Reisen in Albanien um 1910

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Der Hartleben Reiseführer führte vor 100 Jahren sein Publikum nur an der Küste Albaniens entlang! Das Phänomen scheint sich bis heute nicht wesentlich geändert zu haben. (Albanien soll heute etwa 200 Hotels haben … wenn sie nicht in der Hauptstadt Tirana stehen, stehen sie in den Küstenorten.)
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We are all travelling
in the footsteps
of the ones
that went before
(Bruce Springsteen)
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Eins meiner Themen ist (neben dem heutigen Griechenland) das Reisen nach und in Griechenland im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
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Es gab um 1900 drei Wege von Nordeuropa nach Griechenland, die im wesentlichen eins gemeinsam hatten. Sie vermieden die Landwege durch das Osmanische Reich: (A) über Italien, also von Brindisi oder Venedig nach Patras/Korinth/Athen, (B) die Donau entlang, über das Schwarze Meer, durch den Bosporus und die nördliche Ägäis, oder (C) von Triest die dalmatinische Küste hinunter über Korfu.
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Der dritte Weg führte an der albanischen Küste entlang. Und hatte dort manchmal einige Zwischenstationen. Das hieß nicht, daß damit Albanien als Reiseland erschlossen war. Während Griechenland um die Jahrhundertwende bereits von Pauschalreisenden bereist wurde, und 1910 sogar von der ersten organisierten (Klassen-)Fahrt bayerischer Gymnasiasten besucht wurde, traute sich in den albanischen Häfen in der Regel kein Tourist von Bord. Die Reisenden bewunderten lediglich die silbergrauen Bergrücken in der Ferne und staunten über die exotischen albanischen Großfamilien, die gelegentlich an Bord befördert wurden.
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Albanien war nur in den Städten der Ebenen von Bürokratie und Militär der Osmanen besetzt, in den Bergen (besonders im Norden) herrschten seit Generationen die eingeborenen Stämme. Das Bergland war arm, ohne jede Infrastruktur, ohne Chance zur Entwicklung, und das seit dem Mittelalter tradierte Gewohnheitsrecht (der Kanun i Lek Dukagjinit) war inzwischen teilweise zu einem reinen Willkür-System herabgesunken. In winzig kleinen Revieren herrschten “warlords” mit ihren Großfamilien durch Raub, Viehdiebstahl, Kreditbetrug, Erpressung und Mord. Ein Viertel aller Männer in Nordalbanien starb durch Gewalt. Eine wirtschaftlicher Fortschritt war in dieser Anarchie praktisch unmöglich geworden, und der Regierung in Konstantinopel war es inzwischen sowieso egal. Immer mehr Albaner wanderten aus, aus dem Süden viele nach Griechenland, wegen Armut und Hunger, wegen Todesangst vor der Blutrache.
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Mesi Brücke, Skutari
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Der Hartleben Reiseführer von 1899 bedauert die Umstände – natürlich ohne die Gewaltgeschichten zu nennen. Der südlichste albanische Hafen war damals noch Preveza, das “leider” unter türkischem Recht geblieben war und inzwischen vernachlässigt und verfallen war: “Preveza ist ganz und gar unansehnlich.” Dabei sei es doch so reizvoll, die antike Stadt Nikopolis im Norden der Stadt zu besuchen, in der so malerischen und “von Lorbeer, Myrthen und Oelbäumen umkränzten” Umgebung! Man könne von da aus auch auf dem Lande weiterkommen, aber nur, wenn man die Strapazen “orientalischer Landreisen” gewohnt sei!
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Auch so konnte “orientalisches Landreisen” aussehen, wenn mal grad die Brücke fehlte (aus Siebertz: Albanien)
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Wer sich also damals aus dem Umfeld der albanischen Hafenstädte herausbewegte und “orientalisch” reisen konnte, der ging doch ein ziemliches Risiko ein, wenn Fremde prinzipiell auch vom inneralbanischen Streit nicht betroffen waren. (Bei Karl Steinmetz … 1903 und 1904 … finden sich allerdings genug Zwischenfälle, wo auf den fremden Gast absolut keine Rücksicht genommen wird!)
