Archiv 1: 15.04.2009 – 12.08.2009

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12.08.2009 – Athener Hotelbesitzer verklagt die Stadt
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In letzter Zeit fiel auf, daß in Griechenland-Foren die gestiegene Straßenkriminalität in Athen zum Thema geworden ist. Dabei war Athen früher eine der sichersten europäischen Millionenstädte. (Also man hat im letzten Mai auf der Rolltreppe an der Metro-Endstation in Piräus auch versucht, das Außenfach meiner Umhängetasche auszuräumen, nur war da nichts drin, was sich abzugreifen lohnte …)
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Inzwischen gab es schon Alarmmeldungen aus der Hotellerie Athens … die Umsätze seien in diesem Jahr um 25% gesunken (während Attika und Gesamtgriechenland nur ein Minus von etwa 15% zu verzeichnen hatten). Den Gästen sei es unter Junkies und Taschendieben im Athener Zentrum inzwischen zu ungemütlich, und die Tour-Veranstalter zögen daraus Konsequenzen und kündigten ihre Verträge.
(Nebenbei: Ich habe von Betroffenen gehört, daß in der deutschen Botschaft die Leute jeden Tag “Schlange stünden”, die Ausweisersatzpapiere brauchen.)
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Jetzt ist es jemand leid. Alexandros Arapakis, Hotelinhaber und Vizepräsident des Hotelbesitzer-Verbandes von Athen, beabsichtigt, die Stadt Athen und den griechischen Staat auf Schadenersatz zu verklagen. Er habe in den letzten 2 Jahren etwa 1 Million Euro Einkommen verloren, und der Grund sei die Verwahrlosung und Armutskriminalität der Stadt, erklärt sein Anwalt. Und die Inaktivität der Polizei im Zentrum – die weder was gegen Junkies noch gegen Obdachlose, illegale Hausbesetzer oder Taschendiebe unternehme – sei Schuld dran.
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In den letzten Tagen hat die Polizei allerdings demonstrativ angefangen, Hausbesetzer (meist illegale Immigranten) aus besetzten Häusern zu vertreiben. (Was wenig nutzt, in der Regel ziehen die Leute ein paar Straßen weiter in einen anderen Bau …) Außerdem soll das staatliche Methadon-Zentrum aus der City heraus verlegt werden.
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22.07.09 – Noch einmal Thema illegale Migranten
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Inzwischen hat die griechische Polizei angefangen, die provisorischen Wohnorte der Migranten zu räumen – zum Beispiel das frühere Gerichtsgebäude in Athen (Odos Socratous). Und im Innenministerium gibt es nun (noch ganz inoffiziell) 5 geplante Standorte für “Zentren” für papierlose Migranten:

