Archiv 2: 2011 – Biomasse Disteln/Holz

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In Attika ist Holzauktion …

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Auf den Nutzen des Verfeuerns von Biomasse (siehe unten) scheinen in Griechenland immer mehr Leute zu kommen. Sie benutzen aber eine etwas festere Form von Biomasse … nicht Disteln, sondern Holz.
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Mir war es in den Randgebieten von Athen … nicht nur da, wo die Baumärkte sind … in letzter Zeit auch schon aufgefallen, daß immer mehr Holzhändler sauber gestapelt ihre Ware anbieten. Ekathimerini beschreibt jetzt einen guten Grund dafür, in einer Modellrechnung: Um einen Haus durch drei Monate Winter zu kriegen, braucht man Heizöl für 1000 Euro, aber das Gleiche erreicht man mit 1,5 Tonnen Feuerholz, für 260 Euro!
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Da in diesem Jahr das Heizöl auch wesentlich höher besteuert wird als im letzten Winter – die Regierung braucht Geld – kostet es 40% mehr als früher. In vielen Häusern wird die Heizung also auf das Nötigste abgedreht, und wer die Chance hat, sich einen Holzofen zu installieren, der tut das auch. Laut ekathimerini gibt es Öfen, die für 50 Quadratmeter ausreichen, schon ab 250 Euro. Costas Mitsionis, ein Ofenhändler aus Monastiraki, freut sich über eine 100prozentige Umsatzsteigerung …
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Nun ja, über Kohlendioxid- und Rußemissionen brauchen wir nicht zu reden (in Larissa, Volos und Thessaloniki wurden bereits zu Winteranfang höhere Smog-Werte gemessen) … und darüber, daß an einem einzigen Tag bei einer Razzia im grünen Pilion gleich fünf illegale Holzfäller-Teams hochgenommen wurden, auch nicht …
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Was die Waldbrände im Sommer nicht schaffen, legen wir per Kettensägen-Massaker im Winter für unsere Öfen um. (Stihl-Motorsägen gibt es ab 230 Euro.) Und das alles wegen der Euro-Krise …
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Ach, wo wir schon bei Bäumen sind … ich könnte noch was über diese Platanenkrankheit schreiben, die sich mittlerweile von Südfrankreich bis zur griechischen Adriaküste ausgebreitet hat … aber nein, das macht mich dann ganz depressiv.
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Wie “Unkraut” Probleme lösen könnte:

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Rhodos: Blühende wilde Artischocke (Cynara cardunculus) mit anfliegendem Kolibrischwärmer (Taubenschwanz / Macroglossum stellatarum)
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Der Ärger, den griechische Bauern jetzt vielleicht mit dem “Unkraut” in ihren Feldern haben, könnte sich ins Gegenteil umkehren. Die wilde Artischocke – nennen wir sie fortan “Distel” – könnte dazu beitragen, zwei ökologische Probleme, die Griechenland am Hals hat, zu lindern: Die Umweltbelastung durch die Braunkohleverbrennung in den Kraftwerken und den verschwenderischen Wasserverbrauch durch den Baumwollanbau in Thessalien.
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Im Jahr 2009 wurde im Braunkohlekraftwerk in Kardia/Kozani in Makedonien getestet, die Biomasse von getrockneten Disteln mit der Braunkohle vor der Verbrennung zu mischen. Es funktionierte, und die Rückstände des Verbrennungsprozesses waren weniger belastend als zuvor. Man staunte. 2010 wurden in dem Test-Ofen 1800 Tonnen getrocknete Disteln mitverfeuert. Der Anteil Biomasse betrug zunächst nur 10%. Die Bauern, die an dem Versuch mitarbeiteten, erhielten 51 Euro pro Tonne getrockneter Biomasse. Sie hatten auf 400 Hektar Land Disteln angebaut.
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Der Versuch wurde größtenteils aus Steuergeldern bezahlt, und leider in diesem Jahr (aus den bekannten übergeordneten Gründen …) wieder weitgehend zurückgefahren.
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Worüber die Experten der Universität von Thessalien die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn Disteln wären der ideale Ersatz für den enorm wasserverbrauchenden und auch enorm subventionierten Baumwoll-Anbau in Thessalien! Da außerdem die Wasserzufuhr über die neuen Rohrleitungen vom Acheloosfluß gerichtlich gestoppt ist, wäre eine so genügsame Pflanze wie die Cynara cardunculus geradezu der ideale Ersatz für die Bauern!
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Da die wilde Artischocke auch traditionell aus dem Mittelmeerraum stammt, wären diese Felder ohnehin ein Paradies für Insekten (siehe oben, wo sieht man schon mal sonst einen Kolibrischwärmer?). Der Naturkreislauf braucht Disteln, aber keine Baumwolle. Die Distel-Felder brauchen praktisch keine Pflege, die Pflanzen trocknen von selbst, werden am Ende des Sommers abgemäht, zu Ballen gepreßt und in die Kraftwerke gefahren, fertig. Während der Reifezeit haben sich noch ölhaltige Samen entwickelt. Der Preis pro Tonne Biomasse könnte bis zu 70 Euro betragen, schätzt man …

