Verharren im Diesseits – Staglieno 5

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Staglieno Bogengänge
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Es gibt auf dem Friedhof von Staglieno durchaus Alternativen zu den Kolonnaden mit den lebensgroßen Statuen:
Lange Reihen von bescheidenen Einzelgräbern, aufwendig gestaltete, einzeln stehende Grabkapellen und lange Wände und überdachte Gänge mit Grabfächern für die Urnen-Bestattung (Kolumbarien).
(„columbarium“ heißt lateinisch „Taubenschlag“, womit wir in gewisser Weise wieder zur Insel Tinos zurückkommen …)
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Staglieno, Sektion B
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Etwas chaotische großflächige Grabfelder gibt es auch. Die Neigung mancher Grabsteine erinnert an die stürmische See im Tyrrhenischen Meer.
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Auf den kleinen Grabsteinen und Grabkreuzen müssen kleine Portraits die Statuen ersetzen:
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Staglieno Grabkreuz
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Und wie das auf stürmischer See so ist, da geht so manches über Bord. Aber die Friedhofsverwaltung und die Besucher haben auf den Mauern am Rande einige „Fundplätze“ für nicht identifizierbare Fotos angelegt. Wenn Sie jemanden aus Ihrer Familie erkennen, bedienen Sie sich. Und bringen Sie beim nächsten Besuch den Sekundenkleber mit:
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Staglieno verlorene Portraits
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Kolumbarien gab es bereits in der Antike. Damals war das die preiswertere Art, jemanden ins Grab zu bringen.
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Staglieno Kolumbarien
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Staglieno, Kolumbarien-Kolonnade (Foto aus dem 19. Jahrhundert)
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Hier in Staglieno hatten sich die Preis-Leistungs-Verhältnisse etwas verschoben, zuungunsten der „Schließfächer“. Weiter vorne hatte ich es erwähnt: Ein großes Grabgewölbe kostete im 19. Jahrhundert lediglich das Dreifache (1500 statt 500 Lire) eines Kolumbarienfaches.
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Auf der Grundfläche eines 1500-Lire-Gewölbes waren gleich bis zu zwanzigmal 500 Lire einzunehmen. Die Genueser wissen eben, wie man Geld verdient. Da mußte man im Schließfach eben etwas zusammenrücken, dann ging es wieder:
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Staglieno Kolumbarium Fach
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Und wenn jemand aus der „besseren Gesellschaft“ ins Schließfach mußte, dann zeigte man den Nachfahren schon mal ein leicht beleidigtes Gesicht:
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Staglieno Schließfach
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Aber so mancher wollte überhaupt nicht hinein in dieses Nebeneinander, Übereinander und Hintereinander. Für diesen Teil der Friedhofskundschaft gab es den bewaldeten Hügel hinter der ummauerten Anlage, den „boschetto irregolare“. Hier konnte man platzmäßig so richtig hinlangen. Der Industrielle Armando Raggia ließ sich 1896 eine 28 Meter hohe Grabkapelle in den Hain setzen, die am Stil des Mailänder Doms ausgerichtet war:
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Staglieno Mailand Dom
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Aber Raggia war nicht der einzige, der seinem „domus“ (Haushalt) einen eigenen Dom bauen ließ:
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Staglieno boschetto Kapelle
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Ein Tempel(rest) machte natürlich auch was her! Ich hoffe, die Säulen wurden nicht aus einer archäologischen Stätte ausgeliehen:
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Staglieno pseudoantike Säulen
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Aber da Genua ja im 19. Jahrhundert eine international geprägte Stadt war, deren Bürger vielen Glaubensrichtungen angehörten, bekam der Friedhof noch eine Ausbuchtung ins Nebental des Veilino, die „Aera policonfessionale“. In einem aufgegebenen Steinbruch war dort bereits ein jüdischer Friedhof angelegt, der jetzt mit einem griechisch-russisch-serbisch-orthodoxen und protestantischen und anglikanischen Teil umbaut wurde.
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Staglieno Graeberfeld
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Viele dieser eher schlichten Gräber sind bald in Vergessenheit geraten und verfallen allmählich.
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Staglieno englisches Grab
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Und wenn ein schottischer Seemann, der von einer abgelegenen Insel stammt, im Hafen von Genua ertrinkt, dann werden nicht viele Angehörige hier auftauchen, um Blumen auf sein Grab zu stellen:
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Staglieno Seemannsgrab
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Ja, in diesem Seitental unterstand man nicht dem großen Kirchenführer im Vatikan. Der war allerdings prinzipiell zuständig für den großen Soldatenfriedhof, der hier auch liegt. (Obwohl der Vatikan sich gegen die Zugehörigkeit zum italienischen Staat immer gewehrt hatte.)
Tote aus dem 1. Weltkrieg, aus den italienisch-faschistischen Afrikakriegen und den Unabhängigkeitskämpfen (risorgimento), die zum italienischen Nationalstaat führten, wurden im Lauf der Zeit hierher umbestattet.
Unfreiwillig komisch ist, daß auf dem militärischen Teil des Friedhofs auch gerne schwarzgrüne Marmorplatten verwendet wurden (wie man sie auch auf Tinos gewinnt).
Warum? Weil sie an den Grünton der Uniformen erinnern sollten …
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