In Rio (Golf von Korinth), am Evros (türkische Grenze), in Ritsona (Evia), in Aspropyrgos (Attika), in Keramoti (bei Kavala, Makedonien).
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Der Bürgermeister von Keramoti (Fährhafen nach Thassos), Grigoris Triantafylidis, äußerte sich dazu ganz knapp: “Das gibt Streit!” Es gibt auch bereits eine Bürgerrechtsbewegung gegen die “Konzentrationslager für Migranten und Flüchtlinge”.
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Der Bezirk Kavala wehrt sich zur Zeit auch noch gegen ein neues riesiges Braunkohlekraftwerk (geplant von der griechischen DEI mit RWE). Tendenz: Wenn die griechische Regierung was abschieben will, kommt es immer nach Kavala …
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07.07.2009 – In dieser “Ansichtssache” steht nicht nur meine Ansicht, sondern auch die Ansicht anderer Leute. (Und das folgende Thema ist ein gesamteuropäisches, und nur teilweise ein speziell griechisches):
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Jacques Barrot, EU-Kommissar für Freiheit, Sicherheit und Recht, macht sich Sorgen um die soziale Stabilität Griechenlands durch die steigende illegale Immigration. “Wir müssen dafür sorgen, daß die türkische Regierung stärkere Kontrollen ausübt … die Türkei muß uns helfen, gegen die Menschenschmuggler vorzugehen, die die Leute auf die risikoreiche Reise über die Grenze schicken.” Ein ebensolcher Druck müsse auf Pakistan ausgeübt werden. Repatriierungs-Programme mit den Staaten, aus denen die illegalen Immigranten stammen, sollten angestrebt werden. Die Aussagen wurden vom griechischen Innenminister Prokopis Pavlopoulos unterstützt.
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Die griechische Polizei weiß nicht mehr, wohin mit den festgenommenen Personen. Die Athener Polizei-Gefängnisse sind überfüllt. Auf 292 Plätzen halten sich im Durchschnitt 373 Festgenommene auf. In Attika wurden im Juni 4310 Personen verhaftet, davon 1551 wegen illegalem Aufenthalt. Auf dem Dodekanes-Inselchen Agathonissi leben zur Zeit weit mehr illegale Immigranten als Einwohner (150). Im Frühjahr 2009 kamen jeden Tag 40 Personen vom türkischen Festland dazu, meist aus asiatischen Staaten. (146.000 illegale Immigranten kamen 2008 insgesamt nach Griechenland, 112.000 im Vorjahr.)
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Nicht zufällig ist das Thema illegale Einwanderung gerade heute in den Medien aktuell, einer Zeit, in der LAOS, die griechische rechtsextreme Partei (die sich Hoffnung auf eine Regierungsbeteiligung macht), ihren Parteitag abhält.
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Die Tageszeitung Kathimerini hat gerade eine Umfrage zum Thema durchgeführt:
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93 % der Befragten glauben, daß Griechenland keine weiteren Immigranten mehr aufnehmen kann.
72 % glauben, daß die Einwanderungsgesetze nicht effektiv sind.
56 % glauben, daß Illegale in Lager gehören.
51 % glauben, daß Illegale der Wirtschaft schaden, 32% glauben, daß sie ihr nutzen.
75 % glauben, daß die Kriminalität durch Illegale wächst.
39 % glauben, daß Illegale den Griechen die Arbeit wegnehmen.
62 % glauben, daß die Einwanderung Griechenland “wahrscheinlich” insgesamt schadet.
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Schlußwort dazu von Jacques Barrot: “Ich möchte hinzufügen, dass wir außerdem gegen diejenigen vorgehen, die illegale Einwanderer unter inakzeptablen Bedingungen und mit viel zu geringen Gehältern einstellen. Man sollte jedoch vermeiden, dass der Populismus sich der allgemeinen Ängste bemächtigt und Europa zu einer Festung macht.”
Quelle für das Schlußwort: Interview Barrot zur EU-Einwanderung
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Zahlenangaben aus ekathimerini und kosisland.info.
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Noch ein Zufallsfund von heute zum europäischen Thema Asyl und Menschenhandel:
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25.06.2009 Ergänzung zu “Schlechte Zeiten …”
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Kostas Markopoulos, der griechische Tourismus-Minister, verbreitete in seiner letzten Pressekonferenz Hoffnung. Gemessene Zahlen für das Tourismusgeschäft gibt es allerdings erst für die Nebensaison: Zwischen Januar und Mai 2009 seien auf griechische Flughäfen 8,8% weniger Reisende angekommen als in der gleichen Zeit des Vorjahres. (Vergleichswerte: Spanien -12%, Kroatien -21%, Portugal -22%).
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Zielgebietsbezogen waren die griechischen Ankunftszahlen extrem unterschiedlich. Beispiele: Rhodos +26%, Santorini -70% und Mykonos – 45%.
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Nicht vergessen: Ankunftszahlen sagen noch wenig über die realisierten Einkünfte! Warten wir mal ab …
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17.06.09  Kein Geld für die Waldbrandsaison

Als vorgestern am Hymettus der erste größere Waldbrand der Saison im Großraum Athen ausbrach, wunderten sich die Bewohner von Ano Glyfada, einem gefährdeten Vorort der Hauptstadt, daß nur zwei Hubschrauber eingesetzt wurden, um das Feuer aus der Luft zu bekämpfen. (Das Feuer war auch gestern, bei Redaktionschluß der griechischen Tageszeitungen, noch nicht gelöscht.)

