Siebertz 3: Die Blutrache

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“Ein selbständiges Albanien wird sehr lange mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Der ganze Norden des Landes ist nämlich von wilden Bergstämmen bewohnt, die keine Behörden und keine Gerichte anerkennen, keine Steuern zahlen und keine Rekruten stellen, bei denen dem Verbrechen noch die Blutrache folgt, und die Stämme einander in blutiger Fehde bekriegen. Diese Stämme leben auf einer Kulturstufe, die die Germanen zur Zeit des Tacitus erreicht hatten.”
Arbeiterzeitung, Wien, 15.11.1912
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Das Urteil aus der fernen Großstadt mag sehr polemisch klingen. Aber die Leute, die das Land aus erster Hand kannten, dachten darüber kaum anders. Paul Siebertz schrieb 1910 in ‘Albanien und die Albanesen’ über das zentrale Thema der Blutrache in Albanien: “Man darf wohl sagen, daß in keinem Lande der Welt die Blutrache in solch strenger Form herrscht, so sehr auch dem Reisenden auf Schritt und Tritt in Erinnerung gebracht wird, als in Albanien.”
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Nur ausnahmsweise soll also hier Mord und Rache das Thema sein – wenn man drüber schweigt, kann man es wahrscheinlich ganz lassen, über das Reisen in diesem Nachbarland Griechenlands vor 100 Jahren zu schreiben.
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Die individuell und unmittelbar auszuübende Vergeltung war das zentrale Rechtsprinzip. Und das furchterregende Prinzip sorgte dafür, daß das auch geographisch unzugängliche Land in ganz Europa nur als eine Art finstere Märchenwelt hinter den Bergen bekannt war. (Stephan von Kotze schrieb damals über den ganzen Balkan als ‘Das Hinterhaus Europas’ …) Siebertz: “Selbst der Einfluß der Religion ist gegen die Blutrache machtlos. … Sie wird nur nach den strengen Vorschriften der uralten, ungeschriebenen Gesetze des Lek Dukadschin (Kanun i Lek Dukagjinit) gehandhabt. Die Familie eines Ermordeten, schreibt Hahn, ist nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, für das ihr zugefügte Leid an dem Mörder oder an dessen Familie Vergeltung zu üben. Die Blutrache steht jeweils den nächsten Verwandten des Ermordeten zu und in demselben Orte oder Bezirke ist auch der nächste Verwandte des Mörders ihr Objekt, wenn dieser selbst nicht erreichbar ist.”
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Wenn keine Staatsmacht zur Verfügung steht, um Unrecht zu bestrafen, wenn sich jeder individuell um seine Interessen kümmert, dann ist damit auch jeder Willkür Tür und Tor geöffnet, so sehr man sich auf ein gemeinsam vereinbartes Grundgesetz verlassen mag. Gut, jeder war verpflichtet, auf Normverletzungen zu reagieren, aber in welcher Form und Heftigkeit er reagieren wollte, das hing wohl stark von der Laune ab. Siebertz:  “Auch kommt es vor, daß sie (die Familie eines Ermordeten) für einen ihrer Verwandten mehrere Opfer aus der Familie des Mörders fordern; ‘jeder meiner Verwandten wiegt sechs Männer’ rühmt sich der Albanese.”
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“Da nun jedes Vergeltungsopfer ein neues Opfer aus des Schoße des feindlichen Geschlechtes erheischt, und die Rachepflicht und Blutschuld sich vom Vater auf den Sohn vererbt, so rottet mitunter diese Sitte in wenigen Jahren zahlreiche Geschlechter aus.” Auf diese Weise sterben  in Nordalbanien etwa ein Viertel der Männer eines gewaltsamen Todes. Die osmanische Bürokratie berührt das nicht. Aber die christlichen Pfarrer der Gemeinden haben darüber eine Mordstatistik geführt:
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Bis zu 42% der Männer sterben durch Mord und Rachemord (Bezirk Toplana). Das zeugt von einer gewissen Hartnäckigkeit bei der ‘Rechtsausübung’. Eine derartige Rate von Lynch- und Todesstrafe-Fällen hat kein einziger Staat im wildesten US-amerikanischen Mittelwesten jemals erreicht, denke ich … :-) … Siebertz: “Es ist unglaublich, mit welcher Zähigkeit bei den Malzoren ein Bluträcher sein Opfer verfolgt.”
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Männer können jahrelang ihr Haus nicht mehr verlassen (ihre Frauen machen die Feldarbeit während der Zeit) oder sie flüchten und können jahrelang oder lebenslang nicht in ihr Heimatgebiet zurückkehren. “Ihr Schicksal wird ihnen jedoch überall durch die Gastfreundschaft erleichtert. In jedem Haus finden sie Unterkunft und Verpflegung, kein Albanese wird sie ohne triftige Gründe abweisen.”
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Das Flüchten und Abwarten konnte sich lohnen, denn man konnte sich auch finanziell darüber einigen, die Vergeltung aufzuheben. Die berühmte albanische Gastfreundschaft konnte sogar die Blutrache aufheben, wenigstens vorübergehend. Ein Mörder konnte sich sogar im Haus des Rächers als Gast aufhalten, wenn er von einem Freund des Hauses dort eingeführt wurde. Siebertz schildert eine Geschichte, die Steinmetz erlebt hatte … Mörder und Rächer saßen friedlich zusammen und plauderten.
