17a Urquhart Pilion 1839

.

.
Edward Dodwell: Portaria (1821, “Views in Greece”, Ausschnitt)
.
Es gibt zahlreiche Reisebücher aus dem frühen 19. Jahrhundert, die ich gerne besitzen würde. Ich weiß auch, wo ich die kriegen könnte (nein, ich rede nicht von googlebooks). Als ich vor einiger Zeit (schon vor längerer Zeit) in London durch die Fachantiquariate gezogen bin (dort, wo man als Kunde anklingeln mußte, nachdem man sich angemeldet hatte), und mir einige Bände aus der Klimakammer habe holen lassen, kam ich mir vor wie ein Hochstapler. Ich wollte die Dinger ja nur mal in der Hand haben. Den Preis mußte der Sachbearbeiter meist erst erfragen, bei großformatigen illustrierten Werken waren es gewöhnlich vier- oder sogar fünfstellige Beträge …
.
Ich habe nur sehr beschränkte Mittel. Aber manchmal habe ich Glück. Ich kaufe ja auch Bücher, bei denen Inhaber von Fachantiquariaten die Nase verziehen. David Urquharts “Der Geist des Orients” von 1839 zum Beispiel habe ich lange gesucht (jedenfalls den ersten von zwei Bänden, der sich mit dem heutigen Nordgriechenland befaßt). Und endlich auch gefunden, bezahlbar … in einer zeitgenössischen Lesezirkelausgabe!
.

.
Ja, in einem uralten, zerstoßenen, abgescheuerten, zerkratzten Lesezirkeleinband, der um 1840 in Berlin in bildungseifrigen Kreisen unterwegs war, und immer pünktlich zurück mußte, an die Lese-Bibliothek von Ferdinand Riegels Verlags-Buchhandlung in Potsdam. (Der Ferdinand Riegel Verlag verlegte u.a. Karl Friedrich Schinkel, und man hatte gute Verbindungen zu Alexander von Humboldt und zum preußischen König.)
.

.

.
Die Liste der Lesezirkel-Teilnehmer ist auf dem Bucheinband aufgeklebt. Egal, ob man Herr von Bismark, Frau von Bülow, von Bischoffswerder, von Reitzenstein, von Werthern, von Prittwitz, oder von Bassewitz (Excellenz) oder auch nur Müller hieß, das Buch mußte weiter! Wechselungstag: Immer Montag.
.

.
Und irgendwann wurde der Band nicht mehr “gewechselt”. Irgendwo ist das Buch dann liegengeblieben und hat gewartet. Auf mich. Ein Antiquar … nein kein Flohmarkthändler, auch kein ebay-Dealer … hat es 170 Jahre später irgendwo aufgelesen und hat es mir billig verkauft und war froh, daß er es los war …
.
Für mich läßt dieses Buch seine besondere Geschichte erkennen und kriegt einen unverwechselbaren Charakter. Und vollständig ist Urquharts Buch auch, immer noch, wenn die Seiten auch … äh … “gut abgelesen” sind, mit Überlegung angestrichen und ein wenig vergilbt und randgeschädigt.
.
David Urquhart, 1805 in Schottland geboren, 1877 in Neapel gestorben, war um sein dreißigstes Lebensjahr herum ein unermüdlicher Reisender in Griechenland, auf dem Balkan und im Osmanischen Reich. 1835 war er Sekretär an der Gesandtschaft in Konstantinopel, 1847 bis 1852 war er Mitglied des englischen Unterhauses, aber immer noch interessiert an der Politik im Vorderen Orient.
.
Neben Reisen in Spanien und Marokko und dem Libanon beschäftigte er sich besonders mit dem russisch-osmanischen Konflikt und den Auswirkungen auf die britischen Interessen im östlichen Mittelmeer. Erstaunlicherweise (für die damaligen Verhältnisse) wurde sein Reisebuch “Spirit of the East: Travels trough Roumeli” von 1839 umgehend ins Deutsche übersetzt. Die deutsche Ausgabe erschien bei Cotta (Stuttgart/Tübingen), dem damaligen Verlag von Goethe und Schiller: “Der Geist des Orients – erläutert in einem Tagebuche über Reisen durch Rumili während einer ereignisreichen Zeit”.
.
Ein etwas barocker Titel, aber ein gut übersetztes und gut zu lesendes Buch, bei dem ich mich hier nur auf das kleine Kapitel über den Pilion beschränken will, eine Gegend, die Urquhart auf seiner Reise damals paradiesisch vorkam. Urquhart war vorher an der nordwestgriechischen Küste und im Epirusgebirge, im “Skipetarenland”, unterwegs, also meist außerhalb des damaligen griechischen Königreiches. Er hatte Arta, Preveza, Janina (Ioannina) und Missolunghi gesehen, Thessalien und Meteora, und er hatte den Olymp bestiegen – nämlich den Gipfel des “St. Stefano” (Stefani). (Seinen Aufstieg zum Olymp werde ich vielleicht demnächst noch an anderer Stelle nachvollziehen!)
.