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Warum nur 2 Hubschrauber? Weil die griechische Regierung ihre Schulden bei den privaten Betreibern der Feuerwehrhubschrauberflotte vom letzten Jahr noch nicht bezahlt hat. Sie schuldet den Firmen Ericsson und Scorpion 29,2 Millionen Euro, hat aber erst 10 Millionen bezahlt, und das erst vor 2 Wochen.
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Folge: Statt der 13 möglichen Hubschrauber (wie im letzten Jahr) stehen nun nur 2 vertraglich zur Verfügung. Der erste der beiden Hubschrauber war allerdings schon fünf Minuten nach dem Feueralarm im Einsatz. Aber schließlich zog der Rauch auch Richtung Regierungsviertel …
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21.04.09  Sind schlechte Zeiten gute Zeiten für Reisende?

Neben der Schiffahrt ist der Tourismus die wichtigste Industrie Griechenlands. Beide Bereiche sind erheblich von der Wirtschaftskrise betroffen. Den wichtigsten Kunden fehlt nämlich das Geld: Bei den Touristen aus den USA (2008: 500.000) wird für 2009 ein Rückgang von 50 % prognostiziert, bei den Touristen aus Großbritannien (2008: 3 Mio.) ein Rückgang von 30 % (der Pfund-Kurs ist gegenüber dem Euro drastisch schlechter geworden), und auch aus Deutschland (2008: 2,3 Mio.) sollen 15 % weniger Besucher kommen.
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Allein der Rückgang bei diesen drei wichtigen Herkunftsländern soll ein Minus von 2 Millarden Euro in die griechischen Kassen bringen.
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Das hat Auswirkungen – besonders außerhalb der sommerlichen Hochsaison. Viele Hotels sollen im Mai noch geschlossen bleiben. Zu Ostern (gewöhnlich ein gutes Binnengeschäft mit griechischen Touristen) sollen die Hotelpreise im Schnitt um 20 % hinter dem Vorjahr geblieben sein (laut Auskunft des Verbandes der Hotelbesitzer). (Selbst dann wäre das in vielen Fällen immer noch zu teuer …) Und die Reservierungszahlen sollen trotzdem 20 % niedriger als im Vorjahr gewesen sein!
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Das Straßenverkehrsaufkommen über die Ostertage soll nicht geringer gewesen sein als sonst, aber viele Griechen besuchen ja ihre Familie und bringen dem Tourismusgewerbe keine Einkünfte.
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Ich habe stichprobenmäßig im Internet Preise mir bekannter Hotels überprüft, und ich habe (für die Vorsaison) dort keine Preissteigerungen gefunden (auf oft nicht unbedingt niedrigem Niveau). Ich war aber auch erstaunt, daß tatsächlich viele (besonders kleinere) Hotels und Pensionen im Mai noch geschlossen sind.
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Aber nicht alle Branchen im Tourismus wollen mit Preissenkungen den Markt retten. Die Kilometerpreise der Taxis werden im Laufe der nächsten 12 Monate um insgesamt 100 % gesteigert! Von jetzt 36 Cent auf 72 Cent. Die telefonische Anforderung eines Taxis soll in Zukunft bis zu 5,00 Euro kosten! Der Kilometerpreis ist auch bei 72 Cent immer noch wesentlich billiger als in Deutschland, aber den Preisanstieg wird man spüren.
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Zum Ausgleich sollen die Taxis in Zukunft auch im Athener Zentrum die Bus-Fahrspuren benutzen dürfen, und der Verband der Taxifahrer hat sich zu einer Freundlichkeitsoffensive verpflichtet, hört hört …
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Auch die letzte touristische Saison war schon ein Rückschritt, gemessen an den Besucherzahlen in Museen und archäologischen Stätten: 1,99 Mio. Menschen besuchten die Museen (minus 18,7 %), 6,2 Mio. interessierten sich für die archäologischen Stätten (minus 14,0 %).
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Die griechische Staats-Gesamtschulden sind jetzt schon (pro Kopf gemessen) die höchsten in der Euro-Zone, und das Haushalts-Defizit lag schon 2008 über der von der EU zugelassenen Grenze.
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Und was schließen wir daraus? Wir fahren auch dieses Jahr wieder hin, klar, freuen uns, daß es am Strand wieder etwas leerer ist, ärgern uns frühestens zu Hause über mögliche Enttäuschungen, und retten so auch noch den griechischen Staat vor dem Untergang.
