… Ansichtssache 14.10.09

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1. Acheloos = Zwei Jahre gewonnen
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14.10.2009 – Das griechische Oberste Verwaltungsgericht hat beim Europäischen Gerichtshof ein Urteil (“Vorabentscheidung”) darüber angefordert, ob der Stau und die Umleitung des Acheloos-Flusses in Richtung der thessalischen Ebene (siehe Ansichtssache 12.08.09) nach dem Stand der europäischen Umweltgesetzgebung zulässig ist.
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Zahlreiche Umweltorganisationen im westlichen Griechenland hatten diese Baumaßnahme als potentielle Umweltkatastrophe bezeichnet und dagegen geklagt. (Die Umleitung wurde von der früheren Regierungspartei Nea Demokratia gefördert, von der Wahlgewinnerin PASOK im Wahlkampf jedoch nur noch zwiespältig beurteilt.)
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Bis eine Entscheidung vom EuGH in Luxemburg gefallen ist, werden erfahrungsgemäß zwei Jahre vergehen. So lange kann in Griechenland kein gerichtliches Urteil zur Sache gefällt werden und
so lange muß der Bau zunächst gestoppt werden.

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ScreenShot185
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Die Straße von Volos zur Ostküste des Pilion, hier an der Paßhöhe bei Chania (1200 m), aus 3000 m Höhe gesehen - copyright: GoogleEarth. Die zweispurige Straße ist gut zu erkennen, im Gegensatz zu den anderen Forststraßen, besonders dank ihrer Seitenbefestigungen. Die Dächer des Wintersportörtchens Chania sind im Foto gut “getarnt”. Oben rechts beginnt die Straße nach Kissos und zum Skizentrum (siehe Thema 1).
Von Volos zur Ostküste des Pilion (z.B. Horefto) sind es nur 18 km Luftlinie, jedoch 46 km Straße, von Seehöhe auf 1200 Meter hinauf und auf Seehöhe wieder hinunter. Das dauert 2,5 Stunden mit dem Auto. Die Straße besteht nämlich nur aus Serpentinen. Im Pilion geht alles langsam. Noch.  “Und das ist gut so …”