.
Pilion, Herrenhaus in Pinakates
.
Ich habe den Text (leicht gekürzt) aus der alten Satzschrift übertragen, da inzwischen viele Leser mit den Schriften des 19. Jahrhunderts ihre Schwierigkeiten haben. Die alte Orthografie habe ich beibehalten. Thumbs/Links zu den Originalseiten mit dem vollständigen deutschen Text finden Sie am unteren Ende. Der komplette englische Text ist auf der folgenden Seite zu finden (Link auch ganz unten)! Also:
.
“Einen anderen Ausflug machte ich von Larissa nach den Trümmern von Phera, Volo und dem merkwürdigen Districte Magnesia, der vom Berge Pelion und einem Vorgebirge gebildet wird, das vom Pelion aus nach Süden läuft und sich dann nach Westen dreht, so daß es den Golf von Volo umkreist.
.
Der Weg durch die Ebenen von Larissa und Pharsalia ist für Leib und Auge gleich ermüdend, weil es, ausgenommen in der Nähe von Pharsalia, an Schatten und an Bäumen fehlt, und man nichts erblickt als das schmutzige Gelb der Stoppeln und des versengten Grases. Ist man aber an die Gränze der bedeutend über der Meeresfläche erhabenen Ebene gelangt und eine kleine Schlucht gekommen, mit einem runden kegelförmigen Hügel, Namens Pillafptheh, dann sieht man plötzlich nieder auf die kleine Stadt Volo, die mitten zwischen Laub und Schatten liegt, von einem Thurmkranz umgürtet ist und von einem einzelnen Minaret überragt wird. Vor der Stadt erstreckt sich die Bucht, mit einigen kleinen Fahrzeugen; jenseits der Bucht und der Stadt erhebt sich schroff der Anfang des Pelion, mit drei oder vier Oertern, mehr Städten als Dörfern, die fast auf dem Gipfel zusammengedrängt liegen; die weißen Gebäude laden zum Besuche und zum Besehen mit ihren tiefen und mannichfachen Lauben von Cypressen, Föhren, Eichen, Maulbeer- und Kirschbäumen.
.
Der Geograph Miletius war in diesem Districte geboren und hat in seinem Werke eine treffliche und genaue Beschreibung von dem gegeben, was er vor dreißig Jahren war. Die revolutionäre Bewegung Griechenlands ergriff diesen damals glücklichen Bezirk, und er wurde demzufolge von einem türkischen Heere verwüstet. Ich erwartete daher, ihn in Trümmern zu finden, aber groß war mein Erstaunen bei seinem Anblick, den ich versuchen will, umständlich zu beschreiben.
.
Die eigentlichen Gipfel des Pindus sind nackter Gneis, dann kommt eine Bedeckung von Buchen, unter diesen Castanienwälder, weiter herunter Aepfel, Birnen, Pflaumen, Wallnüsse und Kirschbäume; noch tiefer Mandeln, Quitten, Feigen, Citronen, Orangen und überall ein Ueberfluß von Reben und Maulbeerbäumen. Die Seiten sind allenthalben steil und zuweilen rauh, Felsen und Laubwerk sind überall vermischt, und Wasser strömt aus zehntausend Quellen. Eingenistet in diese Felsen und überschattet von diesem Laube sind die vierundzwanzig Ortschaften von Magnesia. Sie sind in zwei Classen getheilt: Vakuf mit vierzehn, Chasia mit zehn Ortschaften. Makrinizza (…) ist der Sitz des Regierungsrates und des Bostandschi (sowas wie ein Polizeichef; theopedia) aus Konstantinopel, und alle benachbarten Dörfer wissen lange Geschichten zu erzählen von Makrinizza’s Herrschsucht.