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OK, die wilde Artischocke ist teilweise eßbar (Blätter und Stiele), aber es würde kein wirklich wichtiges landwirtschaftliches Produkt vom Markt genommen (wie zum Beispiel in den USA, wo jetzt schon 40% der Mais-Ernte in die Benzinproduktion gehen). Es würde einfach voll ins System passen. Und vielleicht sähen die Felder in Thessalien im Frühsommer fast so romantisch aus wie die Lavendelfelder in Südfrankreich, fast …🙂 …
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Und auch für die wasserarmen Kykladeninseln wären die Disteln ein optimales Produkt.
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9 comments

  1. Das Argument kam, die Betreiber der Braunkohlekraftwerke suchten doch mit der Distel-Biomasse wohl nur eine Möglichkeit, ihren Dreckschleudern einen Öko-Anstrich zu geben. Damit weiterhin mit griechischer Braunkohle Strom erzeugt werden kann.
    Ob man nicht stattdessen die Felder in Thessalien mit Solarkraftwerken quasi „industrialisieren“ lassen könnte? Es sei den Griechen doch schon empfohlen worden „in Solarenergie zu investieren (und die Energie zu exportieren)“. Glauben Sie an so was? Woher sollen die griechischen Staatsbetriebe das Geld für die Investition nehmen? E.on und das RWE mal fragen? Und wie lange würde es dauern, bis man einen Effekt spüren würde? Distelfelder anlegen kann man schon morgen …

  2. Übrigens gibt es ab dem 01.01.2012 (zunächst auf 2012 befristet) eine Abgabe von 2 Euro pro Megawatt Strom, der aus Braunkohle erzeugt wird. Strom aus Braunkohle macht die Hälfte der Stromerzeugung in Griechenland aus – und es ist noch nicht klar, ob das auf die Verbraucherpreise umgelegt werden darf. Die Gesamtsumme aus dieser Abgabe wird für 2012 auf 55 Mio. Euro geschätzt und soll in die Entwicklung erneuerbarer Energie-Techniken investiert werden.

  3. Übrigens, die “Holz-Geschichte” hatten wir auch schon im vorigen Winter. Am 08.01.2011 schreibt Gerd Höhler in der WAZ unter dem Titel “Griechen holzen Wälder ab für den Kamin”:
    “Weil sich viele Familien wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage kein Heizöl mehr leisten können, ziehen die Männer mit Beil und Motorsäge in den nächstgelegenen Wald, um Brennholz zu holen.”
    Der Forstdirektor der Pieria (am Olymp), Evangelos Roupas, hat prinzipiell nichts dagegen, im Wald liege ja genug Unterholz und abgebrochenes Astwerk herum, aber “statt sich die Mühe zu machen, im Wald nach Holz zu suchen, fällen die Leute einfach die Bäume entlang der Wirtschaftswege und transportieren sie ab.”
    Auch das von den Forstämterm im Wald zum Trocknen gestapelte frisch geschlagene Holz (das später verkauft werden soll) verschwindet über Nacht. Das Forstamt hatte im Januar 2011 bereits 30 Fälle von “Holzwilderei” angezeigt.

  4. Na, das steigert sich ja immer weiter mit der Holzkrise … heute, am 02.01.2012 schreibt die WAZ unter der Titelzeile “Die Griechen holzen wertvolle Wälder ab“:
    Auf dem Lande ist der Heizölabsatz sogar um die Hälfte niedriger als im letzten Winter. (…) “Einige Wälder in unserer Region sind bereits zu einem Drittel abgeholzt“, sagt Giannis Dasmanis, der Vorsitzende der Forst-Genossenschaften der nordgriechischen Provinz Epirus: “Weil sie die Heizölpreise nicht mehr bezahlen können, beschaffen sich die Leute eine Kettensäge, gehen in die Berge und fällen wertvolle Bäume.”
    Seit Anfang Dezember habe das illegale Abholzen “epidemische Ausmaße” angenommen, meldet das griechische Umweltministerium.

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