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Jemand, der unter seinen Gästen einen Mörder erkennt (auch wenn seine Familie vom Mord nicht betroffen ist) sollte den Mörder auch keinesfalls in seinem Haus angreifen, um einer objektiven Gerechtigkeit genüge zu tun. Er verfällt damit der Blutrache der gesamten (!) Gemeinde. Die Verletzung des Gastrechts ist eine in keiner Weise hinzunehmende Sache.
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Die Kirche hat nicht mehr erreicht, als die dörflichen Kirchweihtage von der Blutracheausführung freizuhalten, bestimmte geweihte Wegkreuze im Gebirge sind auch tabu. Ansonsten sind die Bergbewohner der Ansicht, Gott hätte ihnen bestimmt keine Gewehre gegeben, wenn er nicht gewollt hätte, daß sie sie auch benutzen …
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Aber die Gastfreundschaft wird in der Realität auch verletzt, wenn es nur irgendwie machbar ist. Und gemordet wird aus nichtigen Gründen, und auch der fremde Reisende ist plötzlich mitten drin in inneralbanischen Konflikten. Steinmetz entgeht um ein Haar einer Schießerei, weil sich zwei feindliche Parteien im Dorf darum streiten, für ihn bezahlte Begleiter sein zu dürfen. Und mindestens eine Partei hatte die feste Absicht, ihn gleich mit zu erschiessen …
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Die Mordstatistik mal ignorierend, kann Siebertz der Blutrache durchaus etwas abgewinnen. Wenn es die nicht gäbe, versänke Albanien in der totalen Anarchie. Er zitiert einen gewissen Dr. Musil,  der 1907 über ähnliche Verhältnisse in Arabien geschrieben habe: “Die Institution der Blutrache gehört in den Gebieten, die einer festen Staatsmacht entbehren, zu den größten Wohltaten. Denn wenn man keinen Rächer hinter sich hätte, wäre man einzig auf Gott und sich selbst angewiesen und darum in ständiger Gefahr, das Leben gewaltsam zu verlieren. Hat man aber einen Rächer, so kann man des Lebens sicher sein und sich auch in der Wüste so sicher fühlen wie in der belebtesten Straße einer europäischen Großstadt.” Wenn 25% aller männlichen Todesfälle durch Mord geschehen, wie in Albanien 1902 (siehe oben), bin ich nicht mehr so sicher über die ‘Wohltaten’ …
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Das Leben in den Bergen prägt jedenfalls die Angst, so großspurig die (männlichen) Bewohner auch auftreten mögen. Man traut sich nicht über die Grenzen seiner unmittelbaren Umgebung hinaus. Und jede wirtschaftliche Entwicklung ist dadurch gehemmt. 1898 schreiben die ‘Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft Wiens’: “Die besten Viehweiden bleiben unbenutzt, der Ackerbau ist auf die allernächste Umgebung der Siedelungen beschränkt und auf größeren Wanderungen sucht man stets in Begleitung mehrerer Dorfgenossen auszugehen.”
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Siebertz sieht das auch: “Ganz abgesehen von der Unfruchtbarkeit des Bodens in der Malcija liegt wohl die Ursache des primitiven Zustandes der Landwirtschaft in Albanien auch in den Verhältnissen des Landes selbst. Mit geladener Flinte am Rücken oder auch bloß durch die Arbeitskräfte der Frauen läßt sich keine erfolgreiche Landwirtschaft betreiben.” Viele Albaner arbeiten schon damals im Winter in Griechenland, und verdienten damit genug, um ihre Familien ein ganzes Jahr lang zu ernähren. Aber viele Familien wanderten auch gleich aus, viele ins Kosovo. Siebertz: “Durch diese konstante Auswanderung ist im Vilajet Kosovo die ethnographische Grenze zu Ungunsten der Slawen langsam aber sicher nach Osten verschoben worden.”
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Was das Durchschnittsalter der Männer ein wenig erhöhte, war, daß die Albaner gewöhnlich schlechte Schützen waren und miese Gewehre hatten. Sowohl Siebertz wie Steinmetz renommieren bei ihren Gastgebern mit ihren hochmodernen Waffen (und wecken auch Begehrlichkeiten …). Siebertz hat in seinem Buch gleich zwei Seiten Platz für einen Schießwettbewerb, bei dem er (trotz seines Rakigenusses …) mit seinem supermodern-handlichen Gewehr (Mannlicher-Schönauer) eine Klasse besser ist als die Einheimischen inklusive eines berüchtigten und zielsicheren Blutrache-Mörders. Der ist am Ende so begeistert von Siebertz Treffsicherheit, daß er ihn zu seinem besten Freund erklärt und eine Kuh schlachten lassen will, um die neue Freundschaft mit einem erneuten Riesen-Festessen zu feiern. Aber Siebertz reist lieber ab. Von Festessen hat er genug gehabt …
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Ja, da hat man dann tatsächlich wieder an Karl May gedacht. Kara Ben Nemsi, der Bote der industriellen Welt im Orient, führte doch ‘unterwegs’ auch immer solche fantastischen Hilfsmittel vor …
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Albanien und die Albanesen, Paul Siebertz, Manz Verlag/Wien 1910
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