris ohnehin nicht so genau. Bei ihm gehen vom Zea-Hafen (!) immer noch die Tragflügelboote zu den Inseln des Saronischen Golfes … oh je, Wochenend-Ausflüge macht unser Athener Goethe-Spezialist wohl seit gut zehn Jahren auch nicht mehr …
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QUER DURCH ATHEN
Eine Reise von Piräus nach Kifisia
Petros Markaris
Hanser Verlag München 2010
14,90 Euro
ISBN 978-3-446-23560-1
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11 comments

  1. Ja, Marga, je länger ich über das Buch nachdenke, desto weniger könnte ich es empfehlen. Vielleicht ist die IDEE zum Buch ja ganz witzig, aber … wenn man das mal an einem anderen/eigenen Beispiel nachzuvollziehen versucht:

    Nehmen wir mal an, ich könnte sowas über die S6 zwischen Essen und Düsseldorf schreiben (Fahrtzeit 1 Stunde), abwechslungsreiche Strecke, die ich “seit ewigen Jahren” befahre, aber selbst da gibt es drei oder vier Stationen, wo ich noch nie ausgestiegen bin. Wäre eben gegen alle Erwartungen gar nicht leicht zu schreiben …

    Markaris (wenn er überhaupt noch öffentliche Verkehrsmittel nutzt) wird es auf der ISAP nicht anders gehen. Und an vielen Stationen weicht er auch aus, ist plötzlich weit weg von der Bahnstrecke, wird vage und läßt Dinge aus, die in Vororten wie Petralona oder Thiseio doch wichtig erscheinen, weicht aus in die Vergangenheit, ohne daß der Rückblick dem Leser was wirklich Nötiges für die Gegenwart vermittelt.

    Ich hätte gerne mehr über Kallithea, Nea Ionia und Irakleio erfahren, aber da war nicht so viel. (Viertel, die etwas grüner und gelassener erscheinen als der Rest von Athen.) Vielleicht ist da ja auch nicht viel mehr, als der Zufallsbesucher auf den ersten Blick sieht … eben, vielleicht hätte man das Buch auch nicht schreiben sollen …

    Nebenbei, Marga: Was du über die Diskussion mit Markaris in Stuttgart (Waiting for the clouds) geschrieben hattest, könnte auch hier zutreffen. Markaris kriegt vielleicht manche Ideen einfach zugetragen … machen-Sie-das-doch-Athen-wer-denn-wenn-nicht-Sie? Und dann macht er das auch, obwohl es ihn nicht wirklich interessiert …

    Und noch ein anderes “nebenbei”: Ich hatte im letzten September nach 30 gelesenen Seiten geschrieben, wie spontan-fasziniert ich von Alexandros Stefanidis’ Buch ‘Beim Griechen’ war. Je länger ich das gelesen habe, desto größer wurde meine Enttäuschung. Vor ein paar Tagen schrieb Marliese über das Buch: “Der Schreibstil könnte besser sein, zumal Alexandros Journalist bei der Süddeutschen Zeitung ist …”
    Stimmt.

    Viele Dinge muß man wohl ein paar Mal überschlafen …🙂 …

  2. Beim ‘Griechen” von Alexandros Stefanidis ging es mir genau so wie Dir. Anfangs fand ich sehr witzig formuliert ( vielleicht auch nach dem ich ”Ich trinke Ouzo – was trinks Du so” – das einem schlechten Schulaufsatz gleichkommt gelesen hatte ),
    je weiter ich las um so mehr dachte ich….” das kann man nur aushalten und lesen, wenn man die Griechen liebt, so wie wir”, aber im Nachhinein fang ich: wenig Spannendes, wenig Sprachstil.
    Ein besserer Schulaufsatz…aber dafür zu lang.

  3. Nu kommt mal von eurem hohen Ross herunter:😉 Ich fand beide Bücher (Stefanidis und Bettermann) unterhaltsam zu lesen. Sprachlich und anspruchsmässig ist mir in den letzten Jahren wesentlich Grausameres untergekommen (ich denke mit Schrecken an die Ergüsse einer Frau über ihren Sprachurlaub auf S., oder die diversen kretaverklärenden Bücher, die einem die Schuhe ausziehen. Traurig, wenn für solche Nabelschauen Bäume sterben müssen….).

  4. Wenn man’s mit dem Allerallerschlimmsten vergleicht, dann bleibt ja immer noch Trost …🙂 … was “Ross” und Reiter angeht, bin übrigens auf einer Gedankenreise über Sikinos, die bei Richis Plänen anfing, zuerst bei dir auf deiner Oster-Reise gelandet, Katharina, dann bei GoogleBooks, habe da die “Reisen des Königs Otto und der Königinn Amalia” von Ludwig Roß (1848) gefunden (Beide Bände komplett als PDF). Sehr schönes Buch mit sehr viel “irrelevanter” Information = also genau was für mich. Wenn man das im Antiquariat finden würde, wäre es unbezahlbar!

  5. Die Griechenland Zeitung druckt gerade einen Serie mit Roß-Texten, die dann auch als Buch erscheinen soll.
    Ich krieg ja immer eher Husten bei so trockener Materie…🙂

  6. Du bist aber heute nicht mit dem Suchwort “bücherstaub allergie” hier gelandet …?
    Aber die “Inselreisen” sind doch dein Thema … ich glaub, der hatte mehr als du!

  7. In meiner Branche ist eine Bücherstaub-Allergie ein Ausschlusskriterium bei der Berufsunfähigkeitsversicherung… das Ableben nach einem allergischen Schock kommt vermutlich als zweite Todesursache direkt nach dem Sturz von der Leiter😉

  8. “Quer durch Athen” von Petros Markaris (“leicht überarbeitet und aktualisiert”, Die Zeit 22.08.2013) gibt es jetzt auch als Taschenbuch. Diogenes, 9,90 Euro.

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