Verharren im Diesseits – Staglieno 3

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Staglieno Celle Grab
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Totentanz auf dem Grabmal des Valente Celle, 1893
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Ein weiteres Werk von Giulio Monteverde (siehe auch Grab der Familie Oneto, Teil 2), nur ist die Arbeit diesmal nicht in Marmor, sondern in Bronze gefertigt! Gegen diese Ausnahme spricht eigentlich nichts, außer daß man bei schlechtem Licht kaum ein brauchbares Foto davon zustandebringt. Also habe ich wieder zu meinem Fotoband aus dem 19. Jahrhundert gegriffen …
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Der Entwurf für das Grab des Kaufmanns Valente Celle sollte zunächst anders aussehen. Die Dame war nämlich ursprünglich nackt bis hinunter zum Schienbein. Doch dem Auftraggeber war das wahrscheinlich zu heiß, und Monteverde mußte den Schleier bis zur Taille hochziehen.
Der erste Gips-Entwurf ist übrigens erhalten! Wenn Sie den Entwurf sehen wollen, finden Sie ihn hier: http://www.artandarchitecture.org.uk/images/conway/dc5e1cfb.html
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Hin und wieder sind auf dem Camposanto von den Bildhauern die Materialien kombiniert worden. Das kann ganz putzig aussehen, wie bei diesen Metall-Bienen, die ihre Wabe an der Marmorwand festgeklebt haben:
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Staglieno Bienen
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Aber hier sind nicht nur oft die Rohmaterialien kombiniert worden, bei den Arbeiten selbst ist auch schwierig, sie einer kunsthistorischen Richtung eindeutig zuzuordnen. Auch wikipedia (08.08.2015) bleibt da vage:
„Staglieno ist ein pompöses Museum der Bildhauerei der letzten 150 Jahre: Barocke Allegorie, Klassizismus, Spätromantik, Realismus, Naturalismus, Symbolismus, Jugendstil und Art Deco finden sich hier.“
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Es ist wohl einfach so: Was der Kunde wünschte und bezahlen wollte, wurde auch gefertigt. Punkt. Als „Museum“ hat man sich auf dem Friedhof am Ende des 19. Jahrhunderts absolut nicht gesehen.
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Die Bourgeoisie von Genua war nicht besonders fromm, die christlichen Symbole sind auf dem Friedhof völlig untergeordnet, und der Marmor aus Carrara (die beste Qualität: statuario) war das optimale Material. Es konnte ja neuerdings sogar mit der Küsten-Eisenbahn hierher gebracht werden:
„Das reiche Produkt Carraras, tausend kleiner und großer Marmorblöcke und Marmortafeln liegen zum Transport bereit auf den Bahnhöfen, die sich in der Nähe der weltberühmten Marmorbrüche befinden.“
„Kreuz- und Querfahrten in Italien“, Sebastian Brunner, Woerl, 1888
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Und die Kundschaft wollte ihre Phantasie in der Regel nicht überstrapazieren. Da bleibt das meiste eben im Realismus verhaftet. Und der Symbolismus des Ende des 19. Jahrhunderts wollte ja nichts „begrifflich fixieren oder direkt aussprechen“ (Jean Moréas 1886).
Aber doch, die Auseinandersetzung der Symbolisten mit der antiken Mythologie, mit Traum, Ekstase, Krankheit, Tod, Sünde und Leidenschaft färbten oft ab. Und die halbbekleideteten Frauen in wallenden Gewändern, die die Symbolisten so liebten, die liebten die Kaufleute aus Genua auch.
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Und sie liebten auch die Exaktheit (wie in ihrer Buchhaltung …). Wenn man der trauernden Halbwaise unter den Rock schauen kann, dann mußte die Spitzenwäsche des Mädchens natürlich voll durchgearbeitet sein:
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Staglieno Spitzenwäsche
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Und wenn sich die dargestellte trauernde Figur betäuben wollte, durfte sie auch ein paar Mohnkapseln in der Hand haben. Rein aus medizinischen Gründen …
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Staglieno Mohnkapseln
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… sich mit dem treuen Fiffi trösten, ging auch:
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Staglieno Hund
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Gut, ein nachdenklich-meditativer Blick ins Buch konnte (bei älteren Personen) auch nicht schaden …
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Staglieno Mönch
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… und unser Mönch aus Marmor scheint sogar mit der Keilschrift vertraut zu sein. Hier:
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Blick ins Buch
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Aber die Trauernden interessiert weniger der Blick ins fromme Buch …
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Staglieno Testament
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… als der Blick ins Testament des Verstorbenen:
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Testament Detail
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Realismus in Reinkultur. Ein bißchen unterlag man natürlich den Kräften des Ungewissen. Die bestimmten und notierten das Todesdatum. Das sah man ein und ließ es darstellen:
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Staglieno schreibender Engel
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Wenn das Todesdatum von der Witwe oder der Tochter des Hauses eingeritzt wird, müßte der örtliche Polizei-Kommissar schon mal Verdacht schöpfen:
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Staglieno Todesdatum
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Da ist es schon besser, wenn einfach nur still nachgedacht wird:
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Staglieno trauernde Frau
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Auch Heinrich Heine war in Genua. 1828, da gab es den Friedhof noch gar nicht. Aber seine Worte angesichts „der schönen Genueserinnen“, die er dort in den Galerien der Stadtpaläste sieht, sind diese:
„Nichts auf der Welt kann unsre Seele trauriger stimmen, als solcher Anblick von Porträts schöner Frauen, die schon seit einigen Jahrhunderten tot sind. Melancholisch überkriecht uns der Gedanke: daß von den Originalen jener Bilder, von all jenen Schönen, die so lieblich, so kokett, so witzig, so schalkhaft und so schwärmerisch waren, von all jenen Maiköpfchen mit Aprillaunen, von jenem ganzen Frauenfrühling nichts übrig geblieben ist, als diese bunten Schatten …“
Als ich Heines Grab auf dem Friedhof von Montmartre besucht habe, hätte ich allein für diese Sätze dort den Hut vor ihm ziehen sollen.
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