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Und diese Reisenden waren im seltensten Fall privaten Vergnügungstouristen. Und sie hatten eine gewisse diskrete bzw. offene Unterstützung: diplomatische Hilfe vor der Reise, kein Schritt im Land ohne Bewaffnung, immer sprach- und wegkundige Helfer vor Ort. Die wenigen Reisenden in Albanien hatten damals offenbar so etwas wie Spionagetätigkeit für die benachbarten Großmächte im Sinn. Wenn sie auch nicht für ihre Auskünfte bezahlt wurden, dann doch beim Reisen “gefördert” wie Paul Siebertz von der Wiener Zeitung “Das Vaterland”. Oder sie waren Ingenieure wie Steinmetz, die ganz beiläufig das Nachbarland ein bißchen vermessen und für den Verkehrswegebau prüfen wollten.
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Im Vorfeld der Balkankriege von 1912 hatten die Nachbarn des zerfallenden Osmanischen Reiches schon über sein Territorium auf dem europäischen Boden spekuliert. An der Adria trafen die Interessen Italiens und Österreich-Ungarn und Griechenlands aufeinander. Österreich-Ungarn annektierte schon seit längerem, was nur ging (Bosnien-Herzegowina hatte man schon). Im Wiener Hartleben Reiseführer Bosnien und Hercegowina von 1903 steht vorne als allererster Satz: “Bosnien und die Hercegowina sind die Touristenländer der Zukunft.”
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Wenn man ‘unzivilisierte’ Länder nicht mit Missionaren oder Soldaten erschließt, dann mit Touristen …
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Und nicht erst mit Mussolini war der Gedanke entstanden, die Adria solle (wieder) ein italienisches Binnen-Meer sein. (“L’Adriadico è mare Italiano!”) Und Österreich spekulierte jenseits der Adria sogar darauf, sich zukünftig das makedonische Thessaloniki als Ägäis-Hafen einzurichten.
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Nach dem Balkankrieg und dem I. Weltkrieg sah das alles etwas anders aus. Das Ländchen Albanien war “selbständig” geworden, jedoch Italien mit einem Bündnis verpflichtet, und die Griechen hatten den südlichen Epirus und Makedonien dazugewonnen.
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Tirana, in den 1920er Jahren
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Durch die Selbständigkeit hatte Albanien jedoch nicht viel gewonnen, was den Tourismus betraf: “Der Fremdenverkehr in Albanien ist noch unbedeutend und beschränkt sich auf wenige hundert mehr oder minder zufällige Ausflügler im Jahre, die meist nur einige Stunden, selten mehr als zwei, drei Tage im Lande verbleiben. Von einer Organisation des Touristenverkehrs ist hier keine Rede.” schreibt Paul Sieber’s  “Führer durch Griechenland und Albanien” im Jahre 1931. Immerhin gibt es 1930 sogar die Fluggesellschaft Adria Aero Lloyd mit Sitz in Tirana (5 Strecken, davon eine “internationale” nach Brindisi/Italien), aber auf dem Land sollte man keine Gaststätten erwarten. Man sollte sich an den Dorfältesten oder den Dorfpfarrer wenden, auf deren Gastfreundschaft man sich wie früher verlassen mußte. Das sei umsonst. Eine Spende für die Gemeinde oder für die Kinder sei angebracht.
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Auffällig: 1930 wurden laut Sieber 67% der 850.000 Angehörigen des albanischen Königreichs als muslimisch gezählt,  21% als orthodox, und nur 12% als katholisch. (Um 1900 waren das Verhältnis Muslime/Christen angeblich noch 50/50, und bei den Christen waren es noch überwiegend Katholiken.) Weitere 1,2 Millionen Albaner lebten im Ausland, vornehmlich in Griechenland, in Süditalien und  in den USA.
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Griechenland und Albanien sind eng verwandte Nachbarn. Ich will mit den folgenden Seiten ein Stimmungsbild aus der Welt Albaniens vor 100 Jahren zeigen:
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Die albanische Gastfreundschaft:
Die Rolle der albanischen Frauen:
Das traditionelle Recht und die Blutrache:
Am Ende eine Flucht vor den Gastgebern:
Ein paar Zitate eines österreichischen Diplomaten und Reiseschriftstellers:
Ernst von Hesse-Wartegg: Albanien 1917
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