.
Die Glückseligkeit, der Wohlstand und die Unabhängigkeit dieser christlichen Bevölkerung (eine Unabhängigkeit, der keine in Europa gleichkommt, vielleicht mit Ausnahme der baskischen Provinzen, obgleich auch diese in einem minderen Grade) verdankt man nicht nur dem Schutze des Moslem-Glaubens gegen die Mißbräuche der türkischen Regierung, sondern dem Verwaltungssysteme, das der Islamismus überall eingeführt und erhalten hat, wo er die politische Gewalt dazu hatte.
(Urquhart mißtraut dem neuen, unabhängigen griechischen Königreich, er fürchtet, daß es sich mit dem zaristisch-orthodoxen Russland zum Nachteil der Osmanen und vor allem der britischen Interessen verbindet. Allerdings ist seine übersteigerte Türken-Freundlichkeit am Ende für seine diplomatische Karriere auch nicht gerade förderlich.)
.
(…) In jedem Dorfe haben die Primaten (Dorfvorsteher) einen Türken, der den Gerichtsdiener vorstellt; sie bezahlen nach einer Taxe statt des Kharatsch oder Kopfgeldes (Kharatsch = Kopfsteuer, von der die Frauen im Osmanischen Reich ausgenommen waren; theopedia).
(…) Ihre Rechtsangelegenheiten werden in Fällen regelmäßigen Processes nach Justinians Codex entschieden. (…)
.

.
Pilion, Herrenhaus in Vizitsa
.
Der Bezirk von Magnesia hat sich allerdings noch nicht erholt von den Wirkungen der Katastrophe, die ihn vor sieben Jahren* betraf; man sieht Trümmer und unbewohnte Häuser; dessen ungeachtet herrschte rund umher ein Ansehen von Wohlseyn, Heiterkeit und Zufriedenheit; die zierlichen Steinhäuser sahen nach den Holz- und Kalkgebäuden der Ebene so reich und wohnlich aus; die Einwohner waren alle gut gekleidet und schienen ein schöner und gesunder Schlag Menschen. Makrinizza hat verschiedene Vorstädte und zählt 1300 Häuser; Volo (nicht das Castell) am Fuße des Hügels hat 700 Feuerstellen; Portaria, der Hauptort der Chasia, nur drei Meilen von Makrinizza, hat 600. Die hauptsächlichsten übrigen Dörfer sind Drachia mit 600, St. Laurentius, Argalasti, Vrancharoda, jedes mit 400, Melia mit 300 Feuerstellen, und auf dem letzten Gipfel der nackten Gebirgskette, die den Golf umschließt, Trikkeri mit 650.
.
*) Die “Katastrophe” … Urquhart bereist den Pilion im Jahre 1930. Seit 1821 nahm der Pilion bzw. Magnesia aktiv an der griechischen Befreiungsbewegung teil. Nach der Niederlage der Griechen im Norden wurden die Dörfer des Pilion von den Türken zerstört. Nebenbei, auch bei den Ortsnamen bin ich mir manchmal unsicher: Ist Melia etwa Milies (in Leake’s Buch von 1835 heißt Milies aber auch Milies …) und wo ist Vrancharoda?
.
Die Haupt-Ausfuhr besteht in Oel, Seide, getrockneten Früchten, herrlichen Kirschen und schönem, duftendem Honig. Von fast allen anderen Producten haben sie reichlich zum eigenen Bedarf. Bei der verschiedenen Abstufung der Höhen haben sie Früchte und Gemüse früher, später und länger als vielleicht irgend eine andere Gegend. Kirschen halten sie vom 12. März alten Styls an für eßbar, und sie gehen erst aus in der Mitte Julius, wenn die ersten Trauben reifen. Ihre vorzüglichste Ausfuhr aber besteht in Manufacturwaaren, z.B. Mäntel oder rauhe Röcke, Gürtel, Seide, Schnüre und blaue baumwollene Tücher. Die beliebtesten Farben sind Schwarz für Wollenzeuge, Blau für Baumwolle und Carmoisin für Seide. Von gefärbter und verarbeiteter Seide führen sie jährlich dreißigtausend Oka (1 türk. oka = etwa 1,3 kg; theopedia) aus und produciren fünfhundert Maulthierladungen Seide.
.
Dieß sind die Erzeugnisse des Theiles von Magnesia, den das Gebirge Pelion selbst bildet, aber weiter nach Süden liefert Argalasti Butter, Käse und Vieh, und hier bebauet eine in keiner Weise sich von den Griechen unterscheidende oder unterschiedene türkische Einwohnerschaft die spärlichen Felder und hütet Schaf- und Rinderheerden. Die Küsten des Golfs liefern Ueberfluß an Fischen, und die Hügel sind versehen mit allen Arten Wild, wilden Ziegen, wildem Geflügel und Hochwild. Trikkeri ist berühmt wegen seiner Handelsthätigkeit, und schickt Schiffer aus, die in der ganzen Levante nach Schwämmen tauchen. Es besitzt verschiedene Schooner und Trikanderis (eine Art von καΐκι; theopedia), die hauptsächlich Küstenfahrt in diesen Gegenden treiben, sich aber auch bis nach Alexandria und Konstantinopel wagen.
