A Summer’s Cruise 1887

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Noch aus der Gründerzeit: Alte Feuerwehrfahrzeuge im Rathaushof von Hermoupolis/Syros
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Nachdem ich die Seite über Agios Efstratios 1904 ins Netz gesetzt hatte, vermutete jemand in einem Griechenlandforum, ich hätte wohl ein ganzes Zimmer voller antiker Reisebücher über Griechenland. Nun, das ist nicht so, aber es sind zahlreiche. Ein Nachteil der Reisebücher des 19. Jahrhunderts ist, daß viele von Archäologen und Geschichtswissenschaftlern verfaßt worden sind … und die Herren haben alle den gleichen Blickwinkel (rückwärts) und sie besuchen auch alle die gleichen Orte (wo die Trümmer sind, klar) und sie ignorieren allzu oft den griechischen Alltag. Ich werde also die meisten dieser Bücher hier ignorieren können.
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Aber es waren natürlich auch Leute mit einer anderen Perspektive unterwegs. James Alfred Colbeck zum Beispiel war Missionar, der für die Anglikanische Kirche in der Welt unterwegs war. In Burma soll er sehr erfolgreich gewesen sein (bei Interesse siehe “Mandalay in 1878-1879; Letters of J.A. Colbeck”). Er hat 1887 in “A Summer’s Cruise” auch eine Reise durchs Mittelmeer, die Ägäis, den Bosporus und das Schwarze Meer beschrieben.
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Das ist eine besinnliche, aber keine Vergnügungsreise. (Es ist auch nicht immer ein Vergnügen, das zu lesen.) Colbeck philosophiert im Buch über die orthodoxe Kirche, den Apostel Paulus, den Islam, die russischen Nihilisten, und warum niemand in Griechenland den Sonntag in Grabesstille feiert, so wie die frommen Engländer …
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Britische Sabbatstille galt nämlich am Mittelmeer als bloße Gefühlsduseligkeit: “Our English Sunday is ridiculed abroad. Our shops are closed, ours streets are deserted, what to us appears reverential, to the foreigner appears a foolish and self-imposed melancholy.”
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Aber wer die Welt verändern will, muß auch beobachten können, was in der Realität passiert. Ein langes und interessantes Kapitel gilt “Syra”, also Syros. Der Kanal von Korinth war noch nicht fertig, Piräus lag noch im abseits, und Syros war der Mittelpunkt der Ägäis. Hier traf sich der Verkehr aus Gibraltar, Konstantinopel, Smyrna, Athen und Alexandria. Die anderen Inseln der Ägäis sind Colbeck nur ein paar Bemerkungen wert, Syros und ihre Hauptstadt Hermoupolis verdienen jedoch ein langes Kapitel.
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Er sieht die Insel als einen halb europäischen – halb asiatischen Ort. Die großen Schiffe sind aus dem Westen, die Passagiere sind meist aus dem Orient: “(Syra is) the only important port lying between the borderlands of Europe and Asia, partakes of the peculiarities of both continents, and reflects the life of the East and the West. The Cunard steamers call occasionally, and frequently the Austrian Lloyd steamers. Turks, Greeks, Jews, Albanians, Armenians, Egyptians, Italians, Germans, French, English, the last four in small numbers, all mixing together …”
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Hermoupolis und Ano Syros
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Der moderne Ort am Hafen ist ja eine Neugründung, gegründet von Flüchtlingen aus Chios und Psara. Pastellfarbene Häuser mit vergitterten grünen Fenstern bewundert er: “Syra is a picturesque town. … Every house is painted or washed with a light colour, and sometimes with two or three colours – white, grey, blue, pink – and the latticed windows generally green.”