2. Pilion = Fünfzehn Minuten gewonnen. Aber wofür?

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Vielleicht interessieren Sie griechische Provinzstraßen ja doch mehr, als Sie im Moment denken. Also red ich mal drüber. (Der Text ist auch ein weiterer Versuch von mir, die griechische Mentalität zu verstehen … :-) … aber je bürgerlicher ihr Stand, desto nordeuropäischer sind sie ja …)
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Vor ein paar Tagen lobten bei In-Greece zwei Forumsbeiträge deutscher Reisender ein neu ausgebautes Straßenstück … von Chania nach Kissos im Pilion. (Ja, das ist am Ende der Welt. Noch.) Ich hätte dies Stück hier gerne als GoogleEarth-Bild dargestellt. Diese Gegend ist leider nicht in guter Auflösung vorhanden.
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Man freute sich darüber, daß es wieder “ein bißchen leichter wurde, zur Ostküste zu kommen”. Zur Ostküste? Aha. Im ersten der Beiträge wurde erwähnt, daß noch keine Hinweisschilder da waren. Im zweiten Beitrag wurde darauf hingewiesen, daß ja auch noch an den Seitenbefestigungen der Straße gearbeitet würde.
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Hm. Wenn die Straße nur für die Einwohner von Kissos und Umgebung gebaut wäre, brauchte man sicher überhaupt keine Hinweisschilder. Kissos ist ein hübsches altes Bergdorf, es hat eine berühmte Kirche (Agia Marina) und eine mit EU-Mitteln aufgemöbelte Platia. (Das war noch zu Drachmen-Zeiten.) Die paar Leute da oben kennen sich da schließlich aus. Aber die hat wahrscheinlich keiner gefragt, als man anfing, die Zugangsstraße zu begradigen …
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Fangen wir mit der Betrachtung der Dinge lieber unten im Tal an. Westlich der kleinen Großstadt Volos. Da hat man zunächst die Autobahn Thessaloniki-Athen auf europäischen Standard gebracht. Die Autobahn führt zwischen Larissa und Volos durch die thessalische Tiefebene. Und Volos kriegte einen autobahnmäßig ausgebauten Zubringer (die E 92). Mit einem großen Gewerbe- und Industriegebiet zu beiden Seiten der neuen Straße.
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Und Volos zog dadurch plötzlich neue Bewohner an. Boomtown Volos. Und Volos brauchte daher Freizeitangebote. Und besser nix Ordinäres … den Fußball hat schon Larissa. Volos hat eine Top-Lage. Volos hat Berge und das Meer in unmittelbarer Nähe. Volos hatte einen verrotteten Hafen und einen Militär-Flugplatz. Der Hafen wurde aufgeräumt, der Flugplatz wird neuerdings sogar international genutzt. Volos hat nun neue noble Vororte, eine breite Hafenpromenade, mit Cafés mit Knautschsesseln vom Provinzdesigner in Reihe. Volos hat Zukunft …
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Und als ich zum ersten Mal die E92 Richtung KTEL-Bus-Station Volos runtergefahren bin … äh … wurde (fast ohne den früher üblichen Stau), da hab ich mich auch gefreut über die neue Asphaltpiste, und das eher scheußliche Gewerbegebiet mit einem “ach-das-brauchen-die-Griechen-schließlich-auch” verdrängt.
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Nur werden keine Fördermittel für eine vierspurige Straße genehmigt, die als Sackgasse irgendwo endet. In der Realität tut sie es jetzt in Volos tatsächlich. Aber es gibt schon so eine neue Straße, die ganz harmlos nördlich am Zentrum von Volos vorbeiführt, und ganz unmotiviert vor dem Höhenzug endet, der zur Zeit noch bergwerkmäßig genutzt wird. Wahrscheinlich kann man da keinen Tunnel durchbauen Richtung Golfküste, obwohl das ideal wäre und sehr zum Segen der Mobilität …
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Ich denke, der Traum eines jeden Straßenbau-Ingenieurs im Bezirk Magnisia wird es sein, die Pilion-Ossa-Gebirgskette mit einer Rundfahrt-Straße zu versehen! Im Westen ist es leicht. Der Osten verlangt nach einer Meisterleistung: Tunnel und Brücken und Tunnel und Brücken …! Am besten schon von ganz weit oben … vom Tempe-Tal aus (dahin … zack … noch eine Autobahn-Ausfahrt!), dann die Küste des Ossa-Gebirges entlang, wo jetzt noch absolut gar nichts ist! Und von der Rundstraße aus noch ein paar Stichstraßen zu den Küstenorten, und klar, dem “Ski-Zentrum” Chania noch eine Sonderbehandlung …
