Verharren im Diesseits – Staglieno 2

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Staglieno Oneto-Grab
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Das Grab der Familie Oneto, von Giulio Monteverde, 1882
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1835 wurde der Architekt Carlo Barabino damit beauftragt, den neuen Friedhof von Genua in den kaum besiedelten Randgebieten im Nordosten der Stadt zu planen. Barabino hatte für die Stadt schon einige öffentliche Gebäude konstruiert, doch die Verwirklichung seiner Friedhofspläne hat er nicht mehr erlebt. Er starb während einer Cholera-Epidemie. Sein Schüler und Mitarbeiter Giovanni Battista Resasco führte seine Ideen ab 1840 weiter. 1844 war Baubeginn, im Januar 1851 wurde der erste Abschnitt des Friedhofs eröffnet (obwohl er noch nicht restlos fertig war).
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Und es dauerte nicht lange, und der Friedhof wurde zu einer touristischen Attraktion. Friedrich Nietzsche, Guy de Maupassant, Mark Twain und selbst Elisabeth, die Kaiserin von Österreich-Ungarn (Sissi) wollten den Friedhof sehen, für den es nichts Vergleichbares in Europa gab. Auch dem Baedeker-Reiseführer war der Friedhof 1874 einen seiner berühmten Sterne wert. (Noch 1870 hatte seine Redaktion seine Existenz ignoriert.)
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„Zum Campo Santo (Cimitero di Staglieno, von 10 U. Vorm. an geöffnet) geht oder fährt man (Einsp. hin u. zurück 3 ½ l.) von Piazza Carlo Felice. Der Friedhof, 1867 angelegt, liegt ½ St. vor der Stadt im Tal des Bisagno, am Berge ansteigend. Sowohl die *Grabdenkmäler, unter denen sich das des Mach. Tagliacarno, in der untern Reihe l., auszeichnet, wie die Anlage des Ganzen und in der obern Reihe die säulengetragene Rotunde sind beachtenswert.“
Baedeker Ober-Italien, 7. A., 1874
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Und Griebens Reisebuch „Riviera“ von 1899 schreibt über den Friedhof: „Kein Fremder versäume den Besuch! Die Anlage mit vielen Denkmälern der modernsten Kunst geschmückt. 130.000 qm gross.“
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Und natürlich beflügelte das die lokale Souvenir-Industrie. Der Verlag der Fratelli Lichino veröffentlichte Bildbände in verschieden aufwendigen Ausgaben. Dieser Band (Großformat, zahlreiche Fotos, die um 1880 entstanden, Kordelbindung, geprägter Einband, Gold- und Silberdruck) kostete 20 Lire (entspricht heute circa 120 €):
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Staglieno Fotoband
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Inzwischen ist die Grabstätte des Geschäftsmanns und Bankers Francesco Oneto weiter belegt worden (siehe Bild ganz oben). Die Marmorplatte wurde wohl mehrfach abgeschliffen oder komplett erneuert. Es ist (für mich) das eindrucksvollste Bild des ganzen Friedhofs. Und Giulio Monteverde (1837-1917), der Bildhauer, der in Rom studiert hat, hat es mehrfach nachgeahmt und quer durch Europa und Amerika verkauft.
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Der Engel, der mit „entschlossener Gleichgültigkeit“ auf den Jüngsten Tag wartet und das Grab sichert, stützt sich auf sein Signalhorn, mit dem irgendwann das Letzte Gericht eröffnet wird:
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Staglieno Oneto Grab 2
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Bei den meisten Familiengräbern wurden die Hinterbliebenen schon zu Lebzeiten skizziert oder modelliert. Wer für das Oneto-Grab Modell stand, ist nicht mehr festzustellen.
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Die wohlhabendsten Familien der Stadt drängten sich um das zentrale Pantheon-Gebäude. Doch nicht weit von den erlesensten Plätzen findet sich das Grab der ambulanten Nuß- und Brezelhändlerin Caterina Campodonico (1804-1881):
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Staglieno Campodonico
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Caterina nannte sie keiner, im lokalen Dialekt hieß sie mit Vornamen “Cattainin”, man nannte sie auch die „Paesana“ (die Frau vom Land) oder „Nocciolaia“ (die Nußknackerin). Sie hatte ihr Leben lang jede Centesimo-Münze gespart, um durch die lebensgroße Skulptur auf ihrem Grab unvergeßlich zu werden.
Ihre Skulptur war bereits zu ihren Lebzeiten vollendet, der Bildhauer Lorenzo Orengo starb bereits ein Jahr vor ihr! Doch da war sie mit ihren Zahlungen noch im Rückstand. Ein paar großzügige Spender beglichen die Rechnung (schließlich kannte die „Paesana“ Leute wie Giuseppe Verdi, den sie mit Nüssen gratis versorgt hatte, als er noch ein armer Student war).
Auch ihre Grabinschrift ist im lokalen Dialekt verfaßt, und endet (sinngemäß) mit dem Satz: „Wenn du an meinem Grab vorbeikommst, dann bete bitte für meinen Seelenfrieden.“
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Staglieno Campodonico 2
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Merkwürdig, die Merian- und Zeit-Autorin Esther Knorr-Anders war 1983 ausdrücklich wegen ihres Grabes hier auf dem Friedhof, und sie hat es nicht gefunden … es ist schwer, es nicht zu finden … tja, ein Gebet weniger für die Nocciolaia …
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Staglieno Pienovi
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Ein paar Meter vom Denkmal der Campodonico liegt das Grabgewölbe der Pienovi. 1879 von Giovanni Battista Villa gestaltet, hat es auch einen ganz individuellen Bezug. Ein Klassiker des bürgerlichen Realismus auf diesem Friedhof:
Es stellt die Witwe des Geschäftsmanns Raffaele Pienovi dar, Virginia Aprile, wie sie einen letzten Blick auf das Gesicht des von einem Tuch bedeckten aufgebahrten Ehemannes wirft.
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Von Giovanni Battista Villa stammen eine Reihe von Skulpturen auf dem Friedhof. Ein gutes Jahrhundert später hat das reine Weiß des Grabdenkmals etwas unter den Umwelteinflüssen gelitten:
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Staglieno Pienovi 2
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Staglieno Bildbaende
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Immer wieder taucht Guiseppe Benettis Grabmal der Familie Rossi (1878) in den Publikationen des 19. Jahrhunderts auf – und oft erklären die Bildunterschriften Dinge, die im Foto gar nicht zu sehen sind. Man neigte nämlich dazu, die grobe pyramidenförmige Struktur des Hintergrundes auszublenden. Ging mir genauso:
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Staglieno Text Rossi
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Staglieno Rossi 2
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Staglieno Rossi
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Gut, die Übersetzung des alten Bildbandes ist etwas konfus. Aber nebenbei … es war ja doch ziemlich unfallträchtig, mit diesen bodenlangen Kleidern diese steile Treppe zu benutzen …
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Staglieno Rossi Detail
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„Hm. Wo er recht hat, hat er recht. Aber Unfälle steigern das Bruttosozialprodukt …“
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