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Colbeck kommt aus gerade aus dem trüben England. Er schaut sich zwar um wie ein Tourist, aber ihm klappt doch der Unterkiefer nicht herunter vor Staunen. Er hat weitaus exotischere Gegenden gesehen als das “orientalische” Griechenland. Er kennt Indien und das ferne Asien. Und ein christlicher Missionar ist eigentlich in keiner Weltgegend nur ein Tourist …
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Aber Colbeck gibt einem ja noch ein paar schöne Stichwörter, während er über Syros redet: Die Weinfässer in den Kneipen etwa, die Spaziergänger auf der Platia Miaoulis … :-) … na gut, die Platia ist nicht mehr das absolute Zentrum für den Abendspaziergang, die Cafés sind abgewandert zum Hafen, und die dicken Weinfässer benutzt seit ein paar Jahren keiner mehr. Der billige Wein kommt aus Kreta, in Plastiktonnen, und auch die größten Nostalgiker füllen ihn nicht mehr um …
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Die Flüchtlinge des 19. Jahrhunderts in Hermoupolis sind keine armen Leute. Jedenfalls nicht alle. (Das katholische Syros hatte schon in osmanischer Zeit eine französische Garnison, es war man auch in der Zeit des ganz jungen griechischen Staates ein relativ sicherer Platz, gerade darum kamen die Revolutions-Flüchtlinge aus der Nordägäis hierher …) Es entstehen in kurzer Zeit stattliche Wohnhäuser und auch repräsentative öffentliche Gebäude: Das Opernhaus (!), orthodoxe Kirchen, die Quarantänestation, Hafen und Zollamt, Schulen, Krankenhaus, Märkte, Manufakturen, und … das riesige Rathaus mit dem großen öffentlichen Vorplatz.
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Am meisten los ist auf dem Platz vor dem damals noch halbfertigen Rathaus. Hier trifft sich der bürgerliche Teil der Stadt zum Spaziergang, sitzt beim Kaffee, bei Limonade oder der Wasserpfeife und hört der Militärkapelle zu: “The most favourable time and place for seeing the people of Syra is in the evening in the public square. … Then the band commences its stirring music. Then the cafés drive a thriving trade. Every balcony is filled with merry groups. Every seat and table under the trees are occupied by eaters, drinkers, and loungers. Waiters are running to and fro with rich, aromatic coffee in tiny cups; and delicious lemonade in glasses; and large narghilés, the bubbling pipes of the East …”
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Auf der Platia kann es auch heute manchmal noch sehr voll sein: Makedonien-Demo
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Die Damen und Herren des besseren Standes tragen “westliche” Kleidung, wirken modisch-gepflegt, und die zahlreichen Kinder scheinen auffällig umsorgt zu sein: “And on the smooth marble pavement of the open square, bounded right along one side by a partly finished handsome public building, several hundred people and many little children promenade arm-in-arm … both men and women dressing in the prevailing Western costumes, and with very good taste. But the most attractive sight in the public square is the great number of little children … these children have happy homes, and are well cared for – a fact of the highest importance to the future welfare of Greece.
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Platia Miaouli: Ja, auf die Wohlfahrt Griechenlands … :-)
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Aber es ist noch viel zu tun in der Stadt. Das Rathaus zum Beispiel:
“The large public buildings of Syra, extending along the entire length of the northern side of the square, are only half completed, if even so much, and have remained in this condition several years. The strong aversion to debt is shared by the civil authorities. They only built while the money lasted, and, when the money was done, stayed the building until funds could accumulate large enough to warrant a recommencement. The accumulation appears to be a very slow process, and apparently the buildings are no nearer completion now than they were ten years ago. It would certainly seem a more sensible plan not to begin building until all the money is ready …”
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Architekt Ziller hatte auch eine billigeren Entwurf ohne die repräsentative Treppe abgeliefert. Aber die drei Türen unten wirken kümmerlich.