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Wir sind pragmatisch. Erstmal bauen wir überall nur Stückchen. Eine Rennstrecke nach Paltsi. Ein 4-Kilometer-Stück ans Ende (!) des Feldwegs Lafkos-Mikro. Hier was. Da was. Grund zum Straßenbau im Pilion ist heute immer nur die FREIZEIT. (Für die Land- und Forstwirtschaft wäre das nicht nötig.)
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Und … die Griechen finden den Winter-Sport total edel. Mit einem teuren Auto und der Ausrüstung auf dem Dach an einem Winterwochenende in Richtung Berge fahren, das bringt echt was, da knirschen den Nachbarn vor Neid die Zähne … :-)
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Na? Wird darum im Jahr 2009 auch das Stück Straße von Chania nach Kissos fertig? (Schneller von Volos zur Ostküste zum Sonnenbad? Sand zwischen den Zehen? Vergiß es.) In Kissos können wir nämlich nun WOCHENENDHÄUSER bauen … Straßenzugang schneepflug-geeignet … für die Leute, die in Chania auf die Piste gehen! Die aber nicht in Chania wohnen wollen … weil da schon zu viele wohnen.
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Tja, wo die neuen Straßen sind, da folgen immer die Häuser. Und wenn irgendwo alles voll ist, dann trauern auch fortschritts-orientierte Menschen den guten alten Zeiten nach, als die Straßen noch krumm und eng waren …
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(Nicht vergessen: Ob Ziegenherden, Borkenkäfer oder Freizeitnutzer, der Wald braucht uns nicht wirklich, aber er verträgt uns schon, aber er hat für alles eine Obergrenze.)
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26.09.09   Und noch ein kleiner EINSCHUB:
Es kommt öfter mal der Einwand: Warum gönnt ihr deutschen Besserwisser den Griechen ihre neuen Straßen nicht? Also (A) haben wir auch in Deutschland zu viele neue Straßen und (B) als ich Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal im Pilion war, leistete das Dorf Vizitsa noch hartnäckigen Widerstand gegen die Durchgangsstraße von Milies über Pinakates nach Volos. Letztlich zwar vergeblich. Aber das war eine lokale Opposition und das imponiert mir heute noch.
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PS. Also wir Deutschen nehmen auch was auf uns für unsere Wochenend-Freizeit. Wir können das auch ohne Ferienhausbau, solange wir schöne Straßen zur Verfügung haben. Wir können das schon lange: Ich erinnere mich gerade an einen Sonntag auf dem Marmolata-Gletscher (Dolomiten) … vor 30 Jahren. Es war Mitte September (!). Da kamen 3 Münchner zum Skifahren, sie brauchten insgesamt 10 Stunden für die Tour, sagten sie (Autobahn, 6 Lift-Fahrten bis auf Gletscher-Höhe, Umziehen, Bierpause usw.) … zum Skifahren blieb 1 Stunde. Morgens los, abends waren sie wieder zu Hause. Aber es war eine echte Gaudi …
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3. Am Baurecht vorbei
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Die TEEdie 1923 gegründete Technik-Kammer Griechenlands, die die Regierung offiziell in technischen und Ingenieur-Leistungen berät, hat gerade unter 3000 Personen (meist vom Fach) eine Umfrage zum leidigen Thema Recht und Bauwesen gemacht.
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Nach den Erfahrungen derdenigen, die mit dem griechischen Bauwesen zu tun hatten, sind fast alle griechischen Bauten wenigstens teilweise illegal. Diese “Illegalität” wird dadurch erreicht, daß das griechische Stadtplanungs- und Baurecht so unglaublich komplex ist, daß kaum ein Haus in vertretbarer Zeit und mit vertretbarem Aufwand zu Ende gebaut werden kann, ohne daß nicht irgendwann mal das Baurecht etwas “zurechtgerückt” werden müßte. Mal weiß es die Bau-Aufsicht, mal weiß sie es nicht …
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Natürlich gibt es auch völlig illegal gebaute Häuser. 25% aller griechischen Häuser haben überhaupt keine Baugenehmigung, wird geschätzt. 70% der von der TEE befragten Griechen sind dagegen, daß diese Häuser nachträglich legitimisiert werden.
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Auf Grund dieser Stimmungs-Umfrage würde ich in Griechenland noch lange kein Abbruch-Unternehmen gründen … :-)  …
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4 Responses to “… Ansichtssache 14.10.09”