🙂
Psychologisch wie finanziell gesehen, ist auch das ein Reiseerfolg …
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15.04.2009  Das Wasser und der Umweltminister
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Der griechische Minister für Raumplanung, Öffentliche Arbeiten und Umwelt Giorgos Souflias, ND, der 1941 in Farsala bei Larissa geboren wurde, und seit 1974 Parlamentsabgeordneter für Thessalien ist, ist immer für eine Peinlichkeit gut.
Gerade hat er sich mal wieder zur Umleitung des Acheloos-Wassers von Westgriechenland nach Thessalien geäußert. Hier soll bei Sykia ein 165 Meter hoher Staudamm gebaut werden, und ein 17 Kilometer langer Tunnel durch das zentralgriechische Bergmassiv soll einen großen Teil des Wassers des Flusses nach Osten, Richtung Karditsa leiten. Das Projekt soll in drei Jahren fertiggestellt sein.
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Das Projekt gilt unter Umweltexperten als hochfragwürdig – wegen der Folgen für den Wasserhaushalt im griechischen Westen und auch wegen der Begründung für den Bau. Die Begründung ist nämlich: Thessalien hat zu wenig Wasser. Thessalien produziert großflächig Baumwolle. Baumwolle braucht viel Wasser. Die Produktionskosten der thessalischen Baumwolle sind zwar doppelt so hoch wie der Weltmarktpreis, aber die Differenz wird locker wegsubventioniert.
(Jeden Winter, wenn auf den Feldern gerade nichts zu tun ist, stehen die Bauern mit ihren Traktoren auf der Autobahn, so lange, bis wieder neue Millionen für die nächste Saison versprochen wurden …)
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Die griechische Landwirtschaft verbraucht 85% des griechischen Trinkwassers. Haben Sie schon mal gesehen, mit welchen primitiven und verschwenderischen Wasserschleudern das Wasser auf den thessalischen Feldern verteilt wird? Dazu wird heute bereits Grundwasser aus irrsinniger Tiefe abgepumpt.
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Nun gibt es viele Leute, die die Produktion von thessalischer Baumwolle für so weltwichtig halten wie den Bananen-Anbau auf Kreta (mich zum Beispiel). Herr Umweltminister Souflias findet das aber irrelevant. Die Umleitung sei “von nationalem Interesse”, die Baumwolle-Produktion (rein zufällig in seinem Wahlkreis) sei ganz entscheidend für die nationale griechische Wirtschaft und müsse gefördert werden. Na bitte. Und daß der Landwirtschaft das Wasser fehle, das liege nicht an deren Verschwendungsverhalten, sondern “zu 80% am neuerdings fehlenden Regen”. Aha.
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Griechenlands Umweltpolitik hat dem Land schon zahlreiche Anklagen vor dem Europäischen Gerichtshof eingebracht. Der sogenannte “Umweltminister” hat jedoch seit seiner Amtseinführung 2004 angeblich noch nicht einmal an einer Veranstaltung der EU-Umweltminister teilgenommen. Erstens weiß er sowieso schon alles, und zweitens spart er dem Steuerzahler die Reise-Spesen und verhindert den Emissions-Austoß durch die Dienstflüge. Das ist sehr lobenswert …

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One comment

  1. Hallo Theo,

    ja da hast Du mal was wichtiges angesprochen! Als sie damals in Thessalien mit der Baumwolle angefangen haben, schimpften wir schon, da der Pinios-Fluss immer weniger Wasser hatte. In Larissa war er regelmäßig ausgetrocknet im Sommer. Mir hat das noch nie eingeleuchtet, warum in einem so trockenen und regenarmen Land Baumwolle angebaut wird, dachte immer, dass man Baumwolle nur in tropischen Gebieten anbauen kann. Und jetzt auch noch vom Westen Wasser abzapfen wollen, das ist echt die Höhe! Aber die Profitgier siegt halt einfach. Und dann jammern alle, wenn in den Städten ein unerträgliches Klima ensteht und man vor Hitze sich kaum mehr nach Draussen wagen kann. An genügend Grünflächen hat man ja auch nicht gedacht (z. B. in Larissa) und die Stadt wächst noch weiter und es wird weiterhin nicht an Grünflächen gedacht…. Irgendwann haben die Flüsse dann gar kein Wasser mehr, dann bleibt nicht mal mehr das!
    Ich verstehe das ganze leider nicht!
    LG
    Ulli

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