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Colbeck vermutet, daß nur dann, wenn Geld im städtischen Etat übrig ist, ein neues Stück am Rathaus gebaut wird. Hier unterschätzt er die starke lokale Opposition, die das (bei 25.000 Einwohnern gigantische) Rathaus prinzipiell gar nicht wollte. Das von Ernst Ziller (1837-1923) entworfene Rathaus war nämlich mit 600.000 Drachmen für seine Zeit ungeheuer teuer – und darum wurde immer wieder von der Anti-Rathaus-Fraktion versucht, den Bau stillzulegen oder abzubrechen. Travlos und Kokkou (“Hermoupolis – The Creation Of A New City”, 1984) zitieren aus der lokalen Presse und den Städtischen Archiven der Zeit, warum nur so schleppend ein Stockwerk des Rathauses dem anderen folgte. Nicht, wie Colbeck vermutete, weil NICHT mit Krediten gebaut werden sollte von der brav-soliden Stadtführung. Die regierenden Kräfte der Stadt hätten es schon gerne getan, aber die Opposition hat sie immer wieder niedergestimmt, wenigstens vorübergehend …
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“The market is a little lively place in a norrow throughfare leading from the wharf into the public square. The most noticable commodity is fruit …” Der geschlossene Obst- und Brot-Markt wurde damals gerade gebaut. Er ist (westlich des großen Platzes) heute als Markt nicht mehr erkennbar. Die Arkaden sind auch weitgehend abgerissen. Die Marktgasse für Fisch und Fleisch, die vom Hafen her kommt, wird heute teilweise noch in ihrer ursprünglichen Form genutzt.
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“Butchers in the market are a great minority. There are two or three, looking like brigands, with a whole magazine of weapons thrust into the leathern pouch attached to their scarf; and their business is mostly done with the steamers and foreign vessels in the port …” Es mag jahreszeitbedingt sein, daß zu Colbecks Zeit die Metzger auf dem Markt fehlen. Colbeck ist im Hochsommer da, wo die Griechen nach seiner Beobachtung kaum Fleisch essen (und wo es damals schlecht zu konservieren war). Die griechische Hochsommerdiät von 1887 waren gepökelte Fische, Gemüse, Obst, Brot und Wein … und zwar soviel Wein, daß die ganze Stadt danach riecht: “The smell of the wine is not confirmed to the wine shops. It seems to pervade the whole town.”
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1994: Parea unter Weinfässern in Lilis Taverne
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Es gibt viele Weinkneipen, mit den charakteristischen riesigen Weinfässern. Zum Glück ist der Wein nur schwach, und der hitzige Grieche säuft nicht (wie der Brite). Colbeck ist erleichtert: “There are many wineshops, and a moderate amount of drinking, although it is quite an unusual occurrence to behold a man the worse for liquor. The intoxicating quality of the native wines is feeble, and well it is, for if these fiery Greeks were a drunken race, blood would run very freely in the quarrels consequent thereon. The wine-shops, like most of the other shops, are open to the street … and at the back of the shops are arranged the tuns of wine, enormous barrels, raised a little from the floor, and reaching to the ceiling …”
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1994: Vasilis zapft noch aus seinem Weinfaß (Piatsa, Ano Syros)
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Daß man überall über Caféstühle stolpert, daran hat sich bis heute nichts geändert:
“The busiest of thoroughfares are crowded with cafés, and their tables and chairs are set on the pavement …”
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“The sale of rahatlakoum, or Turkish delight, is one of the many minor evidences of the Ottoman influence upon the people of Greece.” Sind Sie auch schon mal von der Bande der Loukoumia-Verkäufer umgerannt worden, die jahrein-jahraus mit ihren Waschkörben die Fähren beim Zwischenhalt auf Syros stürmen?
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Der griechische Mann auf Syros trägt eine weite grobe Hose, und einen ewig langen Stoffschal als Gürtel drum gewickelt. Nein, keine Fustanella, die tragen nur die Albaner! Colbeck findet die Albaner komisch, empfiehlt aber, nicht offen über sie zu lachen, wenn man keinen Streit will. Albaner seien sehr empfindlich: “Only the better clas of Greeks dress in Western costumes. The larger number dress in the characteristic voluminous breeches, and small embroideres jackets, and scarlet scarves, fifteen or twenty yards long, twined round and round their middles. But the most striking and picturesque costume met in Syra, and in most other Grecian towns, is that of the wild Albanian. His kirtle of white linen is in multitudinous folds, gathered about the middle, and stiffly projecting in a circle above the knees, giving the Albanian a comical appearance to the stranger. He himself, however, is supremely unconscious of his comical appearance. He carries himself with a free dignified bearing which it would be plainly dangerous to provoke. His manner implies that he is best let alone …”
Und Sie dachten auch immer, die Fustanella sei eine griechische Tracht?