.
(…) In diesem engen Umkreise von Hügeln, die den Golf umschließen und von denen überdieß ein großer Theil vollständig nackt und durchaus unzugänglich ist, wohnt eine Volkszahl von 50.000 Seelen, unter denen so verschiedenartige Künste blühen und die seit Jahrhunderten Freiheit und Ueberfluß genießen. (…) Durch ihre geographische Lage sind sie vor den wilden Stämmen geschützt, die seit so vielen Jahrhunderten ihre Nachbarn in der Ebene unterdrückten, und die Kirche schirmte sie vor den Mißbräuchen der Regierung. Dieser Bezirk beweist, was der Boden hervorbringen kann, und welche Glückseligkeit der Mensch erreichen darf, wenn er befreit ist von dem Eindringen der Gesetze.*
.
*) Der heilige Augustin sagt: “Mächtige Menschen thun Böses und machen dann Gesetze, um sich selbst zu rechtfertigen.”
.
Urquhart schließt mit einem Zitat von Edward Dodwell, dem Reiseschriftsteller und Maler, der im ganz frühen 19. Jahrhundert Griechenland bereiste und viele wunderbare Bilder hinterlassen hat:
.
“Diese köstliche Gegend (Magnesia),”sagt Hr. Dodwell, “zeigt in all ihren reichen Mischungen des Laubwerks und der verschiedenartigen Gestalt den üppig sich ausbreitenden Platanus, die majestätisch kräftige Castanie, die hochstrebende Cypresse, die glücklich gemischt sind mit Reben, Granatäpfeln, Mandeln und Feigen. Hier mag der Müde ruhen, und wer Hunger und Durst leidet, sich sättigen. Auch das Ohr hat seinen Antheil am Genuß, die Nachtigall und andere Vögel hört man selbst in den belebtesten Gassen, und Fülle, Sicherheit und Zufriedenheit sind überall verbreitet. Der Pelion ist geschmückt mit etwa vierundzwanzig großen und reichen Dörfern, von denen einige wohl den Namen Stadt verdienten; sie werden von kräftig und athletisch gebauten Griechen bewohnt, die hinreichend muthig und zahlreich sind, um ihre Nachbarn, die Türken, nicht zu fürchten.”
.
Übrigens war Urquhart auf dieser Griechenland-Reise ständig auf demselben Maultier unterwegs. Es hieß Aristoteles, und hatte die Angewohnheit, unaufgefordert bei jedem antiken Gebäuderest im Gelände stehenzubleiben.
.
NACHTRAG: Ein Londoner Antiquar hat einmal meine entsetzte Bemerkung “Too expensive!” über eins seiner Bücher zurückgewiesen mit einem: “Don’t think of it as a book, think of it as an investment!”. (Da ging es um William Martin Leake’s “Travels in Northern Greece”. Oder war das Henry Holland’s “Travels” von 1815?) Urquhart’s “Spirit of the East” (die komplette Ausgabe, mit den beiden Karten) wurde 1989 bei Sotheby’s in der Versteigerung der 1500 Bände der Henry M. Blackmer Sammlung für – umgerechnet – 1600 Euro verkauft.  Urquhart’s “Turkey and it’s Resources” hat an dem Tag 2100 Euro gebracht (Schätzpreis 200 Euro). Hm, ich sollte mal was über die Blackmer-Sammlung schreiben …
.

.
Die Scans der übersetzten Pilion-Seiten:
.
Seite 221: ..Seite 222:

Seite 223: ..Seite 224: 

Seite 225:
.
WEITER ZUM ENGLISCHEN ORIGINALTEXT: 17b URQUHART PILION 1839
.
ZURÜCK ZU  PILION (Einleitung)
.
ZURÜCK ZUR  STARTSEITE

5 comments

  1. Keine Ahnung, Richi. Otto von Bismarcks Vater Ferdinand hat noch bis 1845 gelebt. Wer weiß, wie groß die Familie war, wie viele Onkel und Großneffen es gab.
    Und es gibt ja auch einen Ort in Sachsen-Anhalt, sagt meine unermüdliche Suchmaschine, der Bismark heißt, ohne c … und Vinila von Bismark, die Sängerin von Krakovia, einer Band, die klingt, wie man in den 80er Jahren so klang.
    Aber die Dame hat diesen Namen nur erfunden …

  2. Ja, aber ich darf das: meine Website geht über Inseln. Und die stehen auch im Mai auf dem Programm. :-)
    Hab inzwischen ausführlichst den Reiseführer studiert.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s