  1. Ulli Says:

    Tja, leider kann man die “gute alte Zeit” bald nicht mehr zurückholen….
    15 Minuten schneller – 1 Frape mehr, den man trinken kann oder 15 Minuten mehr Zeit um den Sonnenschirm aufzubauen und die Strandlaken auszubreiten? Schade, dass alles immer schneller gehen muss, sehr schade…. Habe auch beim Pilion nun die Hoffnung aufgegeben, dass dort die Ursprünglichkeit wenigstens ein klein wenig erhalten bleibt :-(
    Gruß Ulli

  2. Tina Says:

    15 Minuten…

    … um einen Frappe Becher mehr als sonst in die Ecke zu werfen
    … um 3x öfter als sonst seine zu scharf eingestellte Autoalarmanlage ein-/auszuschalten
    … um schlecht geplante Umweltsünden entstehen zu lassen, die heutzutage andere Länder auf Teufel komm raus (Lehrgeld bezahlt?) vermeiden.

    Wieso strömen Italiener in Scharen an die gr. Westküste?
    Auf der Suche nach romantischen Buchten und nicht bebauten Stränden ohne den ganzen Sonnenliegentrara (obwohl, Ausnahmen bestätigen bei letzerem vielleicht doch die Regel)
    Was passiert? Schnell jedes Fleckchen Strand “zivilisieren” um noch einen Euro raus zu holen.
    Warte nur darauf dass der Anblick der gr. Küste bald der Umgebung von Rimini gleicht, das Tempo ist enorm hoch :o (

  3. Lobenstein Says:

    Zitat:” Nur werden keine Fördermittel für eine vierspurige Straße genehmigt, die als Sackgasse irgendwo endet. In der Realität tut sie es jetzt in Volos tatsächlich. Aber es gibt schon so eine neue Straße, die ganz harmlos nördlich am Zentrum von Volos vorbeiführt, und ganz unmotiviert vor dem Höhenzug endet, der zur Zeit noch bergwerkmäßig genutzt wird. Wahrscheinlich kann man da keinen Tunnel durchbauen Richtung Golfküste, obwohl das ideal wäre und sehr zum Segen der Mobilität …”
    Also da sind sie nicht mehr auf dem neuestem Stand- ich hab seit 83 ein Ferienhaus auf der Halbinsel ,war grad vor einer Woche da und kann Ihnen verraten dass der Tunnel im Anschluss an die meistens 6 spurige Ring Road -die schon fertig ist- fleissig gebaut wird.Die Strasse endet also nicht unmotiviert. Und alle Anwohner (auch die vielen Ausländer )finden das gut – denn die beiden Einbahn Strassen durch Volos -durch die sich bislang der gesamte Verkehr zum Südpilion quetscht -sind hoffnungslos überlastet.
    Und ich hoffe darauf dass die Strasse dann auch noch 25 km weiter gebaut wird.(muss wirklich nicht 6 spurig sein) Dadurch werden nämlich die ganzen kleinen Dörfchen am Meer endlich vom Durchgangsverkehr/Laster befreit.Strassenbau ist nicht immer Teufelswerk.
    Und zu meinen Vorrednern:
    Die griechische Küste wird nie wie Rimini ausschauen. Sie sollten sich mal wirklich in Italien oder Spanien umschauen.Ich war grad im Nobelort Forte dei Marmi in der Toskana.Da gibts auf 5 km keinen einzigen freien Strandzugang mehr- alles an die Bagni verpachtet und abgesperrt. Und die spanischen Bausünden dürften allen bekannt sein.Davon ist Gr weit weit entfernt.

  4. theo48 Says:

    Die spanische Situation ist mir bekannt. auch die türkische. Da hieß es an der Südküste in den 80er Jahren noch: Um Himmels Willen, NIEMALS werden wir so blöd sein und die Fehler der Spanier machen … haha …

    Argumentation und Handlungsweise von lokalen Tourismusverbänden ist immer die gleiche, wie bei Suchtkranken: Die Situation bei uns in X (z.B. Pilion) ist doch längst nicht so schlimm wie die in Y (z.B. Rimini). Das bißchen Umgehungsstraße und die 500 neuen Hotelzimmer verträgt die Gegend bei uns mit Leichtigkeit.
    Bausünden erkennen sie zwar alle, nur nicht die vor der eigenen Haustür.

    Theo

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