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Colbeck übernachtet an Bord seines Schiffes. Aber es wird nicht klar, was das Schiff so lange auf Syros aufhält. (Syros war zwar Quarantäne-Station, aber Colbeck kann sich frei bewegen.) Er bedauert, daß nur wenige Engländer zu treffen sind, und am Ende verweht sein Lagebericht auch wieder ins Geschichtlich-Mystische. Da wären mir doch mehr von seinen Friseurbesuchen, mehr Ritte ins Land, Kinderbeerdigungen und Kneipenbesuche lieber gewesen. Aber offensichtlich spricht er weder Griechisch noch das damals (gerade auf Syros!) allgegenwärtige Französisch. “… the one language generally understood by the tradespeople, besides their own Romaic, is French … French words and English money are current everywhere.”
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Bei allen Betrachtungen über die orthodoxe Religion auf Syros und eine Prise Islam dazu … Colbeck hat scheinbar nicht mal gemerkt, daß er sich auf einer stark vom Katholizismus geprägten Insel aufgehalten hat. Selektive Wahrnehmung? Oder wollte er für die päpstliche Konkurrenz keine Reklame machen? Es gibt bei ihm absolut kein Wort über das katholische Dorf Ano Syros! (Vor der Stadtgründung von Hermoupolis war Ano Syros das Siedlungszentrum!)
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Agios Georgios, die katholische Kirche, der höchste Punkt von Ano Syros (Kirche = gebaut im frühen 19. Jh.)
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Das festungsartige Ano Syros kann man wirklich nicht übersehen. Aber Colbeck berichtet nur über einen einzigen Ausflug aufs Land. Und er räumt ein, gut, da zwischen den Hügeln gäbe es schöne Stellen, aber die seien wegen der Piraten gut versteckt (!). Und meist bewegten sich nur die Bauern und die Wasserverkäufer von den Quellen mit ihren Eseln über die schmalen Feldwege. Aber da sei sonst gar nichts Bemerkenswertes! (Nach Ano Syros ging schon damals eine breite Treppe von Hermoupolis rauf …)
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Hm, wenn ein anglikanischer Kirchen-Funktionär eine komplette jahrhundertealte Katholiken-Gemeinde einfach so aus dem Diesseits verbannt, findet das sogar ein alter Heide wie ich ziemlich wunderlich …
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A Summer’s Cruise In The Waters Of Greece, Turkey And Russia
Alfred Colbeck
T. Fisher Unwin / London, 1887, 416 Seiten
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Hermoupolis (The Creation of a new city on Syros at the beginning of the 19th century)
J. Travlos & A. Kokkou
Pubished by the Commercial Bank of Greece
Athen 1984, 214 Seiten + 180 Bildtafeln, gr. und engl. Ausgabe
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One comment

  1. Hi Theo,

    damals war die Plateia Miaouli in mehrere parallel zueinander verlaufende Flanierbahnen aufgeteilt, eine für die Nobilität, die vornehmsten Reeder und Unternehmer und den Metropoliten, eine für die Großbürger und die Geistlichkeit, eine für den Mittelstand und eine für das gewöhnliche Volk. Diese Bahnen sind durch die Pflasterung mit Marmorsteinen unterschiedlicher Qualität leicht erkennbar gewesen. Selbstredend war die Bahn, die mit dem feinsten und edelsten Marmor ausgelegt war, jene für die nobelste Herrschaft gewesen. Es hat eine spezielle Stadtpolizei gegeben, die darüber wachte, dass jeder Stand auf seiner ihm zugewiesenen Bahn blieb und keine Übertritte von einer Bahn auf eine andere stattfanden. Die allabendliche ´Volta`, das Schlendern am Miaouli-Platz und an der Hafenstraße mischte solcherart auf übersichtliche Art für die Zeit eines Spazierganges durch die Stadt die gesellschaftlichen Schichten, die sich nach Vollzug des Flanierens wieder in die ihnen gehörigen Viertel zerteilten.

    Kali spera

    Paul Gourgai

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