Korfu à la carte

KorfuPort
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Korfu – Hafeneinfahrt (verschickt 1914 von Herrn Robert T. an Fräulein Emma H. in Freiburg/Baden …)

“Wir sind im Hafen, einem der herrlichsten der Welt!”
Ferdinand Gregorovius “Korfu – eine ionische Idylle”, 1882

10.06.2016 – Seite aktualisiert/erweitert:

Korfu um 1908
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Korfu_um1918
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Der Hafen auf Ansichtskarten zur Zeit des 1. Weltkriegs
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Als noch niemand nach Griechenland flog, und der Weg über den Balkan viel zu umständlich war, bewegte man sich per Schiff von Venedig oder Brindisi aus ins Land. Der erste Haltepunkt auf dem Weg nach Patras oder Korinth war vor 100 Jahren gewöhnlich die Insel Korfu. Wenn der Magen die Seefahrt gut überstanden hatte und die Stimmung darum prächtig war, machten sich die Reisenden umgehend auf den Weg zum Ansichtskartenhändler. (Lediglich Athen produzierte damals in Griechenland mehr Ansichtskarten als diese Insel …)

Korfu Pontiko.
Korfu – Pontiko

Es war innerhalb Griechenlands auch gar nicht einfach, Postkarten zu kaufen. Eduard Engel beschreibt in “Griechische Frühlingstage” (1911), wie er auf seiner Reise offenbar den gesamten Postkartenbestand des Peloponnes aufgekauft hat: Etwa 3 Dutzend Karten ( … Karten, nicht Motive!). Das ist ihm ein ganzes Kapitel in seinem Buch wert: “Die Jagd auf die griechische Postkarte” – siehe Seitenende.
(Griechische Post-Statistik von 1883: Befördert wurden ca. 5 Millionen Briefe, 3 Millionen Drucksachen und exakt 41.484 Postkarten!)

KorfuGastouri

Korfu – Gastouri

Korfu Perama

Korfu – Perama

Korfu Vyro

Korfu – Viros

Korfu Peleka

Korfu – Peleka

Korfu Moni Paleokastritsa

Korfu – Paleokastritza

Korfu Paleokastritsa

Korfu – Paleokastritza

Noch ein paar aufschlußreiche Zitate über Post und Postkarten aus Eduard Engels „Griechische Frühlingstage“ (Costenoble/Jena, 3.A. 1911, mein Exemplar ist vom Autor 1914 für seinen Großneffen signiert. Na, das ist ja besser als eine Postkarte vom Großonkel …).
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Engel reiste 1886, sein erster griechischer Hafen war Korfu, er erlebt den üblichen Sturm der Barkenführer auf die Linien-Dampfer, die das Gepäck für ihre Hotels „erbeuten“, und er erträgt es mit Humor. Ganz im Gegenteil zu einem Wiener Passagier, der die Tortur der Zollabwicklung und kostenpflichtigen Überführung zum Hotel wiederholt mit einem „Nein, diese Saugriechen!“ kommentiert.
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Engel, ein paar Reisetage später: „Ich schalte hier eine kleine „Jagdgeschichte“ ein, betitelt „Die Jagd auf die griechische Postkarte“.
(…)
(Nauplia, Ostersonntag 1886) „Jetzt habe ich sie sämtlich in meiner Brieftasche! Seit vierzehn Tagen mache ich Jagd auf sie, hier habe ich die ganze Bescherung beisammen gefunden und sogleich meine Hand drauf gelegt!
In meiner dünnen Brieftasche stecken nämlich in diesem Augenblick sämtliche Postkarten des südlichen und mittleren Peloponnes! Im ganzen neun Stück!
Schon auf Ithaka hatte die Not begonnen: Der Posthalter hatte noch ganze 7 Postkarten zu 5 Lepta in einem staubigen Winkel liegen. (…) Jene sieben verlorenen Postkarten hatten schon seit vier Jahren bei dem Posthalter von Ithaka gelegen, ohne daß ein Mensch sie verlangt hätte.
Ursprünglich habe er zehn Stück gehabt, davon seien drei von einem deutschen Herrn gekauft worden.“

(Griechenland 1883: Von 8,5 Millionen Postsendungen waren exakt 41484 Postkarten.)
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„Der Grieche schreibt keine Postkarten. Der Grieche kennt seine Landsleute; er weiß, die Postkarte würde von allen Postbeamten, durch deren Hände sie ginge, von allen Hausgenossen und Dienern von Anfang bis zum Ende gelesen sein, ehe der Empfänger sie erhielte.“
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„Die paar Postkarten, die ich von Ithaka mitgebracht, waren bald aufgebraucht. (…) In Pyrgos (bei Olympia) fing das Elend ab. Es hat ein sauberes Gasthaus, eine Menge freundlicher Kaffeehäuser; nur eine Postkarte besitzt es nicht, oder besaß es nicht am 17. April des Jahres 1886.“
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Auch in Andritsena oder Sparta – keine Postkarten. Erst in Nauplia kriegt Engel neun Karten und triumphiert: „Neun Stück bildeten den Reichtum des Postamts zu Nauplia! Damit war mein schändliches Werk: die Ausraubung des inneren Peloponnes an seinen Postkarten, vollendet.“
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2 comments

  1. Die Idee, diese alten Ansichtskarten zu zeigen, finde ich grandios. Sieht man solche alten Bilder – teilweise sind sie ja sogar gemalt – dann stellt sich automatisch eine romantische Stimmung ein: die guten alten Zeiten + diese schöne Insel weit weg im Mittelmeer.

  2. Es gibt eine Buchhandlungs-Filialkette in Deutschland, die warb auf den Straßenbahnen in unserer Stadt mit dem Satz: “Lesen Sie keine Straßenbahnen, lesen Sie Bücher!”
    Wenn Sie Korfu interessiert, und wenn Sie was anderes als Postkarten lesen wollen, kommen Sie nicht um das Werk von Lawrence und Gerald Durrell herum. Diese website dürfte Sie dann interessieren:

    http://www.durrelllibrarycorfu.org/

    Da steht (im Kapitel “Corfu”) dieser Satz von Richard Pine: “Ironically, the brothers Durrell were largely responsible for the exponential growth in the tourism industry, and consequently felt a serious level of guilt.”
    Das Schuldgefühl kann man nachempfinden …

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